Kaum ein Ort verkörpert die glanzvolle Geschichte des französischen Films so sehr wie die Studios de la Victorine in Nizza. Seit über einem Jahrhundert umweht diesen Ort ein Hauch von Magie – zwischen Nostalgie, Sternenglanz und dem Traum einer großen Renaissance.
Wo einst Rosen wuchsen, entstand Filmgeschichte
Es begann im Jahr 1919, als zwei visionäre Produzenten – Louis Nalpas und Serge Sandberg – aus einem simplen Gartengelände eine Filmfabrik erschufen. Ihre Mission: ein „Hollywood auf Französisch“, direkt unter der Sonne der Côte d’Azur. Eine gewagte Idee. Doch mit der Ankunft des amerikanischen Regisseurs Rex Ingram im Jahr 1924 nahm das Projekt Fahrt auf. Dank Produktionen wie Mare Nostrum und Le Jardin d’Allah bekam die Welt Wind von diesem Juwel im Süden Frankreichs.
Klingt fast wie ein Drehbuch, oder?
Krieg, Flucht und künstlerische Blüte
Als die Nazis Paris besetzten, flüchteten zahlreiche Filmschaffende nach Nizza. Die Victorine wurde zur rettenden Insel – ein sicherer Hafen für Kreative. In dieser turbulenten Zeit entstanden wahre Meisterwerke, etwa Les Enfants du Paradis von Marcel Carné.
Die goldenen Jahre setzten sich auch nach dem Krieg fort. Hitchcock filmte hier, François Truffaut ebenso. Brigitte Bardot, Grace Kelly, Jean Gabin – sie alle standen auf dem Studiogelände vor der Kamera. Es war die Hoch-Zeit des französischen Films, mit der Victorine als pulsierendem Herzstück.
Die Douglas-Brüder und der Traum vom europäischen Hollywood
Doch Ruhm ist flüchtig. Ab den 1980er Jahren ging es bergab. Korruption, Vernachlässigung und veraltete Technik ließen den einstigen Glanz verblassen. Doch dann tauchten zwei prominente Namen auf der Bühne auf: Michael Douglas, Sohn des legendären Kirk Douglas, und sein Bruder Joel. Gegen Ende der Dekade übernahmen die beiden die Leitung der Studios mit einer klaren Mission – die Victorine sollte als europäische Produktionsstätte für Hollywood-Filme wieder aufblühen.
Sie investierten in die Modernisierung der Anlagen, holten große Produktionen nach Nizza – darunter The Jewel of the Nile, der in Fortsetzung zu Romancing the Stone stand. Über 400 lokale Arbeitskräfte waren beteiligt, der Film wurde über Monate hinweg in der Victorine gedreht. Ein echter Kraftakt – wirtschaftlich wie logistisch.
Es war ein Hoffnungsschimmer.
Aber der ersehnte große Aufschwung blieb letztlich aus. Die Douglas-Brüder zogen sich wieder zurück, der Traum zerplatzte. Und die Studios gerieten erneut ins Trudeln, bis Euro Media France 1999 übernahm und frischen Wind in die alten Mauern brachte.
Diese Episode zeigt vor allem eines: Die Anziehungskraft dieses Ortes ist ungebrochen – doch seine Wiederbelebung ist kein Selbstläufer.
Ein Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft
Im Jahr 2000 wurden die Studios zunächst in „Studios Riviera“ umbenannt – ein weiterer Versuch, modern zu wirken. Doch erst 2017, als die Stadt Nizza sie zurückkaufte und ihnen den ursprünglichen Namen zurückgab, begann sich das Blatt zu wenden.
Seither wird modernisiert, digitalisiert und renoviert. Produktionen wie Brice de Nice oder Mr. Bean’s Holiday zeigen: Die Victorine lebt – wenn auch in neuem Gewand.
Kulturgut mit Potenzial
Was macht die Victorine heute so besonders?
Sie ist mehr als nur ein Drehort. Sie ist Erinnerung, Symbol, Kulturgut. Ein Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft miteinander flüstern. Derzeit laufen neue Projekte zur Modernisierung – man will die Studios fit für das digitale Zeitalter machen, aber gleichzeitig den Charme vergangener Tage bewahren.
Eine echte Gratwanderung – aber wenn einer beides kann, dann die Victorine.
Wie ein alter Schauspieler, der noch einmal auf die Bühne tritt und das Publikum zum Staunen bringt. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Vielleicht beginnt gerade ein neues Kapitel. Und wer weiß – vielleicht ist die Victorine bald wieder das, was sie einmal war: das leuchtende Zentrum des französischen Films.
Von Andreas M. B.