Die Salsa verliert eine ihrer prägendsten Stimmen, auch wenn sie nie sang, sondern blies.
Willie Colón, Posaunist, Komponist, Arrangeur und Produzent, starb im Alter von 75 Jahren. Seine Familie teilte mit, er sei friedlich im Kreis seiner Liebsten eingeschlafen. Mehr Details nannten die Angehörigen nicht. Was bleibt, ist Musik, die seit Jahrzehnten durch die Straßen von New York, San Juan und Havanna klingt – und längst um die Welt gereist ist.
Geboren 1950 im New Yorker Stadtteil Bronx als Sohn puerto-ricanischer Eltern, wuchs Colón in einem kulturellen Schmelztiegel auf. In den 1960er-Jahren entstand dort ein musikalisches Labor, in dem Jazz, afro-kubanische Rhythmen und karibische Traditionen aufeinandertrafen. Aus dieser vibrierenden Mischung formte sich die Salsa – urban, selbstbewusst, tanzbar.
Colón begann mit zwölf Jahren Trompete zu spielen. Bald wechselte er zur Posaune, jenem Instrument, das später sein Markenzeichen wurde. Der warme, zugleich durchdringende Klang passte zu seinem Stil: kraftvoll, manchmal rau, stets mit einer Spur Melancholie.
Mit nur 17 Jahren veröffentlichte er 1967 sein erstes Album „El Malo“ beim legendären Label Fania. Ein Titel wie ein Versprechen – oder eine Provokation. Das Werk entwickelte sich rasch zu einem Meilenstein der frühen Salsa-Bewegung. Fania Records avancierte in jenen Jahren zur Kaderschmiede eines neuen Sounds, und Colón zählte zu ihren wichtigsten Protagonisten. Konzerte in Südamerika und auf den Antillen folgten, das Publikum wuchs, die Szene gewann an Selbstbewusstsein.
Doch Colón war weit mehr als ein virtuoser Instrumentalist. Er arrangierte, produzierte, schrieb Songs. Seine musikalische Handschrift prägte Alben der kubanischen Sängerin Celia Cruz, die als „Königin der Salsa“ verehrt wird. Die Zusammenarbeit zweier so unterschiedlicher Temperamente – hier die explosive Bühnenenergie von Cruz, dort die strukturierende Kraft Colóns – führte zu Aufnahmen, die bis heute als Referenz gelten.
Auch mit dem panamaischen Sänger Rubén Blades verband ihn eine langjährige künstlerische Partnerschaft. Gemeinsam schufen sie Stücke, die gesellschaftliche Themen aufgriffen und Salsa aus der reinen Tanzfläche herausholten. Plötzlich erzählte diese Musik von Migration, Ungleichheit und urbanem Leben. Sie war nicht nur Rhythmus, sondern auch Kommentar.
Wer Colón live erlebte, erinnert sich an Konzerte voller Intensität. Beim „Tour 50 Anniversario“-Auftritt 2017 in Guadalajara feierte er fünf Jahrzehnte Karriere – ein Rückblick auf ein Lebenswerk, das Generationen beeinflusste. Da stand kein nostalgischer Altstar auf der Bühne, sondern ein Musiker, der sein Publikum noch immer packte.
Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart. Der puerto-ricanische Superstar Bad Bunny zitierte Colón und dessen Album „El Malo“ in seinem Song „NUEVAYoL“ – eine Hommage an die lateinamerikanischen Communities New Yorks. Bei einem Konzert in São Paulo gedachte Bad Bunny der verstorbenen Legende und betonte, Inspiration vergehe nicht, solange junge Talente die Rhythmen der Karibik weitertragen. Das war mehr als ein höflicher Gruß. Es war ein Staffelstab.
Colón verstand Musik als Ausdruck von Identität. Für viele Puerto-Ricaner in New York bot die Salsa eine Stimme in einer Stadt, die nicht immer zuhören wollte. Die Posaune wurde zum Sprachrohr einer Community, die zwischen Herkunft und Gegenwart ihren Platz suchte. Genau das machte seine Kunst so kraftvoll.
Natürlich veränderte sich die Musikwelt im Lauf der Jahrzehnte. Trends kamen und gingen, digitale Produktionen ersetzten analoge Studios, Streaming verdrängte Vinyl. Doch Colón blieb eine Konstante. Seine Arrangements wirken bis heute erstaunlich modern, als hätten sie den Staub der Zeit einfach abgeschüttelt. Ziemlich cool, ehrlich gesagt.
Mit seinem Tod endet ein Kapitel der amerikanischen Musikgeschichte. Aber die Salsa lebt – in Clubs, auf Festivals, in Wohnzimmern, in den Kopfhörern einer neuen Generation. Solange irgendwo eine Posaune ansetzt und ein Clave-Rhythmus erklingt, klingt auch ein wenig Willie Colón mit.
Die Bühne ist dunkler geworden. Still ist sie nicht.
Andreas M. Brucker