Wenn das Thermometer über 35 Grad klettert und der Schulalltag zur schweißtreibenden Tortur wird, ist nicht nur der Lernerfolg in Gefahr – sondern auch die Gesundheit von Kindern und Lehrkräften.
In Marseille ist genau das zur Zeit traurige Realität.
Brutkasten Klassenzimmer
Viele Schulen der südfranzösischen Metropole gleichen im Sommer einem Backofen. In manchen schulischen Einrichtungen steigen die Temperaturen regelmäßig auf über 35 °C – im Schatten. Einzelne Räume erreichen sogar 38 °C.
Das hat Folgen: Kinder klagen über Kopfschmerzen, erleiden Kreislaufzusammenbrüche, übergeben sich – und manche bekommen sogar Nasenbluten. Lehrerinnen und Lehrer berichten von erschöpften Schülern, die kaum noch konzentriert am Unterricht teilnehmen können.
Ein Problem mit System.
Denn viele Schulgebäude sind alt, schlecht isoliert und baulich nicht für die heutigen klimatischen Bedingungen ausgelegt. Die Höfe sind oft versiegelt, schattenlos und ohne jede Begrünung – sie heizen sich auf wie eine Betonpfanne. Die Pausen werden für die Kinder zur Hitzeschlacht.
Die Stadtverwaltung von Marseille reagiert – aber auf Sparflamme.
Zwar wurden an einigen Schulen Ventilatoren verteilt und Tonnendächer installiert. Auch erste Versuche zur Begrünung von Schulhöfen sind im Gange. Doch diese Maßnahmen wirken auf viele Eltern wie ein Tropfen auf den heißen Stein. „Es braucht mehr als ein paar Sonnensegel, um unsere Kinder zu schützen“, sagen Elternvertretungen.
Die langfristige Antwort soll ein ambitioniertes Sanierungsprogramm liefern: Seit 2021 verfolgt die Stadt mit Unterstützung des französischen Staates den Plan, 188 von insgesamt 470 Schulen umfassend zu renovieren. 400 Millionen Euro stehen dafür bereit. Doch der Umbau geht langsam voran – zu langsam, meinen viele Betroffene.
Ein weiteres Problem: Es gibt in Frankreich bislang keinen gesetzlichen Grenzwert für Temperaturen in Klassenzimmern.
Anders als bei Arbeitsstätten in der Industrie fehlen verbindliche Richtlinien, wann es in Schulen zu heiß ist, um noch sicher lernen zu können. Gewerkschaften und Elterninitiativen fordern deshalb klare Normen – und eine gesetzliche Pflicht, Gebäude besser gegen Hitze zu wappnen.
Denn die Klimakrise macht keine Sommerpause.
Was heute Marseille trifft, wird morgen Paris, Lille oder Straßburg betreffen. Frankreichs Schulen sind vielerorts auf Hitzewellen nicht vorbereitet. Und jedes weitere Jahr ohne konsequente Maßnahmen verschärft das Problem.
Doch es gibt auch Hoffnung – und sie wächst buchstäblich von unten.
In Couffé, einem kleinen Ort in Westfrankreich, haben sich Eltern, Lehrkräfte und Stadtverwaltung zusammengetan, um die Schulhöfe zu begrünen. Bäume wurden gepflanzt, Schattenplätze geschaffen, Wasserspiele installiert.
Ein Modell mit Signalwirkung: Gemeinschaftliches Engagement kann etwas bewegen. Und zeigt: Klimaanpassung beginnt nicht erst mit Millionenbudgets, sondern im lokalen Schulhof.
Warum nicht auch in Marseille?
Zwischen Klassenzimmer und Klimawandel
Die Situation in Marseille offenbart ein größeres Dilemma: Frankreichs Schulen sind nicht nur Orte der Bildung, sondern zunehmend auch Schauplätze der Klimakrise.
Die Symptome sind sichtbar – doch wie sieht die Therapie aus?
So lange sich bauliche Mängel, politische Trägheit und gesetzliche Lücken gegenseitig blockieren, bleibt die Verantwortung an den Schwächsten hängen: den Kindern. Es braucht dringend einen Wandel – nicht nur in Beton und Gesetzestexten, sondern im Denken. Denn Bildung darf kein Hitzefall sein.
Autor: Andreas M. Brucker