Da brennt ein Lastwagen. Weitere Fahrzeuge stehen in Flammen. Menschen rufen die Feuerwehr. Und was macht die Feuerwehr? Sie fährt hin! Natürlich fährt sie hin! Weil das ihr verdammter Job ist! Weil diese Menschen ausrücken, wenn andere weglaufen! Weil sie Leben retten, Brände löschen und ihren Kopf für Leute hinhalten, die sie nicht einmal kennen!
Und dann schießt einer auf sie.
JA, WO SIND WIR DENN EIGENTLICH GELANDET?!
Im französischen Les Pennes-Mirabeau, nördlich von Marseille, ist am Sonntag ein 51 Jahre alter Feuerwehrmann bei einem Löscheinsatz durch Schüsse schwer verletzt worden. Ein erfahrener Einsatzleiter. Vater von zwei Kindern. Getroffen an Brustkorb und Hand. Ins Krankenhaus gebracht. Operiert.
Und während seine Familie um sein Leben bangt, sitzen wir hier und müssen tatsächlich darüber diskutieren, wie man Menschen schützt, deren einzige Aufgabe darin besteht, ANDERE MENSCHEN ZU SCHÜTZEN!
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!
Ein Feuerwehrmann zieht seine Schutzkleidung an, steigt ins Einsatzfahrzeug und fährt zu einem Brand. Nicht in einen Krieg. Nicht zu einem bewaffneten Konflikt. ZU EINEM BRENNENDEN LASTWAGEN!
Und plötzlich fliegen Kugeln.
Was kommt als Nächstes? Muss der Rettungswagen künftig mit einem Panzer vorfahren? Braucht der Notarzt eine schusssichere Weste? Soll der Feuerwehrmann erst einen bewaffneten Sicherheitsdienst bestellen, bevor er den Schlauch ausrollt?
Geht's eigentlich noch?!
Der mutmaßliche Schütze wurde inzwischen von der französischen Spezialeinheit RAID festgenommen. Er soll sich nach dem Angriff in einen Wohnwagen zurückgezogen haben. Sein Motiv ist bislang unbekannt. Auch die Vermutung, er könnte die Fahrzeuge selbst angezündet haben, ist nicht bewiesen.
Und genau deshalb sollten wir uns mit wilden Spekulationen zurückhalten. Ob psychische Probleme, persönliche Konflikte oder irgendein anderer Hintergrund – das müssen Ermittler klären.
Aber eines steht unabhängig vom Motiv fest: Wer auf Feuerwehrleute schießt, überschreitet eine Grenze, über die eine zivilisierte Gesellschaft nicht einfach achselzuckend hinweggehen darf!
Und jetzt kommt der eigentliche Wahnsinn.
In Frankreich registrieren die Behörden seit Jahren rund 1.500 verbale und körperliche Übergriffe auf Feuerwehrleute jährlich. EINTAUSENDFÜNFHUNDERT!
Das sind nicht 1.500 missglückte Gespräche über die Parkplatzordnung. Das sind gemeldete Übergriffe auf Menschen, die helfen wollen!
Besonders absurd: In ungefähr drei Vierteln der Fälle stammen die Angriffe von Menschen, denen die Feuerwehr gerade zu Hilfe kommt.
Da fährt also jemand los, um dich aus einer Notlage zu retten, und als Dankeschön bekommt er möglicherweise eine Faust ins Gesicht!
Na herzlichen Glückwunsch zur gesellschaftlichen Entwicklung!
Frankreichs Innenministerium stellte im Februar einen Maßnahmenplan mit 19 Punkten vor. Mehr Prävention, bessere Vorbereitung, engere Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz.
Schön. Richtig. Notwendig.
ABER WIR BRAUCHEN VOR ALLEM WIEDER EINEN GESELLSCHAFTLICHEN MINDESTKONSENS!
Feuerwehrleute sind keine Zielscheiben! Sanitäter keine Blitzableiter für persönliche Wut! Polizisten keine Freiwildfiguren! Und staatliche Hilfe ist kein Anlass, seine Aggressionen auszuleben!
Natürlich lässt sich nicht jeder Gewalttäter durch einen Appell beeindrucken. Deshalb braucht es konsequenten Schutz, wirksame Strafverfolgung und Unterstützung für die Betroffenen.
Aber es braucht auch etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: RESPEKT!
Dieser 51-jährige Feuerwehrmann sollte nach seinem Dienst nach Hause kommen. Zu seinen Kindern. Zu seiner Familie. Vielleicht müde, vielleicht nach Rauch riechend, aber gesund.
Stattdessen liegt er schwer verletzt im Krankenhaus.
Und deshalb wünsche ich diesem Mann von Herzen, dass er wieder gesund wird.
Denn eine Gesellschaft, in der Retter Angst haben müssen, selbst gerettet zu werden, hat ein gewaltiges Problem.
UND DAS SOLLTEN WIR ENDLICH BEGREIFEN!
Von Daniel Ivers