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Zwei Daten, ein Sieg: Warum Frankreich am 8. Mai feiert und Russland am 9. Mai

Der Zweite Weltkrieg endete nicht an einem einzigen Tag – zumindest nicht für alle Nationen. Während in Frankreich am 8. Mai die Kapitulation des Dritten Reichs gefeiert wird, gedenkt Russland dieses historischen Ereignisses erst einen Tag später, am 9. Mai. Was zunächst wie ein bloßer Kalenderunterschied wirkt, erzählt bei näherem Hinsehen eine Geschichte von Macht,…

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet am 9. Mai 1945 um 1.01 Uhr Moskauer Zeit (d. h. am 8. Mai um 23.01 Uhr Berliner Zeit) in Berlin die Kapitulationsurkunde des Dritten Reichs.

Der Zweite Weltkrieg endete nicht an einem einzigen Tag – zumindest nicht für alle Nationen. Während in Frankreich am 8. Mai die Kapitulation des Dritten Reichs gefeiert wird, gedenkt Russland dieses historischen Ereignisses erst einen Tag später, am 9. Mai. Was zunächst wie ein bloßer Kalenderunterschied wirkt, erzählt bei näherem Hinsehen eine Geschichte von Macht, Symbolik und Erinnerungskultur.

Die doppelte Kapitulation

Mitten in der Nacht, am 7. Mai 1945 um 2:41 Uhr, wurde in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet. Der Ort: das Hauptquartier der westlichen Alliierten. Die Wirkung: Das Ende der Kämpfe in Europa wurde für den 8. Mai um 23:01 Uhr (Mitteleuropäische Zeit) festgelegt. Für Frankreich und viele andere westliche Länder war dies das offizielle Ende des Krieges – endlich Frieden nach sechs Jahren unvorstellbaren Leids.

Doch für die Sowjetunion reichte diese Unterschrift nicht aus. Stalin, der wusste, wie wichtig Symbolik und politische Bühne sind, bestand auf einer zweiten Zeremonie – in Berlin. Und zwar nicht irgendwo, sondern im Herzen des besiegten Feindes: im von der Roten Armee eingerichteten Hauptquartier in Karlshorst. Dort wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai um 23:01 Uhr Berliner Zeit – was in Moskau bereits 1:01 Uhr am 9. Mai war – eine weitere Kapitulation unterzeichnet. Ein Akt, der die zentrale Rolle der Sowjetunion im Sieg unterstreichen sollte.

Frankreichs 8. Mai: Gedenken, Einheit und politische Wellen

In Frankreich ist der 8. Mai ein gesetzlicher Feiertag – ein Moment der stillen Einkehr, der Erinnerung an gefallene Soldaten und Zivilisten, an Widerstandskämpfer und Deportierte. Doch dieser Tag hat politisch gesehen eine wechselhafte Geschichte hinter sich.

Charles de Gaulle strich den Feiertagsstatus 1959, um die Aussöhnung mit Deutschland zu fördern. Für viele Franzosen damals ein Affront. François Mitterrand stellte ihn 1981 wieder her – als Zeichen nationaler Erinnerung und als Brückenschlag zur Vergangenheit.

Heute ist der 8. Mai ein Tag der Versöhnung. Flaggen wehen, Reden werden gehalten, Kränze niedergelegt – nicht triumphierend, sondern reflektierend.

Russlands 9. Mai: Triumph, Pathos und Politik

Ganz anders in Russland. Dort verwandelt sich der 9. Mai in ein nationales Spektakel – Paraden, Militärtechnik, patriotische Musik, Veteranen in Uniformen, Kinder mit Blumensträußen. Der „Tag des Sieges“ ist weit mehr als ein Gedenktag: Er ist ein zentraler Pfeiler des nationalen Selbstverständnisses.

Die sowjetische Erzählung des „Großen Vaterländischen Krieg“ beginnt mit dem deutschen Überfall 1941 und blendet viele andere Aspekte des Krieges aus. Der Sieg über Hitler wird zur Legitimationsquelle für Staat und Politik. Besonders seit den 1960er-Jahren – unter Breschnew – und heute unter Putin.

Ein Beispiel: Der „Unsterbliche Regiment“-Marsch. Millionen Menschen tragen Porträts ihrer Vorfahren, die im Krieg gekämpft haben. Es ist ein bewegender Akt der kollektiven Erinnerung – aber auch ein politisches Statement.

Zwei Tage – zwei Seelen

Warum aber zwei verschiedene Gedenktage für dasselbe Ereignis?

Die Erklärung liegt nicht nur in der Zeitverschiebung. Es geht um Macht, um Deutungshoheit, um Identität. Für Frankreich war der Krieg eine Erfahrung von Besatzung, Widerstand und Befreiung – für Russland eine existenzielle Schlacht ums Überleben.

Beide Länder haben ihr Recht auf Erinnerung. Doch sie erzählen unterschiedliche Geschichten. In Frankreich liegt der Fokus auf Trauer, Frieden und europäischer Einigung. In Russland dominiert der Stolz auf den Sieg, der Stolz auf die Opfer – und, ja, auch die Inszenierung politischer Stärke.

Und heute?

In einer Zeit, in der alte Feindbilder wiederbelebt werden und neue Konflikte schwelen, wirken diese Gedenktage aktueller denn je. Sie zeigen, wie sehr Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch instrumentalisiert wird.

Wie geht man mit so einer doppelten Erinnerung um? Vielleicht, indem man zuhört – beiden Seiten. Und indem man anerkennt, dass Geschichte nicht in Stein gemeißelt ist, sondern weiterlebt. In Denkmälern, in Familienalben, in Schulbüchern. Und auf Straßen, wo alte Männer Orden auf der Brust tragen – oder junge Schüler zum ersten Mal erfahren, was am 8. und 9. Mai eigentlich passiert ist.

Von C. Hatty

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