Paris – 24.10.2026: Drei Filme, drei Frauenfiguren und drei Versuche, unter schwierigen Bedingungen die eigene Stimme zu finden: Marine Atlans La Gradiva, Robert Guédiguians Une femme aujourd'hui und Gessica Généus' Marie Madeleine sind am 21. Oktober in Frankreich angelaufen. In Ton, Herkunft und Erzählweise liegen sie weit auseinander. Verbunden sind sie durch den aufmerksamen Blick auf Begehren, Verletzlichkeit und Selbstbehauptung.
La Gradiva ist der erste Langfilm der französischen Regisseurin Marine Atlan. Eine Schulklasse reist nach Neapel und Pompeji. Zwischen den Ruinen der vom Vesuv verschütteten Stadt verwandelt sich die Bildungsfahrt in einen Taumel aus Anziehung, Wut und Unsicherheit. Atlan betrachtet die Jugendlichen nicht als Projektionsflächen erwachsener Erinnerungen. Sie nimmt ihre Unbeholfenheit, ihre Grausamkeit und ihren Übermut als eigenständige Gegenwart ernst.
Der Titel verweist auf Wilhelm Jensens Erzählung Gradiva, die durch Sigmund Freuds Interpretation bekannt wurde. Darin wird die Frau auf einem antiken Relief zur Projektionsfläche von Sehnsucht und Traum. Bei Atlan bleibt der Bezug keine gelehrte Verzierung. Pompeji, häufig steinerne Kulisse des Bildungskanons, wird zu einem Ort flüchtiger Körperlichkeit. Mit 145 Minuten verlangt der Film Ausdauer, eröffnet jedoch eine ungewöhnlich freie Sicht auf die Verwirrung des Erwachsenwerdens.
Robert Guédiguian verlegt die Erschütterung in das Marseille der Gegenwart. In Une femme aujourd'hui spielt Marilou Aussilloux die dreißigjährige Juliette, eine erfolgreiche Angestellte im Finanzsektor. Nach dem Übergriff eines Kollegen bricht die Ordnung ihres Lebens zusammen. Der Film begleitet ihren Versuch, sich aus Scham, sozialem Druck und familiären Erwartungen zu lösen. Ariane Ascaride und Jean-Pierre Darroussin gehören zum vertrauten Ensemble, mit dem Guédiguian seit Jahrzehnten arbeitet.
Juliette erscheint dabei nicht als makellose Symbolfigur. Ihr beruflicher Ehrgeiz, ihre Widersprüche und ihre anfängliche Sprachlosigkeit verleihen der Geschichte Gewicht. Guédiguian macht aus sexueller Gewalt keine bloße moralische Versuchsanordnung. Die Laufzeit von gut zwei Stunden gibt den Nebenfiguren Raum, ohne Juliettes Erfahrung zu verdrängen.
Geografisch und ästhetisch am weitesten führt Marie Madeleine. Die haitianische Regisseurin Gessica Généus spielt selbst eine Prostituierte in Jacmel, deren Begegnung mit dem jungen Evangelisten Joseph eine ungewöhnliche Liebesgeschichte auslöst. Zwischen Meer, Kirchen und spirituellen Traditionen zeichnet der Film ein Haiti jenseits exotischer Postkarten und vertrauter Krisenbilder. Généus verbindet Religiosität, soziale Härte und weiblichen Eigensinn zu einem sinnlichen, widerständigen Kinoraum.
Marie Madeleine dauert 105 Minuten und erhielt in Frankreich eine Freigabe für alle Altersgruppen. Zusammen bieten die drei Kinostarts kein bequemes Wohlfühlprogramm, sondern eigenständige Arbeiten über Freiheit und deren schmerzhaften Preis.
Quellen
- Franceinfo: Filmkritiken der Kinowoche vom 21. Oktober 2026
- Centre national du cinéma et de l'image animée: La Gradiva
- Centre national du cinéma et de l'image animée: Marie Madeleine
- Diaphana Distribution: Une femme aujourd'hui
- UGC: La Gradiva
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).