Rabat – 16.07.2026: Neue Recherchen von Franceinfo, die unter Koordination des Journalistennetzwerks Forbidden Stories entstanden sind, sollen die Vorwürfe gegen Marokko in der Pegasus-Affaere erhärten. Im Zentrum stehen mutmassliche Ausspähungen französischer Journalisten sowie führender Politiker. Die Veröffentlichung trifft auf einen diplomatisch heiklen Zeitpunkt: Premierminister Sebastien Lecornu hält sich am 15. und 16. Juli mit mehreren Regierungsmitgliedern zu bilateralen Regierungsgesprächen in Rabat auf.
Die Pegasus-Affaere beschäftigt Frankreich seit den Enthuellungen des internationalen Pegasus-Projekts im Juli 2021. Damals wurden Telefonnummern französischer Medienschaffender, Minister und weiterer öffentlicher Personen in Datenbeständen entdeckt, die einem marokkanischen Kunden der israelischen Firma NSO Group zugeschrieben wurden. Eine Auswahl einer Telefonnummer ist allerdings noch kein technischer Nachweis einer erfolgreichen Infektion. In einzelnen Fällen lagen jedoch forensische Hinweise auf kompromittierte Geräte vor.
Die neuen Erkenntnisse von Franceinfo sollen nach Darstellung des Senders zusätzliche Belege für eine Verantwortlichkeit des Königreichs liefern. Ihre Veröffentlichung erhöht den politischen Druck, weil die französische Justiz den Komplex weiterhin untersucht. Im Jahr 2022 war ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf rechtswidriges Eindringen in digitale Systeme und Verletzung der Privatsphäre eröffnet worden. Anfang 2026 wurden zwei frühere Führungskräfte von NSO Group in diesem Zusammenhang von französischen Ermittlern angehört.
Marokko weist die Anschuldigungen seit 2021 zurück. Die Regierung in Rabat erklärte wiederholt, weder Pegasus erworben noch zur Infiltration von Kommunikationsgeräten eingesetzt zu haben. Auch NSO Group hat frühere Vorwürfe bestritten, französische Amtsträger seien über seine Technologie überwacht worden. Eine gerichtliche Feststellung einer staatlichen Verantwortung Marokkos liegt bislang nicht vor. Die neuen journalistischen Recherchen ersetzen ein solches Urteil nicht, können aber für die laufenden Ermittlungen relevant werden.
Die Affaere berührt einen sensiblen Bereich der französisch-marokkanischen Beziehungen. Paris und Rabat hatten nach Jahren deutlicher Spannungen seit 2024 wieder enger zusammengefunden. Ausschlaggebend war unter anderem die französische Unterstützung für den marokkanischen Autonomieplan zur Westsahara. Die gegenwärtigen hochrangigen Regierungsgespräche sollen diese politische Annäherung mit Vereinbarungen in Wirtschaft, Migration, Sicherheit und Kultur unterlegen.
Gerade deshalb ist der Zeitpunkt der Publikation bedeutsam. Die französische Diplomatie muss zwischen dem Interesse an enger sicherheits- und wirtschaftspolitischer Kooperation und dem Schutz staatlicher Kommunikation, der Pressefreiheit sowie der Unabhängigkeit der Justiz unterscheiden. Sollte das neue Material in einem gerichtsfesten Verfahren bestätigt werden, könnte Pegasus erneut zu einer Belastungsprobe für das wiederhergestellte Vertrauen zwischen Paris und Rabat werden.
Für die französische Regierung ist der Fall auch institutionell relevant. Die behauptete Auswahl von Telefonnummern aus dem Umfeld des damaligen Premierministers Edouard Philippe und mehrerer Minister betraf nicht nur private Daten, sondern potenziell die Sicherheit exekutiver Entscheidungsprozesse. Das erklärt, weshalb die Affaere trotz der diplomatischen Normalisierung nicht als abgeschlossen gilt.
Quellen
- Franceinfo
- France Diplomatie
- Le Monde
- Mediapart
- Amnesty International
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).