Ein Steuerbetrag, kleiner als ein Espresso in Paris – und doch mit spürbaren Folgen für den internationalen Luftverkehr. Seit Anfang März sorgt eine neue französische Abgabe auf kleine Pakete für Bewegung in der europäischen Logistik. Oder genauer gesagt: für Bewegung weg von Frankreich.
Seit dem 1. März 2026 erhebt Frankreich eine Steuer von zwei Euro pro Artikel auf kleine Warensendungen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union. Betroffen sind vor allem jene Pakete, die täglich millionenfach über internationale Onlineplattformen nach Europa gelangen. Offiziell gilt die Maßnahme als Übergangslösung, bis eine einheitliche europäische Regelung in Kraft tritt.
In der politischen Kommunikation klang das zunächst nach einem klaren Signal. Frankreich wollte dem rasant wachsenden Strom extrem günstiger Importware etwas entgegensetzen – Ware, die häufig direkt aus China an europäische Verbraucher verschickt wird. Plattformen wie Shein, Temu oder AliExpress haben dieses Geschäftsmodell perfektioniert: schnelle Lieferung, niedrige Preise, minimale Versandkosten.
Doch kaum zwei Wochen nach Einführung der Steuer zeigt sich ein Effekt, mit dem Branchenkenner zwar gerechnet hatten – der aber nun überraschend schnell sichtbar wird.
Am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle, besser bekannt als Roissy, bleiben Frachtmaschinen aus.
Berichten aus der Logistikbranche zufolge landen inzwischen rund fünfzig Frachtflüge pro Woche weniger auf dem größten französischen Flughafen. Der Grund: Die Flugzeuge fliegen schlicht andere Ziele an. Statt Paris stehen nun Flughäfen in Belgien, den Niederlanden oder Luxemburg auf dem Flugplan.
Die Ware selbst verschwindet dabei keineswegs.
Sie kommt weiterhin nach Europa – nur über einen Umweg. Nach der Landung in einem anderen EU-Land wird sie per Lkw über die offenen Grenzen des Binnenmarktes nach Frankreich transportiert. Für Logistikunternehmen ist das kein dramatischer Aufwand, sondern eher Routine. Europa ist schließlich ein einziger großer Wirtschaftsraum ohne Zollgrenzen im Inneren.
Genau hier liegt der Kern des Problems.
Eine nationale Steuer in einem integrierten europäischen Markt wirkt schnell wie eine Schranke auf einer Autobahn ohne Seitenstreifen. Der Verkehr sucht sich einfach eine andere Spur. Für globale Logistikunternehmen, die täglich mit komplexen Transportketten arbeiten, ist das Umleiten von Frachtströmen oft nur eine Frage weniger Tage.
In Roissy zeigen sich die Konsequenzen bereits deutlich. Lagerhallen, die zuvor mit kleinen Importpaketen gefüllt waren, wirken plötzlich ungewohnt leer. Beschäftigte in der Abfertigung berichten von deutlich weniger Arbeit, manche wurden vorübergehend in Zwangsurlaub geschickt.
Das wirkt fast paradox.
Politisch zielt die Steuer darauf ab, eine als unfair empfundene Konkurrenz einzudämmen. Viele europäische Händler klagen seit Jahren darüber, dass ultrabillige Direktimporte ihre Preise unter Druck setzen. Gleichzeitig stehen Umweltfragen im Raum: Millionen Einzelpakete, einzeln um die halbe Welt transportiert – das hinterlässt einen beachtlichen ökologischen Fußabdruck.
Doch wirtschaftlich trifft die Maßnahme zunächst vor allem den eigenen Logistikstandort.
Frankreich wollte schneller handeln als die Europäische Union. Ab dem 1. Juli 2026 plant Brüssel eine eigene Regelung: eine pauschale Abgabe von drei Euro pro Artikel auf bestimmte Importpakete. Diese EU-weite Lösung würde den Wettbewerb zwischen einzelnen Flughäfen weitgehend neutralisieren.
Bis dahin bleibt allerdings ein Zeitfenster von vier Monaten.
Vier Monate, in denen globale Versandunternehmen ihre Lieferketten neu ordnen können. Und genau das geschieht gerade. Wer im internationalen Handel unterwegs ist, kennt diese Dynamik: Regulierung erzeugt Anpassung. Und manchmal passiert diese Anpassung schneller, als politische Entscheidungsträger erwartet haben.
Die französische Paketsteuer zeigt damit ein klassisches Dilemma der globalisierten Wirtschaft. Nationale Maßnahmen stoßen schnell an Grenzen, sobald Märkte über Ländergrenzen hinweg funktionieren.
Oder, etwas salopp gesagt: Der Warenverkehr ist wie Wasser. Trifft er auf ein Hindernis, sucht er sich einfach einen neuen Weg.
Und derzeit führt dieser Weg offenbar nicht mehr über Roissy.
Von Andreas M. Brucker