In Amiens, dieser charmanten Stadt im Norden Frankreichs, fließt die Somme gemächlich durch ein wahres Wunderland aus Wasser und Grün: die Hortillonnages. Wer hierher kommt, entdeckt ein Mosaik aus schwimmenden Gärten, das sich über rund 300 Hektar erstreckt – fast wie ein Gemälde, das von der Natur und der Geduld der Menschen über Jahrhunderte hinweg gezeichnet wurde.
Und mitten in diesem grünen Labyrinth lebt und arbeitet einer der letzten echten Hortillons: Francis Parmentier. Sein Alltag ist ein ganz besonderer – ein Leben zwischen Wasser und Erde, zwischen Tradition und Nachhaltigkeit.
Ein Alltag, der im Morgengrauen beginnt
Noch bevor der erste Sonnenstrahl über die Dächer von Amiens huscht, hat Francis seine Stiefel schon an den Füßen. Um 5:30 Uhr macht er sich mit seinem schmalen Holzboot auf den Weg zu seinen 13 Inselparzellen – kleine Flecken fruchtbarer Erde, die nur über schmale Wasserstraßen erreichbar sind.
Zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter, die früher in der Kosmetikbranche arbeitete und dann zurück zu den Wurzeln fand, pflegt er Gemüsefelder auf insgesamt 2,5 Hektar. Was nach Idylle klingt, ist tatsächlich oft Knochenarbeit: Bis zu sieben Handgriffe sind nötig, um zehn Kilo Gemüse vom Feld zum Markt zu bringen.
Doch Francis liebt, was er tut. Und das merkt man ihm in jeder Bewegung an.
Wie alles begann – und wie es weitergeht
Die Geschichte dieser Gärten reicht weit zurück. Schon im Mittelalter begannen die Menschen hier, die sumpfigen Flächen zu urbar zu machen. Damals wie heute bringen sie nährstoffreiche Flussschlämme aus, um die Beete zu pflegen – Dünger aus der Natur, ganz ohne Chemie.
Was wächst dort eigentlich? Alles, was das Feinschmeckerherz höherschlagen lässt: Tomaten, Salat, Artischocken, Rhabarber – frisch, knackig und saisonal.
Klingt zu schön, um wahr zu sein? Tja, ein Blick auf die Zahlen verrät: Während es Anfang des 20. Jahrhunderts noch etwa 950 aktive Gärtner gab, sind heute gerade einmal eine Handvoll geblieben.
Warum ist das so? Die Arbeit ist körperlich anstrengend, wirtschaftlich nicht gerade einfach und der Zugang zu den Inseln – sagen wir mal – eine Herausforderung.
Die Gärten, in denen Stille wohnt
Und dennoch – die Hortillonnages haben ihren ganz eigenen Zauber. Wer sich auf eine Bootstour durch die 65 Kilometer langen Wasserwege begibt, taucht ein in eine Welt, in der die Zeit langsamer tickt. Man hört das Plätschern des Wassers, das Rascheln der Blätter – und manchmal nur das eigene Herzklopfen.
Hier wachsen Weiden und Erlen entlang der Ufer, Libellen tanzen über das Wasser, Enten ziehen gemächlich ihre Bahnen. Ein Paradies – nicht nur für Naturfreunde, sondern auch für unzählige Tier- und Pflanzenarten.
Ein echtes Highlight: der „Jardin des Vertueux“. Ein kleiner, thematisch gestalteter Garten, der nicht nur ökologisch geführt wird, sondern auch Bildung mit Naturgenuss verbindet. Was will man mehr?
Und was kommt auf den Teller?
Natürlich – das Gemüse aus den Hortillonnages landet nicht nur in hübschen Körben, sondern vor allem auf den Märkten und Tellern von Amiens.
Jeden Samstag ist Markttag an der Place Parmentier. Wer hier durch die Stände schlendert, spürt sofort den Unterschied: knackige Radieschen, aromatische Tomaten, duftender Rhabarber – direkt von den Feldern in die Stadt.
Besonders stimmungsvoll wird’s im Juni bei der „Fête de l’eau“, dem Wasserfest. Dann paddeln die Gärtner mit ihren vollbeladenen Booten durch die Kanäle und verkaufen ihre Ware direkt vom Wasser aus. Ein echtes Spektakel – und zugleich eine liebevolle Hommage an eine fast vergessene Kultur.
Tipps für deine Reise
Lust bekommen? Dann hier ein paar Empfehlungen:
- Bootstour: Starte deine Entdeckungstour in Amiens und gleite mit einem leisen Elektroboot oder einem Kanu durch das grüne Labyrinth der Hortillonnages.
- Jardin des Vertueux: Der ideale Ort, um ökologische Gartenkultur hautnah zu erleben und einfach mal die Seele baumeln zu lassen.
- Marktbesuch: Samstags zur Place Parmentier! Hier gibt’s nicht nur das frischeste Gemüse der Stadt, sondern auch den direkten Draht zu den Menschen dahinter.
- Fête de l’eau: Wenn du im Juni dort bist, darfst du dieses Fest nicht verpassen – es ist wie eine kleine Zeitreise mit ganz viel Herz.
Was macht Orte wie die Hortillonnages so besonders? Vielleicht ist es gerade ihre Stille, ihre Beharrlichkeit – dieses stille Weiterleben in einer Welt, die sich ständig dreht.
Francis Parmentier zeigt, dass es sich lohnt, Traditionen zu bewahren und neue Wege im Einklang mit der Natur zu gehen. Die schwimmenden Gärten von Amiens sind kein Relikt der Vergangenheit – sie sind ein stilles Versprechen für die Zukunft.
Ein Reisebericht von V.O.Yager