Editorial

Bayeux-Teppich in London: Ein mittelalterlicher Blockbuster sorgt für Ticket-Chaos

„Es war einfacher, Karten für die Rückkehr von Oasis zu bekommen.“ Mit diesem halb scherzhaften, halb verzweifelten Vergleich beschreiben Briten derzeit den Versuch, Eintrittskarten für eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen des Jahres zu ergattern. Seit dem 10. September ist der fast tausend Jahre alte Teppich von Bayeux im British Museum in London zu sehen – und…

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„Es war einfacher, Karten für die Rückkehr von Oasis zu bekommen.“ Mit diesem halb scherzhaften, halb verzweifelten Vergleich beschreiben Briten derzeit den Versuch, Eintrittskarten für eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen des Jahres zu ergattern. Seit dem 10. September ist der fast tausend Jahre alte Teppich von Bayeux im British Museum in London zu sehen – und der Andrang erinnert eher an ein Popkonzert als an mittelalterliche Geschichte.

Als am 1. Juli der Kartenverkauf begann, verwandelte sich die Internetseite des Museums binnen kürzester Zeit in einen digitalen Wartesaal. Zeitweise standen fast 80.000 Interessenten in der virtuellen Schlange, mit angezeigten Wartezeiten von bis zu neun Stunden. Innerhalb von 24 Stunden gingen rund 100.000 Eintrittskarten weg – Museumsrekord. Termine bis zum Jahresende waren praktisch im Handumdrehen vergriffen.

Dabei handelt es sich streng genommen gar nicht um einen Teppich. Das berühmte Werk ist eine mehr als 68 Meter lange Stickerei auf Leinen, entstanden vermutlich gegen Ende des 11. Jahrhunderts. In zahlreichen Szenen erzählt sie von der normannischen Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer und führt schließlich zur Schlacht von Hastings im Jahr 1066.

Für Großbritannien besitzt das Werk enorme historische Bedeutung. Die normannische Eroberung prägte Sprache, Gesellschaft, Architektur und politische Ordnung des Landes über Jahrhunderte. Kaum eine Jahreszahl sitzt im britischen Gedächtnis so fest wie 1066.

Nun kehrt eines der bedeutendsten Bildzeugnisse dieser Epoche erstmals seit seiner Entstehungszeit nach England zurück. Die Ausstellung läuft bis zum 11. Juli 2027. Hunderttausende Besucher werden erwartet, womöglich sogar mehr als eine Million.

Dass die empfindliche Stickerei überhaupt reisen durfte, sorgte zuvor in Frankreich für heftige Diskussionen. Restauratoren und Denkmalschützer warnten vor möglichen Schäden durch Erschütterungen. Eine Denkmalschutzvereinigung versuchte sogar, die Ausleihe gerichtlich zu stoppen, scheiterte jedoch vor dem Conseil d'État.

Beim Transport über den Ärmelkanal blieb deshalb nichts dem Zufall überlassen. Erschütterungen, Temperatur und Luftfeuchtigkeit unterlagen strengster Kontrolle. Das mittelalterliche Meisterwerk reiste gewissermaßen erster Klasse – nur eben ohne Champagner.

Hinter der Ausstellung steckt zugleich handfeste Kulturdiplomatie. Nach den schwierigen Brexit-Jahren soll der Teppich die historischen Verbindungen zwischen Frankreich und Großbritannien unterstreichen. Im Gegenzug stellt das British Museum Frankreich bedeutende Objekte aus seinen Sammlungen zur Verfügung, darunter Stücke aus dem Schatz von Sutton Hoo und Figuren der berühmten Lewis-Schachspiele.

Die Eintrittspreise liegen je nach Termin bei 27 bis 33 Pfund, Kinder unter 16 Jahren besuchen die Ausstellung in Begleitung eines Erwachsenen kostenlos.

Wer bislang leer ausgegangen ist, erhält noch eine Chance: Am 21. Oktober um 10 Uhr britischer Zeit soll die nächste große Ticket-Tranche freigeschaltet werden. Dann dürfte der digitale Wettlauf erneut beginnen.

Fast tausend Jahre nach Wilhelm dem Eroberer erreicht die normannische Invasion England also ein zweites Mal – diesmal friedlich, klimatisiert und mit einer Warteschlange, die selbst Oasis-Fans Respekt abverlangt.

Andreas M. Brucker

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