Frankreich

Macron und Milei: Wenn Rohstoffe wichtiger werden als Ideologie

Ideologisch liegen Emmanuel Macron und Javier Milei weit auseinander. Doch wenn es um Gas, Lithium, Kupfer und Investitionen in Milliardenhöhe geht, verlieren politische Gegensätze offenbar an Gewicht. Das Treffen der beiden Präsidenten am 1. Oktober im Élysée-Palast zeigte, wie pragmatisch die französisch-argentinischen Beziehungen inzwischen geworden sind. Paris will seine wirtschaftlichen und strategischen Positionen in Argentinien…

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Ideologisch liegen Emmanuel Macron und Javier Milei weit auseinander. Doch wenn es um Gas, Lithium, Kupfer und Investitionen in Milliardenhöhe geht, verlieren politische Gegensätze offenbar an Gewicht. Das Treffen der beiden Präsidenten am 1. Oktober im Élysée-Palast zeigte, wie pragmatisch die französisch-argentinischen Beziehungen inzwischen geworden sind. Paris will seine wirtschaftlichen und strategischen Positionen in Argentinien ausbauen. Buenos Aires wiederum braucht ausländisches Kapital, damit aus Mileis wirtschaftspolitischem Umbau langfristig Wachstum und neue Exportkapazitäten entstehen.

Das Bild hatte etwas Paradoxes. Javier Milei, scharfer Kritiker des Wohlfahrtsstaates, der Europäischen Union und des traditionellen Multilateralismus, wurde in Paris von einem Präsidenten empfangen, der Europa und internationale Institutionen als wesentliche Instrumente französischer Machtpolitik betrachtet.

Dennoch war Milei zu einem offiziellen Besuch nach Frankreich gekommen. Anlass war die „Argentina Week“, mit der Buenos Aires europäischen Investoren ein neues Bild des Landes vermitteln will. Nach ihrem bilateralen Gespräch trafen Macron und Milei deshalb auch Vertreter französischer Unternehmen, die bereits in Argentinien tätig sind oder dort investieren könnten.

Hinter der diplomatischen Höflichkeit standen handfeste Interessen.

Zehn Milliarden Dollar von TotalEnergies

Die spektakulärste Nachricht lieferte TotalEnergies. Der französische Energiekonzern plant Investitionen von insgesamt annähernd zehn Milliarden Dollar in Argentinien.

Nach Angaben von Vorstandschef Patrick Pouyanné sollen die Mittel auf verschiedene Projekte verteilt werden. Dazu gehören neue Bohrungen in Feuerland und eine Ausweitung der Gasförderung in der Provinz Neuquén. TotalEnergies steht bereits für ungefähr ein Viertel der argentinischen Gasproduktion.

Für Milei könnte es kaum eine bessere Werbung geben.

Seit seinem Amtsantritt Ende 2023 versucht der Präsident, Argentinien von seinem Ruf als Land chronischer Inflation, Kapitalverkehrskontrollen, regulatorischer Unsicherheit und wiederkehrender Finanzkrisen zu lösen. Aus seiner Sicht sollen Haushaltsdisziplin, Deregulierung und investorenfreundlichere Rahmenbedingungen internationales Kapital zurückbringen.

Bei der Stabilisierung kann die Regierung inzwischen Fortschritte vorweisen. Die Inflation ist gegenüber den Extremwerten zu Beginn der Amtszeit deutlich zurückgegangen. Im August 2026 stiegen die Verbraucherpreise gegenüber dem Vormonat um 1,7 Prozent.

Doch das Bild bleibt widersprüchlich. Im ersten Halbjahr 2026 lebten nach Angaben des argentinischen Statistikamtes INDEC noch 32,3 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Im Juli lag die Wirtschaftsaktivität zudem 1,4 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres.

Die Stabilisierung ist damit weit fortgeschritten, die Transformation in dauerhaftes Wachstum aber noch keineswegs abgeschlossen. Gerade deshalb braucht Milei Investitionen.

Frankreich ist längst im Land verankert

Für Paris ist Argentinien wirtschaftlich kein Neuland. Die französische Präsenz ist erheblich.

Nach Angaben des französischen Außenministeriums sind rund 250 französische Tochtergesellschaften im Land tätig und beschäftigen etwa 53 000 Menschen. Mit Direktinvestitionen von rund 7,3 Milliarden Euro ist Frankreich der siebtgrößte ausländische Investor Argentiniens. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte 2024 etwa 1,2 Milliarden Euro.

Französische Unternehmen sind unter anderem im Automobilsektor, in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, im Handel, bei Energie und Bergbau, in der Pharmaindustrie, Telekommunikation und im Transportwesen aktiv.

Zwei Bereiche verleihen dieser wirtschaftlichen Beziehung inzwischen jedoch eine neue strategische Dimension: Energie und kritische Rohstoffe.

Genau dort überschneiden sich französische und argentinische Interessen besonders deutlich.

Lithium und Kupfer werden geopolitisch

Argentinien verfügt über erhebliche Lithiumvorkommen und großes Potenzial bei Kupfer. Beide Rohstoffe sind für Batterien, Stromnetze, Elektrofahrzeuge und zahlreiche Technologien der Energiewende von zentraler Bedeutung.

Damit ist aus einem klassischen Bergbauthema längst eine geopolitische Frage geworden.

Frankreich und Argentinien unterzeichneten bereits im Juni 2025 eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit bei kritischen Mineralien. Paris betrachtet den Zugang zu diesen Rohstoffen zunehmend unter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Sicherheit. Europa konkurriert dabei mit China und den Vereinigten Staaten um Lieferketten, Investitionsmöglichkeiten und langfristige Bezugsquellen.

Ein Schlüsselunternehmen ist der französische Bergbaukonzern Eramet.

Das Unternehmen erwägt eine erste Erweiterung seines Lithiumprojekts Centenario-Ratones in der nordwestargentinischen Provinz Salta. Dafür könnten zusätzlich rund 350 Millionen Dollar investiert werden. Die Entscheidung ist allerdings noch nicht endgültig gefallen.

Durch die Erweiterung würde die nominale Jahreskapazität um 11 000 Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent steigen. Gegenwärtig ist die Anlage auf 24 000 Tonnen ausgelegt. Für die erste Phase hatte Eramet bereits rund 900 Millionen Dollar investiert.

Das Projekt zeigt, warum Argentinien für Frankreich strategisch interessanter wird. Das Land ist nicht mehr nur Absatzmarkt oder Investitionsstandort, sondern kann Bestandteil einer europäischen Strategie zur Diversifizierung kritischer Rohstofflieferungen werden.

Politisch bleiben die Differenzen erheblich

Die wirtschaftliche Annäherung sollte allerdings nicht mit politischer Übereinstimmung verwechselt werden.

Milei hat die Europäische Union wiederholt scharf kritisiert. Auch den Vereinten Nationen begegnet er mit einer Rhetorik, die dem französischen Verständnis multilateraler Politik diametral entgegensteht. Macron wiederum sieht gerade in der EU und internationalen Organisationen entscheidende Instrumente, um Frankreichs Einfluss in einer zunehmend von Großmachtkonkurrenz bestimmten Welt zu erhalten.

Auch die Falklandinseln beziehungsweise Malwinen bleiben ein sensibles Thema. Argentinien beansprucht die Inselgruppe, die unter britischer Souveränität steht. Paris betont demgegenüber die Notwendigkeit internationaler Verfahren und einer friedlichen Regelung territorialer Streitigkeiten.

Die Beziehung zwischen Macron und Milei beruht deshalb nicht auf ideologischer Nähe, sondern auf politischer Kompartimentierung: Wo keine Einigung möglich ist, werden Differenzen zunächst isoliert, damit auf anderen Gebieten Kooperation möglich bleibt.

Für Diplomatie ist das keineswegs ungewöhnlich. Bemerkenswert ist vielmehr, wie deutlich wirtschaftliche Interessen diese Methode im französisch-argentinischen Verhältnis inzwischen bestimmen.

Der Mercosur bleibt ein französisches Reizthema

Besonders sichtbar wird diese Ambivalenz beim Verhältnis zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur.

Seit dem 1. Mai 2026 wird das Interims-Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten vorläufig angewandt. Langfristig soll es durch das umfassendere Partnerschaftsabkommen ersetzt werden, dessen vollständige Ratifizierung jedoch noch aussteht.

Frankreich hatte sich gegen die Unterzeichnung gestellt. Im Zentrum der französischen Kritik steht vor allem die Landwirtschaft. Paris befürchtet Wettbewerbsverzerrungen, wenn südamerikanische Agrarprodukte unter Produktionsbedingungen hergestellt werden, die nicht sämtlichen europäischen Standards entsprechen.

Gleichzeitig verspricht das Abkommen europäischen Industrieunternehmen einen besseren Zugang zum südamerikanischen Markt. Nach Angaben der Europäischen Kommission sollen die Zölle auf mehr als 91 Prozent der EU-Warenexporte in den Mercosur schrittweise entfallen.

Damit entsteht für Frankreich ein klassischer handelspolitischer Zielkonflikt: Industrieunternehmen können profitieren, während bestimmte landwirtschaftliche Sektoren zusätzlichen Konkurrenzdruck befürchten.

Argentinien dagegen setzt unter Milei stärker auf wirtschaftliche Öffnung und internationale Integration. Für Buenos Aires ist Europa nicht nur Absatzmarkt, sondern auch eine wichtige potenzielle Kapitalquelle.

Milei verkauft eine neue Geschichte über Argentinien

Die Reise nach Paris besitzt deshalb auch eine innenpolitische Dimension.

Milei muss nicht mehr nur beweisen, dass seine Regierung Defizite reduzieren und die Inflation bremsen kann. Entscheidend wird zunehmend, ob aus der makroökonomischen Stabilisierung Investitionen, Infrastruktur, Exporte, Beschäftigung und dauerhaftes Wachstum entstehen.

Seine Botschaft an internationale Investoren ist entsprechend klar: Argentinien besitzt vieles von dem, was die Weltwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten benötigen dürfte – Erdgas, Erdöl, Lithium, Kupfer, Uran und große landwirtschaftliche Flächen.

Hinzu kommt ein institutionelles Instrument, mit dem die Regierung Großinvestitionen anlocken will: das Investitionsregime RIGI. Es bietet großen Projekten unter anderem steuerliche, zollrechtliche und devisenpolitische Vorteile sowie langfristige regulatorische Stabilität. Auch Eramet will für die geplante Erweiterung von Centenario-Ratones eine Aufnahme in dieses System beantragen.

Damit versucht Milei, einen der ältesten Nachteile Argentiniens zu überwinden: das Misstrauen von Investoren gegenüber wechselnden wirtschaftspolitischen Regeln.

Macron setzt auf strategischen Pragmatismus

Für Macron liegt die Rechnung anders.

Frankreich muss Mileis innenpolitisches Projekt nicht teilen, um wirtschaftliche Interessen in Argentinien zu verfolgen. Entscheidend ist vielmehr, dass das südamerikanische Land durch seine Rohstoff- und Energievorkommen international an Bedeutung gewinnt.

In einer Welt, in der China, die Vereinigten Staaten und Europa um Lieferketten, Energie und strategische Ressourcen konkurrieren, hätte ein französischer Rückzug aus Argentinien seinen Preis.

Das Treffen im Élysée steht deshalb exemplarisch für eine Außenpolitik, in der ideologische Nähe nur einer von mehreren Faktoren ist. Wirtschaftliche Sicherheit, Energieversorgung, Rohstoffzugang und industrielle Präsenz können schwerer wiegen.

Macron und Milei können über die Europäische Union, die Vereinten Nationen oder die Rolle des Staates grundverschiedener Auffassung sein – und wenige Minuten später über Gasfelder, Lithiumminen und Investitionen sprechen.

Vielleicht lässt sich das Verhältnis deshalb am besten mit einer Zahl beschreiben: annähernd zehn Milliarden Dollar.

So viel will TotalEnergies in Argentinien investieren. Hinter zwei schwer miteinander vereinbaren politischen Weltbildern steht damit eine bemerkenswert einfache Interessenlage: Argentinien braucht Kapital. Frankreich braucht Energie, Rohstoffe und industrielle Positionen.

Für beide Regierungen reicht diese Schnittmenge vorerst aus.

P.T.

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