Editorial

Frankreich vor der Wahl der Extreme: Ein Duell Le Pen gegen Mélenchon ist plötzlich realistisch

Frankreich nähert sich einer Präsidentschaftswahl, die das politische Koordinatensystem der Fünften Republik grundlegend verändern könnte. Gut sieben Monate vor dem ersten Wahlgang zeichnet sich ein Szenario ab, das vor wenigen Jahren noch als fast undenkbarer Ausnahmefall gegolten hätte: Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon könnten sich im zweiten Wahlgang gegenüberstehen. Unvermeidlich ist dieses Duell keineswegs.…

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Frankreich nähert sich einer Präsidentschaftswahl, die das politische Koordinatensystem der Fünften Republik grundlegend verändern könnte. Gut sieben Monate vor dem ersten Wahlgang zeichnet sich ein Szenario ab, das vor wenigen Jahren noch als fast undenkbarer Ausnahmefall gegolten hätte: Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon könnten sich im zweiten Wahlgang gegenüberstehen. Unvermeidlich ist dieses Duell keineswegs. Doch die jüngsten Umfragen machen deutlich, dass es nicht länger als theoretische Möglichkeit abgetan werden kann.

Bemerkenswert ist dabei weniger der Aufstieg zweier politischer Persönlichkeiten, die Frankreich seit vielen Jahren kennt. Bemerkenswert ist vielmehr die Schwäche jener Kräfte, die den Staat während der vergangenen Jahrzehnte regiert haben. Die eigentliche Botschaft der Umfragen lautet deshalb: Frankreichs politisches Zentrum verliert seine Fähigkeit, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen zu bündeln.

Das Zentrum hinterlässt ein Vakuum

Emmanuel Macron hatte 2017 das traditionelle Parteiensystem Frankreichs geradezu gesprengt. Sozialisten und Republikaner, die sich seit den achtziger Jahren im Élysée abgewechselt hatten, wurden an den Rand gedrängt. Macron ersetzte diese Bipolarität unfreiwillig durch eine neue Dreiteilung: ein proeuropäisches Zentrum, eine nationalistische Rechte und eine radikale Linke.

Zehn Jahre später droht ausgerechnet das Zentrum zum schwächsten Glied dieser Ordnung zu werden.

Macron kann 2027 nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut kandidieren. Zugleich hat sich bislang kein selbstverständlicher Nachfolger herausgebildet. Édouard Philippe versucht, das bürgerliche Lager von der politischen Mitte bis weit in die republikanische Rechte hinein zu sammeln. Gabriel Attal beansprucht einen Teil des Macron-Erbes für sich. Bruno Retailleau wiederum will der traditionellen Rechten ein eigenständiges Profil zurückgeben.

Das Problem besteht nicht darin, dass es diesem Lager an Kandidaten mangelt. Es hat zu viele.

Die wieder aufgeflammte Diskussion über eine Vorwahl von Mitte und Rechter ist deshalb Ausdruck strategischer Nervosität. Ihre Befürworter argumentieren, nur ein gemeinsamer Kandidat könne verhindern, dass sich mehrere Bewerber gegenseitig die Stimmen nehmen und damit sowohl Le Pen als auch Mélenchon den Weg in die Stichwahl öffnen.

Doch schon über das Verfahren herrscht keine Einigkeit. Philippe lehnt eine Vorwahl ab, während Attal und Retailleau ihre Bereitschaft dazu signalisiert haben. Damit wiederholt sich ein bekanntes Problem französischer Präsidentschaftswahlen: Alle verlangen nach Einheit, solange nicht geklärt ist, hinter wem diese Einheit hergestellt werden soll.

Le Pen ist längst keine Protestkandidatin mehr

Marine Le Pens Stärke besitzt eine andere Qualität. Der Rassemblement national ist nicht mehr lediglich die Partei eines gesellschaftlichen Protestmilieus. Er hat sich über Jahre hinweg organisatorisch verbreitert und politisch normalisiert. Die sogenannte Entdiabolisierung war keine kosmetische Strategie, sondern der Versuch, aus einer Außenseiterpartei eine regierungsfähige Machtoption zu formen.

Das verändert die Bedeutung der Präsidentschaftswahl.

2002 erreichte Jean-Marie Le Pen überraschend die Stichwahl gegen Jacques Chirac. Damals mobilisierte sich nahezu das gesamte republikanische Spektrum gegen den Front national; Chirac gewann mit mehr als 82 Prozent. Als Marine Le Pen 2017 gegen Macron antrat, erhielt sie bereits knapp 34 Prozent. 2022 waren es gut 41 Prozent.

Die Entwicklung zeigt, wie sehr der traditionelle «front républicain» erodiert ist. Die bloße Präsenz Le Pens in der Stichwahl löst längst keine automatische Mobilisierung ihrer Gegner mehr aus.

Hinzu kommt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage. Kaufkraft, Migration, innere Sicherheit und Staatsfinanzen bestimmen zunehmend die politische Debatte. Frankreichs finanzpolitischer Spielraum ist eng. Die Staatsverschuldung liegt inzwischen bei rund 116 Prozent der Wirtschaftsleistung; zugleich belasten steigende Finanzierungskosten den Haushalt. Die Regierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 zuletzt auf 0,5 Prozent gesenkt.

Solche Zahlen sind politisch deshalb bedeutsam, weil sie das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates berühren. Frankreich verfügt über einen der umfangreichsten Sozialstaaten Europas. Zugleich wächst der Eindruck, dass dieser Staat immer kostspieliger wird, ohne Sicherheit, sozialen Aufstieg oder funktionierende öffentliche Dienstleistungen im erwarteten Umfang garantieren zu können.

Von diesem Widerspruch profitieren jene Kandidaten, die einen grundlegenden Kurswechsel versprechen.

Mélenchons paradoxe Stärke

Auch Jean-Luc Mélenchon lebt von der Krise des traditionellen Parteiensystems. Seine Ausgangslage unterscheidet sich allerdings erheblich von jener Le Pens.

Die französische Linke bleibt zersplittert. Sozialisten, Grüne, Kommunisten und La France insoumise konkurrieren nicht nur um Wähler, sondern um eine grundsätzliche Definition linker Politik. Mélenchon verfügt dennoch über einen entscheidenden Vorteil: Er besitzt eine über Jahre aufgebaute, mobilisierbare Wählerbasis.

Schon 2022 erreichte er 21,95 Prozent und verfehlte die Stichwahl nur knapp. Seine Strategie beruht seitdem darauf, die klassische sozialdemokratische Linke durch eine populistische Sammlungsbewegung zu ersetzen, die jüngere Wähler, Großstadtmilieus, Teile der Arbeiterschaft und Bewohner der Vorstädte mobilisiert.

Gleichzeitig bleibt Mélenchon eine stark polarisierende Persönlichkeit. Das könnte im ersten Wahlgang weniger problematisch sein als im zweiten. Die französische Präsidentschaftswahl belohnt zunächst Geschlossenheit und erst danach Mehrheitsfähigkeit. Ein Kandidat mit einem stabilen Sockel von rund einem Fünftel der Wählerschaft kann deshalb die Stichwahl erreichen, obwohl eine deutlich größere Mehrheit der Bevölkerung ihn ablehnt.

Genau darin liegt die Besonderheit eines möglichen Duells Le Pen gegen Mélenchon.

Eine Stichwahl ohne politische Mitte

Seit Gründung der Fünften Republik 1958 war der zweite Wahlgang der Präsidentschaftswahl stets auch ein Mechanismus politischer Bündelung. Gaullisten gegen Sozialisten, Konservative gegen Linke, später Macron gegen Le Pen: Am Ende konnte sich zumindest ein Kandidat als Vertreter eines breiten republikanischen oder zentristischen Lagers präsentieren.

Ein Duell Le Pen–Mélenchon würde diese Logik durchbrechen.

Auf europapolitischem, wirtschaftlichem und institutionellem Gebiet liegen zwischen beiden Welten. Le Pen setzt auf nationale Souveränität, restriktive Migrationspolitik und wirtschaftlichen Protektionismus. Mélenchon fordert eine massive Umverteilung, einen Ausbau staatlicher Intervention und eine fundamentale Veränderung der europäischen Wirtschaftsordnung. Seine jüngste Forderung, einen Teil der von der Banque de France gehaltenen französischen Staatsschulden zu streichen, stieß bei der Europäischen Zentralbank auf scharfen Widerspruch.

Für Frankreichs Partner wäre eine solche Stichwahl daher mehr als ein innenpolitisches Ereignis. Frankreich ist Atommacht, ständiges Mitglied des Uno-Sicherheitsrates und gemeinsam mit Deutschland das politisch wichtigste Land der Europäischen Union. Ein grundlegender französischer Kurswechsel würde unmittelbar auf die EU, die Nato, die europäische Finanzpolitik und das Verhältnis zu Deutschland ausstrahlen.

Warum noch nichts entschieden ist

Sieben Monate sind in einer französischen Präsidentschaftswahl eine lange Zeit. 2016 galt Alain Juppé zeitweise als wahrscheinlicher nächster Präsident. Wenige Monate später war er ausgeschieden. François Fillon stieg überraschend auf und stürzte anschließend über eine Affäre. Emmanuel Macron, damals ohne etablierte Partei und ohne Wahlerfahrung, zog schließlich ins Élysée ein.

Auch diesmal können Ereignisse die Kräfteverhältnisse verändern. Eine Einigung von Mitte und gemäßigter Rechter könnte einen Kandidaten hervorbringen, der genügend Stimmen bündelt, um Mélenchon zu verdrängen. Auf der Linken könnte eine Vorwahl oder politische Neuordnung ebenfalls eine andere Dynamik erzeugen. Hinzu kommen juristische Risiken, wirtschaftliche Entwicklungen und internationale Krisen.

Umfragen sieben Monate vor einer Wahl sind deshalb keine Prognosen. Sie zeigen keine Zukunft, sondern eine politische Gegenwart.

Gerade deshalb sollte man sie ernst nehmen.

Denn die entscheidende Nachricht der gegenwärtigen Erhebungen lautet nicht, dass Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon zwangsläufig die Stichwahl erreichen werden. Sie lautet, dass ein solches Duell inzwischen ohne außergewöhnliche Ereignisse möglich geworden ist.

Damit steht Frankreich vor einer tiefergehenden Frage als jener nach den beiden Namen auf den Wahlzetteln im Mai 2027. Die Fünfte Republik beruhte lange auf der Fähigkeit ihrer politischen Mitte, gesellschaftliche Konflikte spätestens im entscheidenden Wahlgang wieder zusammenzuführen. Wenn zwei Kandidaten die Stichwahl erreichen sollten, deren politische Stärke wesentlich aus der Ablehnung des bestehenden Systems erwächst, wäre dies der sichtbarste Beleg dafür, dass dieser Mechanismus nicht mehr zuverlässig funktioniert.

Das eigentliche Drama der Wahl von 2027 wäre dann nicht der Erfolg der politischen Ränder. Es wäre das Verschwinden einer überzeugenden Alternative zwischen ihnen.

Andreas M. Brucker

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