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À la une · 09.10.2025 07:54

Mehr als 40 Jahre nach der Abschaffung: Warum über die Hälfte der Französ:innen wieder für die Todesstrafe ist

Der hässliche Diskurs ist zurück – einer, von dem man geglaubt hatte, er sei endgültig abgeschlossen. Seit dem 9. Oktober 1981 ist die Todesstrafe in Frankreich Geschichte. Doch aktuelle Umfragen deuten darauf hin: Eine...

Der hässliche Diskurs ist zurück – einer, von dem man geglaubt hatte, er sei endgültig abgeschlossen. Seit dem 9. Oktober 1981 ist die Todesstrafe in Frankreich Geschichte. Doch aktuelle Umfragen deuten darauf hin: Eine überraschend große Zahl von Menschen – je nach Umfrage mehr als 50 % – könnte sich vorstellen, sie unter bestimmten Umständen wieder einzuführen. Was sagen diese Zahlen wirklich aus? Welche juristische Realität verbirgt sich dahinter? Und was verrät das alles über die französische Gesellschaft?


Emotion schlägt Ethik: Wenn Umfragen den Zorn messen

Daten von Statista, gestützt auf Erhebungen etwa von OpinionWay und Sciences Po, zeigen: Zwischen 45 % und 50 % der Befragten sprechen sich seit 2012 für eine Wiedereinführung der Todesstrafe aus. Auch ein Ipsos/Sopra-Steria-Umfrage von 2015 kam auf 52 %. Die Zahl geistert seither durch die Medien – mal als „knappe Mehrheit“, mal als „beunruhigender Trend“.

Doch wie belastbar sind diese Zahlen?

Schon 1998 lagen die Meinungen dicht beieinander: 46 % waren dagegen, 44 % dafür – mit einer nennenswerten Zahl Unentschlossener. Heute, so BFM TV, hängt das Ergebnis entscheidend davon ab, wie die Frage formuliert wird. Die Todesstrafe polarisiert – aber eben oft reflexartig, aus dem Bauch heraus.

Anne Denis, die bei Amnesty International Frankreich für das Thema zuständig ist, bringt es auf den Punkt: Wird abstrakt gefragt, lautet die spontane Antwort oft „ja“. Die Angst vor Gewaltverbrechen, das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, das eigene Gefühl der Verwundbarkeit – all das beeinflusst das Stimmungsbild. Doch sobald es um konkrete Fakten geht – Justizirrtümer, ethische Grenzen, Kosten –, kippt die Haltung.


Der Wandel einer Gesellschaft – und seiner Angstreflexe

Rückblick: Anfang der 1980er-Jahre war Frankreich gespalten. Zwei Drittel der Bevölkerung wollten die Todesstrafe behalten. Die Abschaffung unter François Mitterrand war ein politisches Wagnis – und ein moralischer Meilenstein. In den 1990ern und 2000ern schwenkte die Stimmung: Die Menschenrechtsdebatte, ein gestärktes Europa, rechtsstaatliche Fortschritte – all das wirkte. 1998 waren 54 % der Französ:innen gegen die Todesstrafe.

Doch ab 2010 kehrte der Zweifel zurück. Seither pendeln die Zustimmungswerte zwischen 45 % und 50 %. Terroranschläge, spektakuläre Kriminalfälle, schwindendes Vertrauen in Polizei und Justiz – es ist ein Cocktail, der alte Instinkte reaktiviert.

Was heißt das?

Die Zahlen sind kein bloßes Rauschen – sie deuten auf ein Mobilisierungspotenzial hin. Ein Thema, das latent schwelt, aber jederzeit wieder explodieren kann, wenn die gesellschaftliche Stimmung kippt.


Rechtlich zementiert: Warum die Todesstrafe nicht zurückkommen kann

Trotz aller Emotion: Ein politischer Rückschritt ist nahezu ausgeschlossen. Dafür sorgen mehrere rechtliche Bollwerke.

Erstens: die französische Verfassung.
Seit 2007 verbietet Artikel 66-1 explizit die Todesstrafe. Eine Rückkehr wäre nur über eine Verfassungsänderung möglich – ein extrem aufwändiger und unwahrscheinlicher Prozess.

Zweitens: internationale Verpflichtungen.
Frankreich ist durch zahlreiche Abkommen gebunden – etwa durch die Europäische Menschenrechtskonvention. Diese untersagt die Todesstrafe im Friedensfall. Ein Bruch wäre ein diplomatischer Tabubruch.

Drittens: die internationale Rechtsordnung.
Die Todesstrafe ist global auf dem Rückzug. Die meisten Staaten haben sie abgeschafft oder setzen sie nicht mehr um. Frankreich müsste nicht nur seine Gesetze ändern, sondern auch internationale Verträge kündigen – ein radikaler Kurswechsel, der die europäische Integration infrage stellen würde.


Was hinter den Zahlen steckt: Wut, Symbolik, Misstrauen

Was bleibt also von dieser scheinbaren Mehrheit?

  • Ein Gefühl der Unsicherheit.
    Unterstützung für die Todesstrafe korreliert stark mit dem Eindruck, dass der Staat nicht mehr schützt – dass das Recht zu weich, die Justiz überfordert, ein Menschenleben nichts mehr wert ist.
  • Ein politisches Signal.
    Gerade Anhänger rechtspopulistischer Parteien – etwa des Rassemblement National – stimmen überproportional für die Todesstrafe. Für sie steht sie symbolisch für Härte, Ordnung, Vergeltung. Nicht als Lösung, sondern als Haltung.
  • Ein Defizit an Reflexion.
    Was Umfragen selten abbilden: das Wissen um Fehlurteile, die Debatte um Menschenwürde, die Kosten der Inhaftierung versus Exekution, die Grenzen staatlicher Gewalt. Es geht weniger um Gerechtigkeit als um Groll.
  • Ein Test für die Demokratie.
    Was bedeutet es, wenn eine demokratische Mehrheit gegen elementare Prinzipien der Menschenrechte steht? Wenn sie fordert, was der Rechtsstaat verbietet? Diese Spannung legt einen wunden Punkt offen – zwischen Volkswille und Verfassungsauftrag.

Mehrheitsmeinung ≠ Mandat

Ja, viele Französ:innen sprechen sich in Umfragen für die Todesstrafe aus. Aber diese „Mehrheit“ ist brüchig – gespeist aus Emotion, geprägt von Misstrauen, geschürt von Angst.

Ein juristischer Rückbau ist unwahrscheinlich – fast unmöglich. Doch die Zahlen sind ein Warnsignal.

Sie erzählen nicht vom Wunsch zu töten – sondern vom Wunsch nach Gerechtigkeit, nach Schutz, nach Klarheit.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht die Todesstrafe braucht ein Comeback, sondern das Vertrauen in eine Justiz, die schützt, erklärt und überzeugt.

Autor: C.H.

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