À la une · 22.06.2025 07:11
Zurück in den Fluss: Wie Paris und Berlin das urbane Baden neu erfinden
Ein Jahrhundert lang war es undenkbar – jetzt wird es Wirklichkeit: Ab Sommer 2025 darf in der Seine gebadet werden. Mitten in Paris. In einem Fluss, der einst als stinkender Abwasserkanal galt. Was wie...
Ein Jahrhundert lang war es undenkbar – jetzt wird es Wirklichkeit: Ab Sommer 2025 darf in der Seine gebadet werden. Mitten in Paris. In einem Fluss, der einst als stinkender Abwasserkanal galt. Was wie ein Sommermärchen klingt, ist das Resultat eines urbanen Wandels, der weit über Frankreich hinaus Wellen schlägt. Auch Berlin träumt von einem Flussbad in der Spree. Ein europäischer Trend nimmt Fahrt auf.
Paris: Olympia macht’s möglich – und dauerhaft
Die Idee, die Seine wieder badefähig zu machen, reicht zurück bis ins Jahr 1988. Jacques Chirac, damals Bürgermeister von Paris, kündigte vollmundig an: „Eines Tages werdet ihr wieder in der Seine schwimmen können!“ Jahrzehntelang klang das wie ein schlechter Scherz. Doch dann kamen die Olympischen Spiele.
Die Zusage für Paris 2024 wurde zum Wendepunkt. Investitionen von rund 1,4 Milliarden Euro flossen in die Modernisierung des Abwassersystems. Herzstück: das Austerlitz-Becken, ein gigantischer unterirdischer Speicher mit einem Fassungsvermögen von 50.000 Kubikmetern – gebaut, um Regenwasser und Abwässer bei Unwettern zurückzuhalten. Ein kluges Stück Infrastrukturpolitik, das plötzlich olympisches Gold wert war.
Während der Spiele im Sommer 2024 wurde die Seine zur Wettkampfarena für Triathlon und Freiwasserschwimmen. Tägliche Wasseranalysen sorgten für die nötige Sicherheit – und für eine spektakuläre Szene: Bürgermeisterin Anne Hidalgo sprang höchstpersönlich in die Seine. Ein politisches Bekenntnis mit Symbolkraft.
Drei neue Badezonen für die Hauptstadt
Nun kommt die Belohnung für alle Pariserinnen und Pariser. Drei offizielle Badezonen öffnen im Sommer 2025 ihre Tore – kostenlos, sicher und umweltgerecht.
1. Bras Marie
Gleich gegenüber der Île Saint-Louis – also mitten im historischen Herzen der Stadt – entsteht eine 70 Meter lange Schwimmzone. Unter der Woche ist der Zugang vormittags möglich, sonntags sogar bis in den späten Nachmittag.
2. Bercy
Neben der Nationalbibliothek entsteht ein echtes Badeparadies: Zwei Becken mit Platz für bis zu 700 Besucherinnen und Besucher, davon 300 im Wasser. Geöffnet von 11 bis 21 Uhr – ideal für hitzegeschädigte Großstädter.
3. Grenelle
Gegenüber der Île aux Cygnes gelegen, richtet sich dieser Ort besonders an Familien. Die 60-Meter-Zone bietet flexible Öffnungszeiten und liegt inmitten eines Wohnviertels – ein Stück Urlaub im Alltag.
Diese Flussbäder sind mehr als eine Abkühlung. Sie stehen für eine neue Art von Stadtnutzung: grün, gemeinschaftlich, klimabewusst.
Berlin: Rebellion im Badeanzug
In Berlin, wo die Spree seit 1925 aus hygienischen Gründen für das Schwimmen tabu ist, brodelt es ebenfalls. Seit 2012 kämpft das Bürgerprojekt Flussbad Berlin für eine Neuinterpretation des innerstädtischen Flusses. Das Ziel: ein 1,8 Kilometer langer Schwimmbereich zwischen dem Berliner Schloss und dem Bode-Museum – mitten auf der Museumsinsel.
Der Clou: Ein 300 Meter langer Pflanzenfilter soll das Spreewasser reinigen, bevor es in die Badezone gelangt. Keine Chemie, keine Hightech – nur Natur und Ingenieurskunst.
Am 17. Juni 2025 setzten rund 200 Berlinerinnen und Berliner ein deutliches Zeichen. Trotz geltenden Verbots sprangen sie demonstrativ in die Spree – eine kollektive „Bade-Demo“ mit klarer Botschaft: Die Wasserqualität ist gut genug. Jetzt seid ihr dran, Politik!
Der Bezirk Mitte zeigte sich daraufhin offen für Gespräche. Frühestens 2026 könnte es so weit sein. Aber klar ist: Der Druck steigt. Die Bevölkerung will ihre Stadt zurück – auch im Wasser.
Vom Abwasserkanal zur Freizeit-Oase: Eine europäische Bewegung
Paris und Berlin sind keine Einzelgänger. Auch in Kopenhagen, Amsterdam und Oslo gehört das urbane Baden längst zur Stadtidentität. Mit Filtersystemen, Überlaufbecken und strikten Regeln haben diese Städte ihre Gewässer nicht nur sauber gemacht – sie haben sie wieder zum Teil des öffentlichen Lebens erklärt.
Warum ist das gerade jetzt so wichtig?
Ganz einfach: Städte ächzen unter dem Klimawandel. Hitzewellen, versiegelte Flächen, fehlende grüne Rückzugsorte. Flüsse und Kanäle werden zu Lebensadern – im wörtlichen Sinn.
Und: Urbane Badezonen fördern nicht nur das Stadtklima, sie schaffen auch neue soziale Räume. Hier trifft sich alles: Alt und Jung, Arm und Reich, Locals und Touristen. Kein Eintritt, kein Dresscode, keine VIP-Zonen – nur Wasser und Gemeinschaft.
Herausforderungen bleiben – aber der Kurs stimmt
Natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die Flüsse müssen regelmäßig überwacht, Sicherheitsdienste organisiert, Schiffsrouten angepasst werden. In Berlin stellt sich zusätzlich die Frage: Wie lassen sich Kulturgut, Denkmalpflege und moderne Badefreuden in Einklang bringen?
Doch der Trend ist nicht aufzuhalten. Urbane Flussbäder sind längst kein Spleen mehr, sondern Teil einer umfassenden Strategie für lebenswertere Städte. Sie kombinieren ökologische Sanierung, soziale Integration und städtische Attraktivität.
Also – wie war das noch gleich mit dem Sprung ins kalte Wasser?
Vielleicht ist genau das, was unsere Städte brauchen.
Autor: Andreas M. Brucker