Gabriel Attal greift eine der ältesten Visionen der europäischen Einigung wieder auf – allerdings unter völlig veränderten geopolitischen Vorzeichen. Der frühere französische Premierminister und Kandidat für die französische Präsidentschaftswahl 2027 erklärte am 17. September 2026, die Europäische Union in ihrer heutigen Form sei an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit gelangt. Seine Antwort lautet: «Vereinigte Staaten von Europa». Gemeint ist zunächst kein europäischer Superstaat nach amerikanischem Vorbild, sondern ein enger Kern integrationsbereiter Staaten, die ihre Wirtschafts-, Technologie-, Energie- und Klimapolitik wesentlich stärker miteinander verschmelzen sollen.
Vom Europa der Nationalstaaten zum «Kontinent der Macht»
Attals Ausgangspunkt ist weniger institutioneller Idealismus als eine machtpolitische Diagnose. Die internationale Ordnung werde zunehmend von grossen «Kontinent-Mächten» geprägt, schreibt er: den Vereinigten Staaten, China und Russland. In einer solchen Welt seien einzelne europäische Nationalstaaten zu klein, um ihre wirtschaftlichen, technologischen und sicherheitspolitischen Interessen dauerhaft durchzusetzen.
Russland stellt in seiner Argumentation vor allem eine militärische und sicherheitspolitische Herausforderung dar, China eine industrielle und technologische, während die Vereinigten Staaten ihre Interessen zunehmend ohne Rücksicht auf europäische Prioritäten verfolgten. Europa dagegen verfüge zwar über einen grossen Binnenmarkt und bedeutende wirtschaftliche Ressourcen, trete aber politisch, fiskalisch und strategisch weiterhin fragmentiert auf.
Diese Diagnose steht keineswegs isoliert da. Die Vorsitzende der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, stellte in ihrer Rede zur Lage der Union vom 16. September 2026 auch Wettbewerbsfähigkeit, strategische Unabhängigkeit sowie Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit ins Zentrum ihrer Agenda. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach von einem «stärkeren, unabhängigen Europa». Attals Position unterscheidet sich daher weniger in der Beschreibung der Probleme als in der Radikalität der institutionellen Antwort.
Kein europäischer Einheitsstaat
Der Begriff «Vereinigte Staaten von Europa» legt ein föderales Staatswesen mit einer europäischen Zentralregierung nahe. Genau davon grenzt Attal sein Modell zunächst ab.
Er schlägt ausdrücklich nicht vor, Frankreich, Deutschland, Italien oder andere Staaten abzuschaffen. Stattdessen soll sich eine Gruppe integrationswilliger Länder zu einem wirtschaftlichen, technologischen und ökologischen Kern zusammenschliessen. Attal nennt die traditionellen Gründerstaaten der europäischen Integration ebenso wie Spanien, Portugal, die nordischen Länder und Polen. Selbst eine spätere Rückkehr Grossbritanniens in einen solchen Verbund schliesst er nicht aus. Als Ausgangspunkt hält er acht oder zehn Staaten für denkbar.
Der eigentliche Inhalt seines Projekts geht jedoch weit über klassische europäische Zusammenarbeit hinaus. Attal zählt 21 wirtschaftliche Hindernisse auf, die beseitigt werden sollen. Dazu gehören eine stärkere Angleichung von Steuern und Abgaben, ein gemeinsamer arbeitsrechtlicher Rahmen, eine stärkere Integration der Banken- und Telekommunikationsmärkte, gemeinsame wirtschaftliche Normen sowie ein einheitlicheres Gesellschafts-, Vertrags-, Insolvenz- und Patentrecht.
Aus dem europäischen Binnenmarkt soll damit schrittweise tatsächlich eine europäische Volkswirtschaft werden.
Gemeinsamer Haushalt, gemeinsamer Schatzmeister, gemeinsame Schulden
Besonders weitreichend ist Attals fiskalischer Vorschlag. Die engere Staatengruppe soll über einen gemeinsamen Haushalt, eigene Finanzierungsquellen und eine Art europäischen Schatzmeister verfügen, der gemeinsame Schulden aufnehmen könnte.
Völlig neu wäre dieses Prinzip nicht. Mit dem Wiederaufbaufonds NextGenerationEU hat die Europäische Union nach der Corona-Pandemie erstmals in grossem Umfang gemeinsam Schulden am Kapitalmarkt aufgenommen. Das Programm besitzt in laufenden Preisen ein maximales Volumen von 806,9 Milliarden Euro; bis Ende 2026 erwartet die Kommission Anleiheaufnahmen von bis zu 634 Milliarden Euro. Allerdings handelt es sich ausdrücklich um ein zeitlich begrenztes Instrument.
Attal würde aus diesem Ausnahmeinstrument ein wesentlich dauerhafteres Element europäischer Politik machen. Dahinter steht ein reales Finanzierungsproblem. Der von Mario Draghi vorgelegte Bericht über die europäische Wettbewerbsfähigkeit bezifferte den zusätzlichen Investitionsbedarf Europas bis 2030 auf jährlich rund 750 bis 800 Milliarden Euro. Betroffen sind unter anderem Digitalisierung, Energie, Verteidigung und industrielle Modernisierung.
Attals Argument lautet deshalb: Wer europäische strategische Autonomie fordere, müsse auch bereit sein, europäische Finanzierungsinstrumente von entsprechender Grössenordnung zu schaffen.
Die alte Idee der «Vereinigten Staaten von Europa»
Historisch ist die Formel alles andere als neu. Victor Hugo verwendete sie bereits auf dem Pariser Friedenskongress von 1849. Fast ein Jahrhundert später griff Winston Churchill die Idee in seiner berühmten Zürcher Rede vom 19. September 1946 wieder auf. Europa müsse «eine Art Vereinigte Staaten von Europa» schaffen, sagte der ehemalige britische Premierminister wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Allerdings bezeichnete dieselbe Formel zu unterschiedlichen Zeiten sehr verschiedene politische Projekte. Für manche Föderalisten bedeutete sie einen echten europäischen Bundesstaat. Für andere ging es um einen lockeren Staatenbund oder lediglich um gemeinsame Institutionen, die Krieg zwischen europäischen Mächten dauerhaft verhindern sollten.
Auch Attals Modell bleibt deshalb bewusst mehrdeutig. Der historische Begriff ist maximalistisch, sein unmittelbarer Plan zunächst funktional: Wirtschaft, Technologie, Energie, Kapitalmärkte, Industrie und ökologische Transformation sollen zusammengeführt werden. Eine vollständige gemeinsame Aussenpolitik oder die unmittelbare Schaffung einer europäischen Bundesarmee stehen in seinem veröffentlichten Entwurf nicht als erster institutioneller Schritt im Mittelpunkt. Verteidigung und Rüstungsindustrie gehören allerdings ausdrücklich zu jenen strategischen Bereichen, in denen Europa nach seiner Vorstellung gemeinsam handlungsfähiger werden soll.
Das Problem der Einstimmigkeit
Attals Vorstoss berührt damit einen seit Jahren schwelenden europäischen Konflikt: Wie viel nationale Souveränität kann erhalten bleiben, wenn die Union gleichzeitig schneller entscheiden soll?
In der Gemeinsamen Aussen- und Sicherheitspolitik gilt nach den europäischen Verträgen grundsätzlich weiterhin das Einstimmigkeitsprinzip, sofern die Verträge keine Ausnahme vorsehen. Ein einzelner Mitgliedstaat kann deshalb bestimmte Entscheidungen verhindern. Das Europäische Parlament hat bereits vorgeschlagen, in zahlreichen Bereichen stärker zu qualifizierten Mehrheitsentscheidungen überzugehen und auch die Verträge entsprechend zu verändern.
Eine grundlegende Vertragsänderung ist jedoch politisch schwierig. Änderungen der EU-Verträge müssen grundsätzlich von sämtlichen Mitgliedstaaten nach ihren jeweiligen verfassungsrechtlichen Verfahren ratifiziert werden. Genau dieses Problem versucht Attal durch die Idee eines europäischen «Kerns» zu umgehen.
Dabei existiert bereits das Instrument der «verstärkten Zusammenarbeit». Mindestens neun EU-Staaten können in bestimmten Politikbereichen innerhalb der bestehenden Verträge enger zusammenarbeiten, wenn die gesamte Union nicht vorankommt. Die Kompetenzen der EU dürfen dadurch jedoch nicht einfach ausgeweitet werden. Interessanterweise spricht Attal von möglicherweise acht oder zehn Gründungsstaaten. Für eine verstärkte Zusammenarbeit nach Artikel 20 des EU-Vertrags wären acht Staaten rechtlich zu wenig; notwendig wären mindestens neun.
Attal denkt deshalb zusätzlich an einen neuen Vertrag zwischen den teilnehmenden Ländern und an gleichzeitig stattfindende Referenden. Damit würde neben der EU der 27 eine zweite, erheblich enger integrierte Struktur entstehen können – eine Art europäische Avantgarde.
Gerade darin liegt jedoch die politische Brisanz des Projekts. Eine solche Konstruktion könnte die Entscheidungsfähigkeit eines engeren Kreises erhöhen, zugleich aber neue institutionelle Trennlinien innerhalb Europas schaffen. Es müsste geklärt werden, wie sich gemeinsamer Haushalt, Verschuldung, Steuerregeln oder Industriepolitik eines solchen Kerns zum Binnenmarkt, zur Europäischen Kommission und zu den Rechten der nicht teilnehmenden Mitgliedstaaten verhalten.
Attals Vorstoss ist deshalb weniger ein unmittelbar umsetzbarer Bauplan als der Versuch, die europäische Integrationsdebatte neu zu definieren. Während frühere Integrationsschritte vor allem mit Frieden, Binnenmarkt und gemeinsamer Währung begründet wurden, wird europäische Einheit nun zunehmend mit Macht, technologischer Wettbewerbsfähigkeit und strategischer Unabhängigkeit verknüpft.
Ob daraus tatsächlich «Vereinigte Staaten von Europa» entstehen können, hängt nicht allein von Frankreich ab. Deutschland, Polen, Italien, Spanien, die nordischen Staaten und weitere mögliche Partner müssten bereit sein, zentrale Elemente ihrer wirtschaftlichen und fiskalischen Souveränität dauerhaft zu teilen. Gerade deshalb dürfte die entscheidende Frage weniger lauten, ob Europa mehr gemeinsam handeln muss. Politisch entscheidend wird sein, wie viel nationale Entscheidungshoheit europäische Regierungen und ihre Wähler dafür tatsächlich übertragen wollen.
Quellen: Le Grand Continent, Gabriel Attal: Le moment des États-Unis d’Europe est venu (17. September 2026); Europäische Kommission, State of the Union 2026 (16. September 2026); Europäische Kommission, The Draghi Report on EU Competitiveness (2024); Europäische Kommission, NextGenerationEU (Stand 2026); EUR-Lex, Vertrag über die Europäische Union, Art. 20, 24 und 48; Europäisches Parlament, Proposals for the amendment of the Treaties (2023); Library of Congress, Victor Hugo: The United States of Europe; Europarat, Winston Churchills Zürcher Rede (1946); LCP, États-Unis d’Europe: d’où vient cette idée que Gabriel Attal remet au goût du jour? (17. September 2026).
Andreas M. Brucker