Ein algerisches Dorf mit deutscher Vergangenheit – das ist nicht der Plot eines fernen historischen Thrillers, sondern der Stoff für eine der provokantesten Theaterinszenierungen des diesjährigen Festival Off d’Avignon. Mit „Le Village de l’Allemand ou le journal des frères Schiller“ bringt die Compagnie Les Asphodèles du Colibri unter der Regie von Luca Franceschi ein Stück auf die Bühne, das mehr ist als nur Literaturadaption. Es ist ein kultureller Aufschrei.
Und was für einer.
Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman des algerischen Autors Boualem Sansal, der 2008 bei Gallimard erschienen ist – ein Buch, das nichts beschönigt und alles infrage stellt. Darin geht es um die Brüder Rachel und Malrich, die nach einem brutalen Massaker in ihrer Heimat Algerien erfahren, dass ihr verehrter Vater ein ehemaliger SS-Offizier war. Als Widerstandskämpfer gefeiert, war er in Wahrheit ein Mann mit blutiger Vergangenheit. Diese Entdeckung reißt ein Loch in die Identität der Brüder – und lädt den Leser ein, sich mit Schuld, Verdrängung und historischer Verantwortung auseinanderzusetzen.
Das Theaterstück greift genau diese Konfliktlinie auf – minimalistisch, aber maximal eindringlich. Sechs Schauspieler, eine reduzierte Bühne, tagebuchartige Erzählungen, pointierte Dialoge. Man könnte meinen, weniger sei mehr – aber hier ist weniger eben das Brennglas, das die Tiefenschichten des Textes sichtbar macht.
Politik auf der Bühne – und im echten Leben
Was die Inszenierung jedoch besonders brisant macht, ist der reale Hintergrund des Autors. Boualem Sansal sitzt derzeit in Algerien im Gefängnis. Sein Vergehen? Er hat es gewagt, die Grenzpolitik seines Landes zu kritisieren und sich zu politischen Themen zu äußern, die der Regierung unbequem sind. Dass nun genau sein Werk auf einer der wichtigsten Theaterplattformen Europas gezeigt wird, ist mehr als nur symbolisch – es ist eine künstlerische Rebellion gegen das Schweigen und die Zensur.
Es geht um Erinnerungskultur, ja. Aber auch um die Frage: Haben wir eine Verantwortung für die Taten unserer Vorfahren? Eine Frage, die nicht nur auf der Bühne verhandelt wird, sondern auch in vielen Köpfen der Zuschauer weiterlebt. Und weiterbohrt.
Zwischen Nazismus, Islamismus und Banlieue
Was dieses Stück so besonders macht, ist der Mut zur unbequemen Wahrheit. Die Shoah wird thematisiert, ebenso wie der islamistische Terror in Algerien und die gesellschaftliche Isolation junger Menschen in den französischen Banlieues. Themen, die oft getrennt betrachtet werden, treffen hier frontal aufeinander – in einem erzählerischen Tsunami, der keine Rückzugsmöglichkeit lässt.
Gerade in einer Zeit, in der politische Narrative gerne schwarz-weiß gezeichnet werden, ist dieses Stück ein Farbenmeer – grell, schmerzend, aufrüttelnd.
Solidarität per Spende
Die Compagnie Les Asphodèles du Colibri ruft zur Unterstützung auf. Denn Theater braucht mehr als Applaus – es braucht Ressourcen. Über die Plattform HelloAsso können Unterstützer dazu beitragen, dass die Inszenierung in Avignon stattfinden kann. Jeder Euro zählt, um Sansals Werk einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Denn: Wer heute Kultur fördert, verteidigt auch die Meinungsfreiheit von morgen.
Warum dieses Stück niemanden kaltlassen wird
Theater hat die Kraft, unsere Wirklichkeit zu hinterfragen. „Le Village de l’Allemand“ tut genau das – mit Präzision, Emotion und einem politischen Unterton, der lange nachwirkt. Es geht um mehr als ein Familiendrama. Es geht um unser aller Verantwortung gegenüber der Geschichte.
Von C. Hatty