Frankreich

Le Stangala: Die geheimnisvolle Schlucht der Bretagne

Nur wenige Kilometer von Quimper entfernt zeigt die Bretagne ein Gesicht, das kaum jemand erwartet. Statt salziger Meeresluft, endloser Strände und schroffer Atlantikklippen empfängt den Besucher eine verwunschene Welt aus moosbewachsenen Felsen, uralten Bäumen und rauschendem Wasser. Willkommen im Stangala, einer der faszinierendsten Naturlandschaften des Finistère. Hier scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Ein grünes…

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Nur wenige Kilometer von Quimper entfernt zeigt die Bretagne ein Gesicht, das kaum jemand erwartet. Statt salziger Meeresluft, endloser Strände und schroffer Atlantikklippen empfängt den Besucher eine verwunschene Welt aus moosbewachsenen Felsen, uralten Bäumen und rauschendem Wasser. Willkommen im Stangala, einer der faszinierendsten Naturlandschaften des Finistère.

Hier scheint die Zeit langsamer zu vergehen.

Ein grünes Paradies vor den Toren Quimpers

Auf rund 90 Hektar erstreckt sich zwischen Quimper, Ergué-Gabéric und Briec eine wilde Schlucht, die so gar nicht zum vertrauten Bild der Bretagne passen möchte.

Die Odet, andernorts ein eher gemächlicher Fluss, zwängt sich hier zwischen mächtige Granitblöcke. Steile Hänge ragen empor, Farne bedecken den Waldboden, und dicke Moospolster verwandeln umgestürzte Baumstämme in grüne Skulpturen.

Manchmal dringt kaum ein Sonnenstrahl durch das dichte Blätterdach.

Wer hier unterwegs ist, fühlt sich beinahe wie in einem kleinen Urwald. Nur das Plätschern und gelegentliche Donnern des Wassers durchbricht die Stille. Und ganz ehrlich: Wer braucht schon tropische Regenwälder, wenn die Bretagne solche Schätze direkt vor der Haustür versteckt?

Die Odet als Landschaftskünstlerin

Über Jahrtausende grub sich die Odet tief in das Gestein und schuf eine Schlucht mit stellenweise mehr als 45 Grad steilen Hängen.

Besonders eindrucksvoll präsentiert sich die Landschaft am Aussichtspunkt Griffonès. Von diesem felsigen Vorsprung schweift der Blick über bewaldete Abhänge hinunter zum Fluss, der sich zwischen gewaltigen Steinen hindurchschlängelt.

Im Frühling leuchten junge Blätter in frischem Grün. Im Herbst verwandelt sich die Schlucht in ein Farbenmeer aus Gold, Kupfer und Rostrot.

Auch seltene Bewohner fühlen sich hier wohl. Dazu zählt die geschützte Quimper Schnecke, die feuchte Wälder liebt. Der Königsfarn wiederum gedeiht prächtig im schattigen Tal.

Wo Heilige springen und Drachen lauern

Natürlich besitzt ein derart geheimnisvoller Ort seine eigenen Legenden.

Der Name Stangala soll auf den bretonischen Ausdruck für „Tal des heiligen Alar“ zurückgehen. Einer Überlieferung zufolge entkam der Heilige seinen Verfolgern durch einen gewaltigen Sprung über die Schlucht.

Andere Geschichten erzählen von Kobolden, Hexen und einem Drachen am Griffonès. Sogar eine wundersame Quelle taucht in den Erzählungen auf: Alle hundert Jahre soll aus ihr statt Wasser köstlicher Weißwein sprudeln.

Eine hübsche Vorstellung — nur dürfte das Warten auf den nächsten Ausschank ziemlich lang ausfallen.

Wer allerdings bei aufsteigendem Nebel zwischen den Felsen steht, versteht sofort, weshalb solche Geschichten entstanden.

Eine Landschaft voller Erinnerungen

So ursprünglich das Tal heute erscheint, einst herrschte hier reges Treiben. Wassermühlen nutzten die Kraft der Odet, Steinbrucharbeiter gewannen Baumaterial, und Bauern bewirtschafteten die umliegenden Flächen.

Der alte Mühlenstandort Meilh Poul erinnert an diese Vergangenheit.

Auch Künstler entdeckten früh den besonderen Zauber des Stangala. Der Maler Louis Noël verewigte die Landschaft bereits 1861. Der Dichter Max Jacob fand hier ebenfalls Inspiration.

1929 erhielt das Gebiet einen besonderen Schutzstatus. Später engagierte sich das Département Finistère für seinen Erhalt.

Wandern zwischen Felsen und Baumwurzeln

Heute führen zahlreiche Wanderwege durch die Schlucht. Der Fernwanderweg GR 38 durchquert das Gebiet, während kleine Pfade bis ans Flussufer hinabreichen.

Doch Vorsicht: Das Stangala ist kein gemütlicher Stadtpark.

Steile Passagen, glitschige Steine und freiliegende Wurzeln verlangen festes Schuhwerk und etwas Trittsicherheit. Besonders nach Regen verwandeln sich manche Wege in eine rutschige Angelegenheit.

Dafür belohnt die Natur jeden Schritt mit neuen Eindrücken.

Und was gibt es Schöneres, als nach einer Wanderung durch diese stille Wildnis in einem bretonischen Café einzukehren?

Das Stangala beweist, dass die Bretagne weit mehr bietet als ihre berühmte Küste. Manchmal liegt ihr größter Zauber nicht am Horizont des Atlantiks, sondern tief verborgen unter einem grünen Blätterdach.

Ein Artikel von M. Legrand

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