Russlands Krieg gegen die Ukraine bleibt das Zentrum der europäischen Sicherheitskrise. Doch aus Sicht Frankreichs reicht die Konfrontation inzwischen weit über das ukrainische Schlachtfeld hinaus. Sabotageakte, Cyberangriffe, Störungen kritischer Infrastruktur und Verletzungen des Luftraums bilden ein zunehmend dichtes Muster von Zwischenfällen. Frankreichs Aussenminister Jean-Noël Barrot spricht von «unverantwortlichen Handlungen» Moskaus und einer Aggressivität gegenüber Europa, die sich beschleunige. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die für die Nato immer schwieriger zu beantworten ist: Wo endet hybride Einflussnahme – und wo beginnt ein Angriff?
Paris sieht eine zunehmende russische Risikobereitschaft
Die Wortwahl des französischen Aussenministers ist ungewöhnlich deutlich. Jean-Noël Barrot beschreibt Russland nicht allein als militärischen Aggressor gegen die Ukraine, sondern als Staat, dessen Konfrontation mit Europa zunehmend andere Schauplätze erfasst.
Am 15. September verwies der Minister im französischen Fernsehen auf eine Serie russischer oder Russland zugeschriebener Aktionen gegen europäische Staaten. Seine Aussagen stehen dabei nicht isoliert. Bereits Anfang September hatte das französische Aussenministerium den russischen Geschäftsträger einbestellt, nachdem Deutschland Moskau für einen schweren Zwischenfall am Flughafen Leipzig verantwortlich gemacht hatte.
Dort waren Anfang August zwei mit Sprengstoff beladene Drohnen entdeckt worden. Nach Abschluss der Ermittlungen machte Berlin Russland für die Operation verantwortlich. Frankreich sprach daraufhin von einer «unverantwortlichen Eskalation» und erklärte, die zunehmenden hybriden Angriffe zeigten, dass der russische Krieg gegen die Ukraine eine Bedrohung für die Sicherheit Europas insgesamt darstelle.
Barrot argumentiert, diese Entwicklung habe seit dem russischen Grossangriff auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 an Dynamik gewonnen. Aus französischer Sicht geht es dabei nicht um einzelne, voneinander unabhängige Zwischenfälle, sondern um ein breiteres Muster.
Die Grauzone zwischen Frieden und Krieg
Die Nato zählt mittlerweile ein umfangreiches Arsenal sogenannter hybrider Aktivitäten auf: Sabotage, Cyberangriffe, Brandanschläge, elektronische Störungen, Desinformation, politische Einflussoperationen, Provokationen an den Grenzen sowie die Instrumentalisierung irregulärer Migration.
Gerade diese Mischung macht die strategische Herausforderung aus.
Ein konventioneller militärischer Angriff lässt sich vergleichsweise eindeutig feststellen. Bei einem Cyberangriff auf eine Behörde, einem beschädigten Unterseekabel oder einem Sabotageakt gegen eine Bahnstrecke ist die Lage komplizierter. Zunächst muss geklärt werden, wer verantwortlich ist. Selbst wenn Täter identifiziert werden, bleibt häufig die Frage offen, ob sie auf eigene Initiative, im Auftrag eines Geheimdienstes oder als Teil eines staatlich koordinierten Netzwerkes gehandelt haben.
Diese Unsicherheit ist kein Nebeneffekt hybrider Kriegführung, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon. Der Angreifer versucht, Kosten zu verursachen, ohne eine Reaktion auszulösen, die einem offenen militärischen Angriff folgen würde.
Für die europäischen Staaten entsteht daraus ein strategisches Dilemma: Eine zu schwache Reaktion könnte weitere Operationen begünstigen. Eine überzogene Reaktion wiederum könnte eine Eskalationsspirale auslösen.
Von Cyberangriffen bis zu Sabotage
Dass die europäischen Regierungen ihre Einschätzung verschärft haben, zeigt die Entwicklung der vergangenen Jahre.
Bereits 2024 erklärte die Nato, mehrere ihrer Mitgliedstaaten untersuchten feindliche Aktivitäten, die Russland zugeschrieben würden. Betroffen waren unter anderem Deutschland, Grossbritannien, Polen, Tschechien, Estland, Lettland und Litauen. Im Zentrum standen Sabotage, Gewaltakte, Cyberoperationen und Desinformation.
Inzwischen spricht das Bündnis ausdrücklich von einer Intensivierung dieser Aktivitäten.
Besonders die russischen Nachrichtendienste stehen dabei im Fokus. Deutschland und Tschechien haben beispielsweise Cyberangriffe der Gruppe APT28 zugeschrieben, die mit dem russischen Militärgeheimdienst GRU in Verbindung gebracht wird. Ziele solcher Operationen waren staatliche Einrichtungen, Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastruktur.
Im Juli 2026 verurteilte der Nordatlantikrat erneut russische Cyberoperationen gegen Nato-Staaten und Partnerländer. Frankreich reagierte gleichzeitig mit Sanktionen gegen russische Personen und Organisationen, denen eine Beteiligung an entsprechenden Aktivitäten vorgeworfen wird.
Die digitale Dimension ist jedoch nur ein Teil des Problems. Sicherheitsbehörden beschäftigen sich zunehmend mit physischen Sabotageakten, Brandanschlägen und Operationen gegen Verkehrs- und Energieinfrastruktur.
Leipzig wird zum Warnsignal
Besondere politische Bedeutung hat der Zwischenfall am Flughafen Leipzig gewonnen. Für Paris und Berlin stellt er eine qualitative Verschärfung dar, weil mit Sprengstoff bestückte Drohnen ein erhebliches Risiko für Menschenleben und kritische Infrastruktur darstellen.
Auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte bezeichnete die Russland zugeschriebene Operation als rücksichtslosen hybriden Angriff. Das Bündnis stellte sich demonstrativ hinter Deutschland.
Der Fall illustriert zugleich das zentrale Problem der europäischen Abschreckung. Artikel 5 des Nato-Vertrags sieht vor, dass ein bewaffneter Angriff gegen einen Mitgliedstaat als Angriff gegen alle betrachtet werden kann. Hybride Operationen bewegen sich jedoch häufig bewusst unterhalb jener Schwelle, bei der eine kollektive militärische Reaktion eindeutig wäre.
Die Nato hat deshalb bereits vor Jahren klargestellt, dass grundsätzlich auch schwere Cyber- oder Hybridangriffe den Bündnisfall auslösen könnten. Ob dies geschieht, müsste allerdings politisch im konkreten Fall entschieden werden.
Damit bleibt eine strategische Grauzone bestehen.
Frankreich sucht eine Antwort auf die Eskalation unterhalb der Kriegsschwelle
Barrots Botschaft zielt deshalb nicht nur auf Moskau. Sie richtet sich ebenso an die europäischen Partner.
Frankreich versucht seit längerem, die europäische Sicherheitspolitik stärker auf Szenarien vorzubereiten, in denen militärische, geheimdienstliche, wirtschaftliche und digitale Mittel miteinander verschmelzen. Dazu gehören bessere Cyberabwehr, der Schutz kritischer Infrastruktur und eine engere Zusammenarbeit der Nachrichtendienste.
Zugleich stellt sich die Frage nach glaubwürdiger Abschreckung.
Abschreckung funktioniert nur, wenn ein potentieller Angreifer davon ausgehen muss, dass die Kosten seines Handelns höher sind als der erwartete Nutzen. Gerade bei hybriden Operationen ist dieses Prinzip schwierig umzusetzen. Viele Gegenmassnahmen bleiben unsichtbar: geheimdienstliche Operationen, Cyberabwehr, diplomatischer Druck oder Sanktionen.
Europa steht deshalb vor der Aufgabe, einerseits seine Widerstandsfähigkeit zu erhöhen und andererseits Moskau deutlich zu machen, dass auch Aktionen unterhalb der klassischen Kriegsschwelle Konsequenzen haben.
Eine Sicherheitsordnung im Umbau
Die Entwicklung reicht über einzelne Sabotagefälle hinaus. Seit der Annexion der Krim 2014 und insbesondere seit dem russischen Grossangriff auf die Ukraine 2022 hat sich die europäische Sicherheitsarchitektur grundlegend verändert.
Die Nato hat ihre Ostflanke erheblich verstärkt. Zusätzliche Truppen wurden stationiert, Verteidigungspläne überarbeitet und die militärische Präsenz vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer ausgebaut. Deutschland unterhält inzwischen dauerhaft eine Brigade in Litauen. Gleichzeitig erhöhen die europäischen Staaten ihre Verteidigungsausgaben und investieren verstärkt in Luftverteidigung, Drohnenabwehr und den Schutz kritischer Infrastruktur.
Doch Panzer, Flugzeuge und Flugabwehrraketen lösen das Problem hybrider Operationen nur teilweise.
Europas offene Gesellschaften bieten zahlreiche potentielle Angriffspunkte: Verkehrsnetze, Energieversorgung, Kommunikationssysteme, Häfen, Flughäfen, Unterseekabel, Wahlprozesse und digitale Verwaltungsstrukturen. Je stärker diese Systeme miteinander vernetzt sind, desto grösser wird ihre Verwundbarkeit.
Die Herausforderung besteht deshalb zunehmend darin, militärische Abschreckung mit gesellschaftlicher und infrastruktureller Resilienz zu verbinden.
Barrots Warnung verweist damit auf eine Entwicklung, die Europas Sicherheitspolitik noch lange beschäftigen dürfte. Die zentrale Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen findet weiterhin in der Ukraine statt. Gleichzeitig wächst jedoch eine zweite Ebene der Konfrontation: eine Grauzone aus Sabotage, Cyberoperationen, Geheimdienstaktivitäten, Desinformation und begrenzten Provokationen.
Gerade weil diese Aktionen häufig unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Angriffs bleiben, sind sie politisch schwer zu beantworten. Die europäischen Regierungen müssen darauf reagieren, ohne jeden Zwischenfall automatisch zu einer militärischen Krise werden zu lassen. Gleichzeitig müssen sie verhindern, dass Zurückhaltung als Einladung zu immer riskanteren Operationen verstanden wird.
Darin liegt die eigentliche Bedeutung von Barrots Warnung vor einer russischen Aggressivität, «die sich beschleunigt»: Europas Sicherheitsproblem besteht nicht mehr allein darin, einen konventionellen Krieg abzuschrecken. Es muss zunehmend auch lernen, eine dauerhafte Konfrontation unterhalb der Kriegsschwelle zu beherrschen.
P.T.