Vor 85 Millionen Jahren sah die Provence ganz anders aus als heute. Keine Weinberge, keine Garrigue, keine von Paul Cézanne verewigte Montagne Sainte-Victoire. Stattdessen erstreckten sich Flüsse und Seen durch eine tropisch geprägte Landschaft. Und in diesen Gewässern schwamm ein Tier, das Paläontologen nun dazu zwingt, ein Stück Evolutionsgeschichte neu zu schreiben.
Sein Name: Garamaudo bauciensis.
Die neue Mosasaurier-Art wurde anhand von Fossilien beschrieben, die bei Bouc-Bel-Air unweit von Aix-en-Provence entdeckt worden waren. Das etwa 2,5 Meter lange Reptil lebte während der Oberkreide und gehörte zu jener Tiergruppe, deren berühmteste Vertreter als mächtige Meeresräuber durch die Ozeane schwammen.
Doch Garamaudo passt nicht recht in dieses Bild.
Während hoch entwickelte Mosasaurier paddelartige Gliedmaßen besaßen und vollständig an das Leben im Meer angepasst waren, verfügte das Tier aus der Provence offenbar noch über Beine, die eher an landlebende Reptilien erinnerten. Zugleich zeigen seine Knochen jedoch Merkmale eines eindeutig aquatischen Lebens.
Besonders auffällig ist ihre ungewöhnliche Dichte. Wirbel, Rippen und Oberarmknochen weisen eine sogenannte Osteosklerose auf. Dabei wird das Knochengewebe besonders kompakt und schwer. Im Wasser wirkt diese zusätzliche Masse wie Ballast: Sie erleichtert es einem Tier, unter der Wasseroberfläche zu bleiben, statt ständig nach oben getrieben zu werden.
Für einen Landbewohner wäre eine solche Konstruktion ziemlich unpraktisch gewesen.
Hinzu kommt der Fundort. Die Überreste stammen nicht aus ehemaligen Meeresablagerungen, sondern aus Sedimenten eines kontinentalen Süßwassersees. Auch andere dort gefundene Fossilien, darunter bestimmte Mollusken, sprechen eindeutig für ein Süßwasserökosystem.
Garamaudo war demnach wahrscheinlich kein verirrter Meeresbewohner. Er gehörte hierher.
Genau darin liegt die wissenschaftliche Überraschung. Lange erschien die Entwicklung der Mosasaurier vergleichsweise geradlinig: Aus landlebenden Vorfahren wurden zunächst küstennahe Schwimmer und schließlich hoch spezialisierte Bewohner des offenen Meeres.
Die neuen Funde zeichnen ein komplizierteres Bild.
Offenbar schlugen verschiedene Mosasaurier-Linien unterschiedliche Wege ein. Während die einen immer weiter hinaus ins Meer vordrangen, besiedelten Vertreter der Tethysaurinae Seen und Flüsse. Einige behielten dabei sogar vergleichsweise ursprüngliche Beine und Beckenkonstruktionen.
Evolution verläuft eben selten auf einer schnurgeraden Autobahn. Eher gleicht sie einem verzweigten französischen Landstraßennetz: Manchmal führt der Weg zum Ozean – manchmal endet er an einem See in der Provence.
Und so erzählt ein paar Millionen Jahre altes Stück Knochen aus Bouc-Bel-Air plötzlich eine erstaunlich moderne Geschichte: Anpassung bedeutet nicht zwangsläufig, immer nur in eine Richtung zu gehen. Die Natur probiert aus, verzweigt sich, besetzt neue Lebensräume und findet Lösungen, mit denen niemand gerechnet hat.
Unter der heutigen mediterranen Landschaft bei Aix-en-Provence liegt damit noch eine andere Provence verborgen – eine tropische Welt aus Seen, Flüssen und Reptilien.
Und irgendwo darin schwamm Garamaudo.
C. Hatty