Wochenlang herrschte Trockenheit in den Wäldern des Périgord. Nun sorgt der ersehnte Regen für neues Leben unter Eichen und Kastanien. Auf den Pilzmärkten der Dordogne liegen endlich wieder frische Steinpilze. Für Sammler, Gastronomen und Feinschmecker ist das weit mehr als eine gute Nachricht – es ist die Rückkehr einer lieb gewonnenen Herbsttradition.
30. Oktober 2026
495 Kilogramm Steinpilze. Eine beachtliche Menge, die am 20. Oktober unter der Markthalle von Saint-Saud-Lacoussière zusammenkam. Nach Wochen trockener Waldböden und enttäuschter Hoffnungen präsentierten die Sammler endlich wieder ihre begehrte Ernte.
Der Regen hatte das geschafft, worauf die Menschen im Périgord sehnsüchtig warteten: Die Pilze sprießten wieder.
Dabei sah es lange Zeit ziemlich mau aus. Die anhaltende Trockenheit hatte das Wachstum nahezu zum Erliegen gebracht. Selbst erfahrene Pilzsucher kehrten mit leeren Körben zurück. Nun aber duftet es zwischen den Marktständen wieder nach feuchtem Waldboden und frischen Steinpilzen.
Allerdings verlief der erste große Markttag nicht für alle Verkäufer erfolgreich. Einige nahmen einen Teil ihrer Ware wieder mit nach Hause. Reichlich Pilze bedeuten schließlich nicht automatisch reichlich Kundschaft.
Wenn der Wald sein Geheimnis preisgibt
Im Périgord sind Steinpilze weit mehr als eine saisonale Delikatesse. Sie gehören zur regionalen Identität wie Trüffel, Walnüsse und Entenconfit.
Besonders wohl fühlen sich die französischen cèpes unter Eichen und Kastanien. Dort benötigen sie eine besondere Mischung aus Wärme und Feuchtigkeit. Fehlt der Regen, bleibt selbst der erfahrenste Sammler machtlos.
Und wer kennt schon den genauen Zeitpunkt, an dem der Waldboden seine Schätze freigibt?
Manchmal genügen wenige Regentage, gefolgt von milden Temperaturen. Dann beginnt in den Dörfern ein vertrautes Ritual: Frühmorgens ziehen Menschen mit Körben und festen Schuhen los, aufmerksam auf jede kleine Erhebung zwischen Laub und Moos.
Die besten Fundstellen bleiben streng gehütete Familiengeheimnisse.
„Wo hast du die gefunden?“, lautet die unvermeidliche Frage beim Anblick eines prächtigen Exemplars.
Die Antwort dürfte häufig ein verschmitztes Lächeln sein.
Die Marktglocke läutet den Herbst ein
In Saint-Saud-Lacoussière beginnt der Steinpilzhandel traditionell um 16 Uhr. Erst mit dem Läuten der Glocke startet das geschäftige Treiben.
Beim jüngsten Markt lag der anfängliche Kilopreis bei 21 Euro. Angesichts der langen Trockenperiode überraschte dieser vergleichsweise moderate Betrag manche Käufer.
Vor dem Verkauf prüfen Kontrolleure die angelieferten Pilze. Qualität, Frische und Zustand entscheiden über ihre Einstufung. Schließlich möchte niemand für einen makellosen Steinpilz bezahlen und später eine böse Überraschung erleben.
Gegen Marktschluss sinken mitunter die Preise. Dann greifen Gastronomen und Konservenhersteller gerne zu.
Auch in Mussidan gehört der Pilzmarkt zur herbstlichen Tradition. Dort dürfen berechtigte Waldeigentümer ihre Ernte anbieten. Wann die Marktstände tatsächlich öffnen, entscheidet allerdings die Natur.
Ein fester Veranstaltungskalender hilft wenig, wenn der Wald nicht mitspielt.
Ein Stück Périgord auf dem Teller
Für zahlreiche Menschen in der Dordogne bedeutet die Steinpilzernte ein willkommenes zusätzliches Einkommen. Restaurants, Händler und Lebensmittelproduzenten profitieren ebenfalls von einer ergiebigen Saison.
Doch der eigentliche Zauber beginnt in der Küche.
Ein wenig Entenfett, frischer Knoblauch, Petersilie und einige sorgfältig geputzte Steinpilze – mehr braucht es kaum für einen echten Genussmoment.
In einer heißen Pfanne entwickeln die Pilze ihren unverwechselbaren, leicht nussigen Duft. Dazu passen knusprige Kartoffeln nach Sarlater Art oder ein schlichtes Omelett.
Wer einmal frische Steinpilze im Périgord gegessen hat, versteht die Begeisterung der Einheimischen.
Was braucht ein Herbstsonntag schließlich mehr als einen gedeckten Tisch, ein gutes Essen und Menschen, mit denen man diesen Augenblick teilt?
Die Hoffnung wächst zwischen den Bäumen
Trotz der erfreulichen Ernte in Saint-Saud-Lacoussière bleibt Vorsicht angebracht. Ein voller Markttag bedeutet noch keine erfolgreiche Pilzsaison für die gesamte Dordogne.
Die Wachstumsbedingungen unterscheiden sich von Wald zu Wald. Weitere Niederschläge, milde Temperaturen und ausreichend Bodenfeuchtigkeit entscheiden über die kommenden Wochen.
Für Besucher lohnt deshalb ein kurzfristiger Blick auf die Öffnungszeiten der Pilzmärkte in Saint-Saud-Lacoussière, Mussidan, Monpazier oder Villefranche-du-Périgord.
Eines steht jedoch fest: Nach der langen Trockenheit ist ein vertrautes Stück Herbstleben ins Périgord zurückgekehrt.
Und irgendwo zwischen Kastanienlaub und moosbewachsenen Baumwurzeln wartet vielleicht schon der nächste prächtige Steinpilz auf seinen Entdecker.
Ein Artikel von M. Legrand