Frankreich steht vor gewaltigen Problemen. Der Staat ist hoch verschuldet, die politische Landschaft fragmentiert, die extreme Rechte wartet auf ihre historische Gelegenheit, die Industrie kämpft mit hohen Kosten und internationaler Konkurrenz, und der Klimawandel macht sich nicht mehr die Mühe, seine Existenz nur in wissenschaftlichen Modellrechnungen kundzutun.
In dieser Lage hat Olivier Faure eine Nachricht von geradezu welthistorischer Tragweite: «L’heure du socialisme écologique a sonné.» Die Stunde des ökologischen Sozialismus hat geschlagen.
Das klingt nach Jean Jaurès, nur mit Wärmepumpe.
Und weil Frankreich das Land der großen politischen Begriffe ist, genügt es natürlich nicht zu sagen, dass Klimaschutz sozial verträglich sein müsse. Daraus muss eine Doktrin werden, eine historische Synthese, ein neues Kapitel der Linken. Der «socialisme écologique» ist da. Nun braucht man nur noch Wähler.
Die große Entdeckung des Olivier Faure
Die Grundidee ist bestechend: Ökologie und soziale Gerechtigkeit gehören zusammen. Wer Klimapolitik betreibt, darf nicht die Armen belasten. Wer Sozialpolitik betreibt, darf nicht so tun, als ließe sich der Wohlstand des 20. Jahrhunderts bis zum Jahr 2100 mit immer mehr Beton, Benzin und Ressourcenverbrauch fortschreiben.
Das ist so richtig, dass man sich fragt, warum dafür eigentlich ein neuer Sozialismus erfunden werden muss.
Denn dass ein Staat den öffentlichen Verkehr ausbauen, Gebäude sanieren, erneuerbare Energien entwickeln, Industrie modernisieren und einkommensschwache Haushalte bei steigenden Energiepreisen schützen sollte, dürfte mittlerweile ungefähr zum Standardrepertoire jeder europäischen Mitte-links-Partei gehören.
Aber Olivier Faure verkauft diese politische Grundausstattung mit der Feierlichkeit eines Mannes, der gerade den Wohlfahrtsstaat ein zweites Mal erfunden hat. Der alte Sozialismus war produktivistisch, der neue wird ökologisch. Der alte liebte Fabriken, der neue vermutlich Fabriken mit Solardächern. Der alte wollte Wachstum, der neue möchte nachhaltiges Wachstum.
Und wo früher der Genosse am Hochofen stand, steht morgen wahrscheinlich der staatlich geförderte Techniker neben einer Wärmepumpe und liest die neuesten Vorschriften zur europäischen Gebäudeeffizienz. Die Internationale wird künftig etwas leiser gesungen – wegen des Energieverbrauchs.
Frankreich plant
Faure möchte langfristig planen, am besten über zwanzig oder dreißig Jahre. Wälder sollen diversifiziert, Böden geschützt, Wasserkreisläufe verbessert, Feuchtgebiete restauriert, Städte an den Klimawandel angepasst und Bevölkerung wie Infrastruktur besser gegen Brände und Überschwemmungen geschützt werden.
Eine großartige Liste. Frankreich wird also ökologisch umgebaut, und der Staat investiert, lenkt, plant, fördert, reguliert und verteilt um. Er schafft neue Industrien, schützt Arbeitnehmer, sorgt für günstige Energie und baut Verkehrssysteme.
Irgendwann zwischendurch könnte er vielleicht noch nachsehen, ob Geld da ist.
Denn das ist die kleine Fußnote, die bei großen französischen Gesellschaftsentwürfen gern ungefähr dort steht, wo bei einem Immobilienkredit die Zinsbelastung steht: möglichst weit unten.
Frankreich gehört bereits zu den Ländern mit besonders hohen Staatsausgaben in Europa, während der finanzielle Spielraum begrenzt ist. Renten, Gesundheit, Bildung, Verteidigung, Schuldendienst, Industriepolitik und sozialer Ausgleich konkurrieren längst miteinander. Nun kommt die ökologische Transformation hinzu, die selbstverständlich Milliarden kosten wird – sehr viele Milliarden.
Die politische Antwort darauf lautet dann gern, dass die Reichen bezahlen sollen, dazu die Unternehmen, die großen Vermögen und möglichst auch die Dividenden. Und wenn das alles nicht reicht, gibt es in Frankreich noch eine bewährte Institution: den zukünftigen Steuerzahler.
Der Kapitalismus darf bleiben – unter Aufsicht
Besonders hübsch ist Faures Verhältnis zum Kapitalismus. Er hält ihn für problematisch, aber offenbar nicht für so problematisch, dass man ihn abschaffen müsste. Er soll lediglich weniger kurzfristig denken, weniger Vermögen konzentrieren, weniger finanzialisieren, ökologischer investieren, vernünftigere Dividenden zahlen und sich insgesamt ein wenig sozialistischer benehmen.
Das ist ein faszinierendes Wirtschaftsmodell.
Der Unternehmer bleibt Unternehmer, soll aber ungefähr so investieren, wie es der Staat für gesellschaftlich sinnvoll hält. Der Aktionär darf Aktionär bleiben, solange seine Dividende politisch nicht unangenehm auffällt. Der Markt wiederum darf Markt bleiben, solange er die gewünschten Ergebnisse hervorbringt; tut er es nicht, erklärt ihm der Staat noch einmal ausführlich, was ein Markt eigentlich tun sollte.
Das unterscheidet Faures ökologischen Sozialismus immerhin vom revolutionären Ökosozialismus. Die Revolution entfällt, dafür gibt es Planungskommissionen. Der Kapitalismus wird nicht gestürzt, sondern erhält Auflagen.
Karl Marx hätte vermutlich einige Rückfragen.
Das Trauma trägt eine gelbe Weste
Dabei hat Faure mit einem entscheidenden Punkt recht. Frankreich hat bereits erlebt, was geschieht, wenn ökologische Vernunft auf soziale Realität trifft.
2018 wollte die Regierung Kraftstoffe stärker belasten. Die theoretische Idee war elegant: Wer CO₂ verursacht, zahlt mehr. Dann kamen die Gelbwesten, und plötzlich stellte sich heraus, dass der französische Pendler auf dem Land nicht jeden Morgen aus ideologischer Begeisterung für fossile Brennstoffe in seinen Diesel steigt.
Manche Menschen fahren tatsächlich Auto, weil sie zur Arbeit müssen – eine für manche Pariser Milieus offenbar verblüffende Erkenntnis.
Diese Menschen wohnen nicht neben einer Métrostation, können nicht im Homeoffice arbeiten, besitzen kein energetisch saniertes Appartement in Paris und bestellen ihre gesellschaftliche Wirklichkeit auch nicht per App.
Die Gelbwesten waren deshalb eine Lektion, die Frankreich eigentlich nicht mehr vergessen dürfte: Klimapolitik wird explosiv, wenn ihre moralischen Kosten oben verkündet und ihre materiellen Kosten unten kassiert werden.
Faures Antwort darauf ist vernünftig. Er will Gebäudesanierungen fördern, den öffentlichen Verkehr ausbauen, Arbeitsplätze in neuen Industrien schaffen und Menschen beim Strukturwandel unterstützen. Nur kostet all das Geld, und an diesem Punkt endet in der Politik regelmäßig die Lyrik und beginnt die Haushaltsdebatte.
Der Sozialismus entdeckt die Kaufkraft
Faure möchte die ökologische Transformation deshalb mit höherer Kaufkraft verbinden. Auch das ist eine bemerkenswerte politische Innovation: Die Menschen sollen nach der Transformation möglichst nicht ärmer, vielleicht sogar wohlhabender sein.
Sie bekommen bessere Wohnungen, bessere Verkehrsmittel, bessere Arbeitsplätze, bessere öffentliche Dienstleistungen und gleichzeitig eine klimaneutrale Wirtschaft. Wer könnte dagegen sein?
Der ökologische Sozialismus bekommt dadurch etwas vom Charakter eines französischen Restaurantmenüs, bei dem Vorspeise, Hauptgericht, Dessert und Wein bestellt werden und anschließend leidenschaftlich darüber diskutiert wird, warum eigentlich eine Rechnung auf dem Tisch liegt.
Denn Dekarbonisierung kostet zunächst Kapital. Netze und Kraftwerke müssen gebaut oder modernisiert, Gebäude saniert, Industrieanlagen umgerüstet und Schienenwege ausgebaut werden. Arbeitnehmer in schrumpfenden Branchen benötigen zudem glaubwürdige Alternativen.
Man kann darüber streiten, wie diese Last verteilt wird. Wegreden kann man sie nicht, auch nicht sozialistisch.
Und dann ist da noch Glucksmann
Die vielleicht schönste Pointe des ökologischen Sozialismus besteht allerdings darin, dass Olivier Faure mit seiner großen ökologischen Erneuerung nicht allein ist. Raphaël Glucksmann ist auch da und möchte ebenfalls die ökologische Transformation.
Er spricht von einer «révolution écologique» und verspricht den Ausstieg aus fossilen Energien, Elektrifizierung, erneuerbare Energien, Gebäudesanierung, Bahnverkehr, ökologische Landwirtschaft, Industriepolitik, Arbeitsplätze, Kaufkraft und Steuergerechtigkeit.
Es ist beinahe tragisch.
Da verbringt Olivier Faure Jahre damit, den Sozialismus ökologisch neu zu erfinden, und kurz vor der Präsidentschaftswahl kommt Raphaël Glucksmann vorbei und hat eine ökologische Revolution im Gepäck.
Nun konkurrieren zwei Männer darum, wer dieselbe historische Notwendigkeit historischer formulieren kann. Faure hat den «socialisme écologique», Glucksmann die «République écologique». Man wartet eigentlich nur noch auf François Hollande mit der «écologie normale».
Die Linke rettet sich zunächst selbst
Bevor Frankreich gerettet werden kann, muss allerdings noch eine Kleinigkeit geklärt werden: Wer kandidiert?
Das beschäftigt die französische Linke traditionell mit einer Leidenschaft, die Außenstehende gelegentlich mit Selbstzerstörung verwechseln.
Im Juli 2026 ließ Faure die Mitglieder des Parti socialiste über das Verfahren zur Kandidatenkür abstimmen – und verlor. 55,5 Prozent entschieden sich für das Gegenmodell seiner innerparteilichen Rivalen. Für einen Parteichef, der seit acht Jahren an der Spitze steht, ist das ungefähr jene Form der Rückendeckung, die ein Bergsteiger erhält, wenn ihm das Seil hinterhergeworfen wird.
Nun läuft alles auf eine Vorwahl hinaus, bei der Faure, Glucksmann und weitere Kandidaten antreten. Selbstverständlich wird bereits darüber gestritten, wie viele Fernsehdebatten stattfinden sollen. Faure und andere wollen drei, Glucksmanns Lager bevorzugt eine.
Das ist verständlich. Schließlich hängt die Zukunft der französischen Republik womöglich davon ab, ob Sozialdemokraten ihre Unterschiede einmal oder dreimal öffentlich erklären.
Immerhin soll alles zivilisiert bleiben. Faure versprach beim sozialistischen Sommertreffen in Blois sinngemäß, es werde bei der Vorwahl kein Blut an den Wänden geben. Dass man dies ausdrücklich erwähnen muss, sagt über die Geschichte französischer Linksparteien möglicherweise mehr als sämtliche Parteiprogramme.
Die große Frage heißt nicht Ökologie
Dabei liegt das eigentliche Problem der französischen Sozialdemokratie tiefer. Es lautet schlicht: Wofür braucht Frankreich sie?
Diese Frage ist grausam, aber Wähler sind gelegentlich grausam.
Ökologie bieten die Grünen, eine sozialökologische Republik bietet Glucksmann, radikale Umverteilung Jean-Luc Mélenchon und proeuropäische Reformpolitik die politische Mitte. Nationalen Protektionismus gibt es rechts, während der Rassemblement national die inzwischen äußerst erfolgreiche politische Dienstleistung anbietet, für fast jedes Problem jemanden verantwortlich zu machen.
Was genau ist also das Alleinstellungsmerkmal des Parti socialiste?
Faures Antwort lautet: Sozialismus plus Ökologie. Das könnte funktionieren, aber nur, wenn daraus mehr wird als ein neues Etikett für bekannte sozialdemokratische Forderungen.
Denn die französische Linke leidet nicht unter einem Mangel an Begriffen. Sie leidet unter einem Mangel an Vertrauen.
Die gefährlichste Frage: Wie?
Der «socialisme écologique» ist deshalb gleichzeitig vernünftig und verdächtig bequem. Vernünftig ist er, weil soziale und ökologische Fragen tatsächlich nicht mehr getrennt behandelt werden können. Bequem ist er, weil er zunächst verspricht, nahezu alle Zielkonflikte politisch aufzulösen.
Es soll mehr Klimaschutz, Kaufkraft, Industrie, Arbeitsplätze, öffentliche Dienstleistungen, Investitionen und soziale Sicherheit geben, zugleich aber weniger Ungleichheit, Emissionen und Ressourcenverbrauch.
Es fehlt eigentlich nur noch kostenloses WLAN.
Politik beginnt jedoch dort, wo nicht alles gleichzeitig möglich ist. Was geschieht, wenn eine ökologisch notwendige Maßnahme Arbeitsplätze kostet oder Energie teurer wird? Was geschieht, wenn eine neue Bahnstrecke durch eine Landschaft führt, die geschützt werden soll, oder Windräder dort gebaut werden müssen, wo Menschen wohnen? Was geschieht, wenn Unternehmen ihre Investitionen lieber in Amerika oder Asien tätigen, höhere Steuern weniger einbringen als erwartet oder der Staat schlicht kein Geld mehr hat?
Dann braucht man nicht nur Visionen, sondern Entscheidungen.
Und Entscheidungen sind die natürlichen Feinde politischer Utopien.
Das grüne Mäntelchen reicht nicht
Olivier Faure hat also keineswegs Unsinn erfunden. Im Gegenteil: Der Gedanke, Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit miteinander zu verbinden, dürfte zu den zentralen politischen Aufgaben dieses Jahrhunderts gehören.
Nur ist eine richtige Diagnose noch keine Regierungspolitik.
Die französische Sozialdemokratie kann sich nicht dadurch erneuern, dass sie ihrem alten Versprechen vom sozialen Fortschritt ein ökologisches Adjektiv hinzufügt. Sie müsste erklären, wer bezahlt und wer verzichten muss, welche Industrien Frankreich noch haben soll, welche Energiepolitik dafür nötig ist, welche Steuern steigen, welche Ausgaben sinken und welche Konflikte sie auszuhalten bereit ist.
Vor allem müsste sie den Eindruck vermeiden, der ökologische Sozialismus sei jene wunderbare Maschine, in die man Klimakrise, soziale Ungleichheit und Staatsverschuldung hineinwirft und aus der anschließend Vollbeschäftigung, Kaufkraft und glückliche Feuchtgebiete herauskommen.
Bis dahin bleibt der «socialisme écologique» ein bemerkenswertes politisches Kunstwerk. Er verbindet Jaurès mit der Wärmepumpe, Marx mit dem Windpark und die französische Liebe zur staatlichen Planung mit der Hoffnung, dass irgendwann jemand anders die Rechnung bezahlt.
Während Olivier Faure den Sozialismus für das 21. Jahrhundert neu erfindet, muss er deshalb nur noch Raphaël Glucksmann schlagen, die französische Linke einigen und Frankreich überzeugen.
Der Planet kommt danach.
Christine Macha