Es ist nicht allein die schiere Regenmenge, die den aktuellen Mittelmeer-Starkregen im Gard und im Hérault so gefährlich macht. Entscheidend ist vor allem seine Hartnäckigkeit: Seit Mittwoch, dem 30. September, ziehen die Niederschläge nicht einfach weiter, sondern treffen immer wieder dieselben Gebiete. Météo-France spricht von einem „bemerkenswerten“ Ereignis. Zeitweise galt in beiden Départements die höchste Warnstufe Rot für Regen und Überschwemmungen, im Hérault zudem wegen Hochwassergefahr.
Die Dimension zeigt eine Zahl besonders eindrucksvoll: In Saint-Hippolyte-du-Fort im Gard fielen bis Mittwochmittag bereits 332 Millimeter Regen. Das entspricht 332 Litern Wasser auf jedem einzelnen Quadratmeter.
Eine regelrechte Regenmaschine
Der Ursprung dieser Wetterlage liegt weiter südlich, über dem Mittelmeer. Ein Cevennen-Ereignis funktioniert vereinfacht wie eine atmosphärische Pumpe: Warme, feuchte Luft strömt vom Meer Richtung Festland, steigt auf, kühlt ab und entlädt ihre Feuchtigkeit als heftigen Regen.
Diesmal greifen die Zutaten besonders wirkungsvoll ineinander. Ein großes Tiefdruckgebiet nordwestlich Europas und hoher Luftdruck über Mitteleuropa begünstigen eine südliche Strömung. Gleichzeitig sorgt kalte Luft in höheren Atmosphärenschichten für zusätzliche Instabilität.
Hinzu kommt ein entscheidender Faktor: Das Mittelmeer ist außergewöhnlich warm. Je wärmer die Wasseroberfläche, desto stärker die Verdunstung und desto mehr Wasserdampf gelangt in die darüberliegenden Luftmassen. Gerade im Herbst entsteht daraus eine brisante Mischung. Während aus Norden bereits kühlere Luft nach Westeuropa vordringt, steckt im Mittelmeer noch reichlich Sommerwärme.
Dann kommen die Cevennen ins Spiel.
Die vom Meer herangeführte feuchte Luft prallt auf das Gebirge und muss aufsteigen. Dabei kühlt sie sich ab, Wasserdampf kondensiert, mächtige Wolken entstehen. Meteorologen sprechen vom „orographischen Zwang“.
Das allein erklärt jedoch noch keine außergewöhnlichen Regenmengen. Gefährlich wird die Situation, wenn ständig neue feuchte Luft nachströmt. Dann regenerieren sich Gewitterzellen immer wieder über denselben Regionen. Das Ganze ähnelt einem Förderband: Das Mittelmeer liefert ununterbrochen Wärme und Feuchtigkeit, die Cevennen pressen gewissermaßen das Wasser aus der Luft.
Und genau da wird es brenzlig.
Wenn aus Bächen binnen Stunden reißende Flüsse werden
Die Landschaft verschärft die Situation zusätzlich. Die Einzugsgebiete der Cevennen sind klein, steil und von zahlreichen Bächen und Flüssen durchzogen. Regenwasser erreicht deshalb sehr schnell die Täler. Zwischen dem stärksten Niederschlag und dem höchsten Wasserstand eines Flusses liegen mitunter nur wenige Stunden.
Ein unscheinbarer Bach kann sich dadurch in kürzester Zeit in einen reißenden Strom verwandeln. Besonders gefährdet sind Straßen in Tallagen, Furten, Brücken sowie dicht bebaute Gebiete entlang der Flüsse.
Dass solche Dimensionen keine theoretische Möglichkeit darstellen, zeigt die Vergangenheit. Mittelmeer-Episoden bringen gelegentlich mehr als 200 Millimeter Niederschlag innerhalb von 24 Stunden. Im September 2020 fielen in Valleraugue im Gard sogar rund 500 Millimeter binnen zwölf Stunden.
Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Cevennen-Ereignisse sind kein neues Phänomen und gehören seit jeher zum Wettergeschehen Südfrankreichs. Der Klimawandel erzeugt sie also nicht einfach.
Doch er verändert ihre Rahmenbedingungen. Wärmere Luft nimmt mehr Wasserdampf auf, ein wärmeres Mittelmeer liefert zusätzlich Feuchtigkeit. Dadurch steigt das Potenzial für besonders intensive Niederschläge, sobald die meteorologischen Zutaten zusammenpassen.
Streng genommen handelt es sich beim aktuellen Geschehen zudem um ein Mittelmeer-Ereignis. Der Begriff „Cevennen-Ereignis“ bezeichnet jene Variante, bei der das Gebirge eine zentrale Rolle spielt.
Im Gard und im Hérault treffen derzeit nahezu lehrbuchartig alle Faktoren aufeinander: warmes Meer, feuchte Südströmung, kalte Höhenluft, instabile Atmosphäre und unmittelbar hinter der Küste die Cevennen. Bleibt diese Wettermaschine über Stunden an derselben Stelle, verwandelt sich das Mittelmeer in einen gewaltigen Feuchtigkeitsspeicher – und das Gebirge in dessen Entladestation.
Andreas M. Brucker