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Cannes 2025: Ein Jahrhundert im Spiegel der Frauen – „In die Sonne schauen“ sorgt für Aufsehen

Wenn ein deutscher Film die Ehre bekommt, den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes zu eröffnen, ist das allein schon eine kleine Sensation. Doch In die Sonne schauen von Mascha Schilinski ist weit mehr als ein Glücksfall für das deutsche Kino – es ist ein cineastisches Mosaik aus weiblichen Lebensgeschichten, das sich tief in Herz und…

"In die Sonne schauen" Trailer / Youtube

Wenn ein deutscher Film die Ehre bekommt, den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes zu eröffnen, ist das allein schon eine kleine Sensation. Doch In die Sonne schauen von Mascha Schilinski ist weit mehr als ein Glücksfall für das deutsche Kino – es ist ein cineastisches Mosaik aus weiblichen Lebensgeschichten, das sich tief in Herz und Hirn einbrennt.

Schilinski zeigt mit ihrem Beitrag unter dem internationalen Titel Sound of Falling, dass sich deutsche Filmkunst nicht verstecken muss – auch nicht vor den ganz Großen der Branche. Und wer denkt, ein Vierseithof in Sachsen-Anhalt sei kein Stoff für die große Leinwand, der wird hier eines Besseren belehrt.

Ein Hof, vier Leben, ein Jahrhundert

Die Geschichte ist nicht nur die von Alma, Erika, Angelika und Lenka – sie ist die von einem Ort. Einem Hof, der alles gesehen hat: Krieg, Frieden, Hoffnung, Schuld. Über rund 100 Jahre hinweg werden vier weibliche Lebensläufe an diesem Ort erzählt. Dabei verschwimmen die Grenzen von Zeit, Erinnerung und Identität. Figuren scheinen ineinander überzugehen, als würde sich das Vergangene unaufhörlich ins Jetzt schleichen.

Schilinski verzichtet bewusst auf eine lineare Erzählweise. Stattdessen fließt der Film wie ein träger, aber tiefer Fluss – manchmal ruhig, manchmal aufwühlend. Der Fluss im Film, in dem Aale schwimmen, ist mehr als Naturbild: Er ist ein Symbol für das Leben selbst, für Übergänge, für Wandel und Weitergabe.

Frauenblicke, die nicht weichen

Das Besondere an In die Sonne schauen ist die Perspektive – alles spielt sich aus der Sicht der Mädchen und jungen Frauen ab. Keine übergestülpte Erzählung, kein männlich geprägter Blick auf weibliches Erleben. Stattdessen Kameraarbeit, die sich den Körpern, Gesichtern und Gesten mit stiller Zärtlichkeit nähert.

Diese Nähe wirkt – sie geht unter die Haut. Die Themen, die Schilinski behandelt, sind universell und doch konkret: Schuld, Scham, Traumata, familiäre Prägung. Was wird weitergegeben? Was bleibt? Was heilt?

Poetisch, klug, unheimlich schön

Kritiker weltweit zeigen sich beeindruckt. Peter Bradshaw vom Guardian spricht von einem „geheimnisvollen und unheimlichen Prosa-Poem“ – ein Lob, das sitzt. Auch in deutschen Feuilletons, etwa der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, liest man Begeisterung für die dichte Erzählweise und die kunstvolle Verzahnung der Zeitebenen.

Ein bisschen erinnert das Werk an Michael Hanekes Das weiße Band – und doch hat es eine ganz eigene Handschrift. Vielleicht liegt das auch an der Intimität, mit der sich Schilinski ihren Figuren nähert. Oder daran, dass hier keine fertigen Antworten präsentiert werden, sondern ein Gefühl, ein Zustand, ein Echo.

Ein Film wie ein Erinnerungsstrom

Dass der Film in der Altmark gedreht wurde, ist kein Zufall – die karge, ehrliche Landschaft passt zu den Geschichten, die hier erzählt werden. Studio Zentral und das ZDF zeichneten für die Produktion verantwortlich, das Drehbuch schrieb Schilinski gemeinsam mit Louise Peter. Bereits 2023 erhielt das Skript den renommierten Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis.

Ein starkes Signal für ein Kino, das sich was traut. Ein Kino, das den Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern auch herausfordern will.

Der reguläre Kinostart in Deutschland ist für den 11. September 2025 angesetzt – ein Datum, das man sich merken sollte. Denn In die Sonne schauen ist kein Film, den man einfach so konsumiert und wieder vergisst. Er hallt nach. Er bleibt.

Was braucht das deutsche Kino, um wieder auf Weltniveau zu mitzuspielen? Vielleicht genau solche Filme: mutig, weiblich, feinfühlig und voller künstlerischer Wucht.

Von Andreas M. Brucker

https://www.youtube.com/watch?v=EveU3HbihvQ

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