Mit dröhnenden Motoren und wütenden Gesichtern machen sie ihrem Ärger Luft – mitten in Toulouse. Mehrere Dutzend Traktoren wälzten sich am 12. November durch die Stadt, nicht etwa wegen eines Erntefestes, sondern als deutlich sichtbarer Ausdruck tiefsitzender Empörung. Zielscheibe der Wut: Emmanuel Macron. Der französische Präsident hat mit wenigen Worten einen Sturm entfacht – einen Sturm aus Misstrauen, Frustration und der Angst vor dem Ruin.
Die Wurzel des Protests? Das Mercosur-Abkommen.
Macrons jüngste Äußerung, er stehe „positiv, aber wachsam“ gegenüber dem geplanten Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten, wurde von den Landwirten als klarer Wortbruch empfunden. Viele erinnern sich gut an seine Versprechen. „Er hat uns damals in die Augen geschaut und gesagt: Ich werde Mercosur nicht durchgehen lassen“, zitiert Jérôme Barthe, Präsident der FNSEA im Département Aude, mit bitterem Ton. „Er sagte dasselbe auf der Landwirtschaftsmesse. Und jetzt?“
Wer einmal lügt…
„Was zählt heute noch ein gegebenes Wort?“, fragt Jean-Marc Dirat, Chef der FNSEA in Okzitanien. Die Enttäuschung sitzt tief – nicht nur über mögliche Importe von billigem südamerikanischem Fleisch, sondern über eine Politik, die sich aus Sicht der Landwirte zunehmend von ihrer Lebensrealität entfernt hat. Das Vertrauen, ohnehin angeschlagen, scheint nun endgültig erodiert.
Erstmals marschieren die FNSEA, der einflussreiche Agrarverband, Seite an Seite mit den „Ultras der A64“ – einem radikaleren Flügel der Agrarbewegung. Ihr Anführer, Jérôme Bayle, warnt eindringlich vor den sozialen und gesundheitlichen Folgen billiger Fleischimporte. „Das Fleisch aus Südamerika wird in Kantinen landen – bei unseren Kindern. Und mit ihm: Hormone, Antibiotika, alles, was hier verboten ist“, ruft der Viehzüchter aus der Haute-Garonne.
Ein neuer Schulterschluss auf dem Land?
Was hier entsteht, ist mehr als ein vereinzelter Protest. Es ist ein Schulterschluss verschiedener Strömungen innerhalb der bäuerlichen Welt, vereint durch das Gefühl, übergangen und verraten worden zu sein. Lange schwelende Konflikte um niedrige Erzeugerpreise, steigende Betriebskosten und bürokratische Lasten entladen sich nun in einem neuen politischen Klima – und treffen auf einen Präsidenten, der um seine Glaubwürdigkeit kämpfen muss.
Die Bilder von einem Vater-Sohn-Gespann auf dem Traktor gehen viral. Laurent Ollivier, ein Getreidebauer, blickt müde, fast resigniert in die Kamera: „Wir produzieren mit Verlust. Irgendwann muss man sich fragen – warum noch weitermachen?“ Seine Stimme steht für viele, deren wirtschaftliche Existenz auf der Kippe steht.
Die Hoffnung richtet sich auf eine Begegnung mit Emmanuel Macron, der sich an diesem Nachmittag in Toulouse aufhielt. Die Landwirte wollen gehört werden – direkt, ohne Umwege, ohne PR-Berater.
Doch selbst ein Gespräch dürfte den Vertrauensbruch kaum kitten. Zu tief sitzen die Zweifel.
Denn die Frage, die nun über allem steht, ist schlicht: Hat die Politik ihre Bauern verloren?
Autor: Andreas M. Brucker