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Zwischen Bekenntnissen und Realitäten: Die UN-Ozeankonferenz 2025 in Nizza als Gradmesser für den globalen Meeresschutz

Am 9. Juni 2025 hat Präsident Emmanuel Macron in Nizza die dritte UN-Ozeankonferenz (UNOC3) eröffnet. Es kommen rund 60 Staats- und Regierungschefs zusammen, um den Ozean wieder stärker in den Mittelpunkt der internationalen Klimapolitik zu rücken. Die Herausforderung: Zwischen ambitionierten Erklärungen und konkreten Maßnahmen liegt ein tiefer Graben. Die Ozeane am Kipppunkt: Eine Einordnung Die…

Screenshot X / @EmmanuelMacron

Am 9. Juni 2025 hat Präsident Emmanuel Macron in Nizza die dritte UN-Ozeankonferenz (UNOC3) eröffnet. Es kommen rund 60 Staats- und Regierungschefs zusammen, um den Ozean wieder stärker in den Mittelpunkt der internationalen Klimapolitik zu rücken. Die Herausforderung: Zwischen ambitionierten Erklärungen und konkreten Maßnahmen liegt ein tiefer Graben.

Die Ozeane am Kipppunkt: Eine Einordnung

Die Wissenschaft ist eindeutig: Unsere Meere übernehmen zentrale Funktionen für das globale Klimasystem. Sie absorbieren etwa 90 % der durch Treibhausgase verursachten Überschusswärme und rund 25 - 30 % des CO2-Ausstoßes. Gleichzeitig sind sie Lebensraum für Millionen Arten, Nahrungsquelle für Milliarden Menschen und wirtschaftliche Grundlage ganzer Nationen. Doch Überfischung, Verschmutzung, Versauerung und Erwärmung setzen dem Ozean akut zu.

Vom Symbol zur Substanz? Ziele und Realitäten der UNOC3

Ein zentrales Anliegen in Nizza ist die Ratifikation des 2023 verabschiedeten Hochseeschutzabkommens (BBNJ). Dieses völkerrechtliche Regelwerk soll Schutzgebiete auf hoher See ermöglichen, Umweltverträglichkeitsprüfungen vorschreiben und Biodiversitätsgewinne gerecht verteilen. Zwar wurde der Vertrag von 110 Staaten unterzeichnet, doch erst 30 haben ihn ratifiziert. 60 Ratifikationen sind notwendig. Das Ziel, dies bis zur Konferenz zu erreichen, wurde verfehlt – nun peilt man das Jahresende an. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen politischem Willen und institutioneller Umsetzung klafft eine Lücke.

Schutzgebiete: Fortschritt in Prozenten?

Aktuell stehen 8,4 % der Meere unter Schutz. Die UN-Zielvorgabe lautet: 30 % bis 2030. Auf der Konferenz soll die Einrichtung weiterer Schutzgebiete angekündigt werden, was einen Anstieg auf rund 10 % bedeuten könnte. Doch es stellt sich die Frage: Schutzgebiet ist nicht gleich Schutz. Ohne wirksames Management und klare Nutzungsverbote bleiben viele dieser Zonen "Papierparks". Die Begrenzung des zerstörerischen Grundschleppnetzfischens in bestimmten französischen Schutzgebieten ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch weiterhin marginal angesichts der globalen Herausforderung.

Tiefseebergbau: Eine neue Front im Kampf um den Ozean

Besondere Brisanz hat in Nizza die Diskussion um den Tiefseebergbau. Frankreich plädiert für ein Moratorium. Aktuell unterstützen 33 Staaten dieses Vorhaben. Grund ist die Unsicherheit über die ökologischen Folgen: Die Tiefsee ist weitgehend unerforscht, ihre Ökosysteme extrem sensibel. Ein unkontrollierter Abbau von Rohstoffen könnte irreversible Schäden verursachen. Die Entscheidung des US-Präsidenten Trump, diesen auch in internationalen Gewässern zu genehmigen, zeigt exemplarisch, wie geopolitische Interessen wissenschaftliche Vorsicht untergraben.

Finanzierungslücken: Wenn der gute Wille am Geld scheitert

Die Ozeanagenda bleibt chronisch unterfinanziert. Von den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN ist der Meeresschutz der am geringsten geförderte Bereich. Costa Rica schlug ein Finanzierungsziel von 100 Milliarden US-Dollar vor. Eine Summe, die angesichts der Bedeutung des Ozeans geradezu bescheiden wirkt. Ohne eine signifikante Aufstockung öffentlicher wie privater Mittel bleibt jeder Schutzansatz lückenhaft.

Die Deklaration von Nizza: Worte ohne Konsequenz?

Am Ende der Konferenz soll die "Erklärung von Nizza" stehen: acht Seiten Appell an die Staatengemeinschaft zur "dringenden Handlung". Doch der Text bleibt rechtlich unverbindlich. Greenpeace spricht schon jetzt von einer "leeren Hülse". Die Erfahrung zeigt: Solche Dokumente haben zwar politische Signalwirkung, entfalten aber nur echte Wirkung, wenn sie in nationale Gesetzgebung überführt werden. Hier zeigt sich erneut das Dilemma globaler Klimagovernance: Viele Versprechen, wenig Kontrolle.

Klimagerechtigkeit auch im Ozean?

Besonders betroffen vom ozeanischen Wandel sind die Länder des globalen Südens: Inselstaaten wie Tuvalu oder Kiribati verlieren ihren Lebensraum durch den Meeresspiegelanstieg, Fischereierträge sinken drastisch, Mangroven und Korallenriffe als natürliche Schutzschilde schwinden. Die Konferenz thematisiert diese Ungleichheiten, doch konkrete Ausgleichsmechanismen fehlen. Die Schutzpolitik bleibt bislang zu technokratisch, zu wenig sozial.

Der Klimawandel verstärkt bereits bestehende Stressfaktoren der Ozeane. Wenn wir die Ozeane retten wollen, brauchen wir nicht nur Schutzgebiete, sondern ein grundlegend neues Verständnis unseres Umgangs mit marinen Ressourcen. Das heißt: weniger Ausbeutung, mehr Vorsorge. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Von E.S.

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