Frankreich

Eltern in Weiss: Frankreich beschwört den Geist von 1986

Wenn an diesem Dienstag Frankreichs Schüler erneut auf die Strasse gehen, sollen sie nicht allein sein. Abgeordnete der ökologischen Parlamentsfraktion rufen Eltern und andere Erwachsene dazu auf, sich weiss zu kleiden und die Demonstrationen zu begleiten. Die ungewöhnliche Aktion verweist bewusst auf eine der traumatischsten Episoden der jüngeren französischen Protestgeschichte: die Studentenbewegung von 1986 und…

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Wenn an diesem Dienstag Frankreichs Schüler erneut auf die Strasse gehen, sollen sie nicht allein sein. Abgeordnete der ökologischen Parlamentsfraktion rufen Eltern und andere Erwachsene dazu auf, sich weiss zu kleiden und die Demonstrationen zu begleiten. Die ungewöhnliche Aktion verweist bewusst auf eine der traumatischsten Episoden der jüngeren französischen Protestgeschichte: die Studentenbewegung von 1986 und den Tod von Malik Oussekine.

«Mamas, Papas – alle in Weiss»

Der Aufruf trägt den demonstrativ volkstümlichen Titel «Darons, Daronnes: toutes et tous en blanc pour nos jeunes!» – sinngemäss: «Mamas, Papas: alle in Weiss für unsere Jugendlichen!» Zu den Initiatoren gehören die Abgeordneten Pouria Amirshahi, Danielle Simonnet und Léa Balage El Mariky von der Fraktion Écologiste et Social.

Die Erwachsenen sollen am 6. Oktober sichtbar an der Seite der Schüler auftreten. Nach Darstellung der Initiatoren geht es dabei sowohl um Unterstützung für deren Forderungen als auch darum, eine weitere Eskalation zwischen Jugendlichen und Sicherheitskräften zu verhindern.

Amirshahi spricht von einer «erschreckenden Eskalation» und macht Innenminister Laurent Nuñez politisch für die harte Einsatzstrategie verantwortlich. Die Regierung und Sicherheitsbehörden wiederum stehen vor dem Problem, Protestfreiheit zu gewährleisten und zugleich Ausschreitungen und Angriffe auf Polizisten zu verhindern.

Die Erinnerung an 1986

Die Farbe Weiss ist nicht zufällig gewählt. Sie erinnert an die «casques blancs», die weissen Helme der Proteste von 1986. Damals rebellierten Studenten und Schüler gegen die Hochschulreform des Ministers Alain Devaquet. Nach schweren Zusammenstössen entstand eine Gruppe von Ärzten, Juristen und anderen Persönlichkeiten, die bei Demonstrationen als unabhängige Beobachter und Vermittler auftreten wollte.

Die damalige Bewegung erhielt ihre historische Bedeutung durch den Tod Malik Oussekines. Der 22-jährige Student starb am 6. Dezember 1986, nachdem er in Paris von Polizisten einer motorisierten Spezialeinheit geschlagen worden war. Sein Tod erschütterte Frankreich und wurde zum Symbol für die Gefahren einer eskalierenden staatlichen Reaktion auf Jugendproteste.

Dass Politiker vierzig Jahre später diese Erinnerung aktivieren, verleiht dem heutigen Aufruf eine Bedeutung, die weit über die Farbe der Kleidung hinausgeht. Die Eltern sollen eine zivile Zwischenzone bilden: sichtbar, friedlich und gesellschaftlich schwerer als gewaltbereite Demonstranten darzustellen.

Der Fall von Lens verschärft die Debatte

Wie aufgeladen die Situation inzwischen ist, zeigt der Vorfall von Lens. Dort verlor am Montag ein 15-jähriger Schüler durch die Explosion einer Polizeigranate eine Hand. Die genauen Umstände werden untersucht; die Staatsanwaltschaft übergab Ermittlungen an die Polizeiaufsicht IGPN. Nach Angaben des Bildungsministeriums waren seit Beginn der Mobilisierung bereits mehr als 200 Schüler verletzt worden.

Auch der grosse Elternverband FCPE unterstützt die Mobilisierung und hat Eltern ausdrücklich dazu aufgerufen, am 6. Oktober an der Seite der Schüler zu demonstrieren. Gewerkschaften haben sich ebenfalls angeschlossen.

Damit verschiebt sich der Charakter des Konflikts. Aus einem Protest von Schülern gegen mangelnde Mittel, überfüllte Klassen und schlechte Bildungsbedingungen wird zunehmend eine grundsätzliche Auseinandersetzung über den Umgang des französischen Staates mit protestierender Jugend.

Die weisse Kleidung ist deshalb vor allem ein politisches Symbol. Sie transportiert die Botschaft, dass zwischen Staatsgewalt und jugendlichem Protest eine gesellschaftliche Instanz treten soll. Frankreich greift dabei auf eine Erinnerung zurück, die bis heute wirksam ist: 1986 zeigte, wie schnell ein Konflikt um Bildungspolitik zu einer nationalen Krise werden kann, wenn Gewalt die ursprünglichen Forderungen überlagert.

C. Hatty