Wenn sich ein vielfach preisgekrönter Animationskünstler wie Sylvain Chomet an eine Ikone wie Marcel Pagnol wagt, darf man Großes erwarten – oder zumindest ein Wagnis. Und tatsächlich: „Marcel et Monsieur Pagnol“ ist weit mehr als nur ein klassischer Biopic. Es ist eine zärtliche, visuell poetische Hommage, ein filmisches Zwiegespräch zwischen dem alten und dem jungen Pagnol, zwischen Erinnerung und Fiktion, zwischen der realen und der gezeichneten Welt.
Ein Rückblick, der lebendig wird
Die Geschichte beginnt in den 1950er-Jahren. Marcel Pagnol ist berühmt, gefeiert, verehrt. Doch als ihn das Magazin Elle bittet, seine Kindheit in einer Kolumne zu schildern, gerät der große Erzähler ins Grübeln. Die Erinnerungen sind da – aber bruchstückhaft, flüchtig, manchmal widersprüchlich. Und dann, wie aus dem Nichts, erscheint er: der kleine Marcel. Kein bloßer Rückblick, sondern ein tatsächlicher Wegbegleiter durch die Erinnerungslandschaften eines Mannes, der die Provence wie kein anderer beschrieben hat.
Der erwachsene Pagnol begegnet seinem kindlichen Ich – ein Kniff, der sowohl rührend als auch erzählerisch klug funktioniert. Denn so wird das Biografische nicht zum starren Nacherzählen, sondern zum bewegten, manchmal burlesken Dialog zwischen Selbstbild und Lebenswirklichkeit.
Chomet bleibt Chomet – verspielt, detailverliebt, tiefgründig
Regisseur Sylvain Chomet – bekannt durch Les Triplettes de Belleville oder L’Illusionniste – bleibt seiner Handschrift treu. Der Stil: retro, liebevoll gezeichnet, mit einem Hauch Melancholie, aber ohne Kitsch. Die Animation, klassisch in 2D gehalten und digital unterstützt, trifft genau den richtigen Ton: verspielt, aber nicht versponnen – eine Einladung zum Eintauchen in die Welt eines Mannes, der die Kindheit zum literarischen Sujet erhoben hat.
Das visuelle Konzept ist dabei ebenso ambitioniert wie klug: Die Grenze zwischen Realität und Erinnerung verschwimmt bewusst. Archivmaterial aus Pagnols Filmen wird mit animierten Sequenzen verwoben – so entsteht ein Mosaik, das mehr offenbart als jeder chronologische Lebenslauf.
Ein Hauch Jazz, ein Tupfer Rap
Ungewöhnlich ist auch die musikalische Begleitung. Der italienische Jazzpianist Stefano Bollani komponierte die Filmmusik – eine wohltemperierte Klanglandschaft zwischen Melancholie und Leichtigkeit. Doch dann bricht plötzlich eine andere Stimme herein: Der französische Rapper SCH steuert einen Song bei – eine kühne Mischung, die zeigt, wie offen der Film für Brüche ist. Und vielleicht ist genau das sein größter Charme: dass er das Monument Pagnol nicht poliert, sondern lebendig macht.
Stimmen, die tragen
Mit Laurent Lafitte als Stimme des erwachsenen Marcel, dem jungen Noa Staes als Kindheitspagnol und Géraldine Pailhas als Ehefrau Augustine ist auch das Voice-Casting hervorragend besetzt. Die Figuren wirken glaubwürdig, warm, zugänglich – nie wie Abziehbilder.
Ein Film zwischen Hommage und Herausforderung
Dass Marcel et Monsieur Pagnol beim Festival de Cannes 2025 in einer Spezialvorführung gezeigt wurde, überrascht nicht. Ebenso wenig die Einladung ins offizielle Programm des renommierten Animationsfilmfestivals in Annecy. Dieser Film will kein konventionelles Biopic sein – und ist es auch nicht.
Denn Chomet nimmt das Genre auseinander, setzt es neu zusammen und fragt dabei ganz grundsätzlich: Wie erzählt man das Leben eines Menschen, der selbst ein Meistererzähler war? Die Antwort: nicht durch Faktenhuberei, sondern durch Empathie, Fantasie – und durch ein tiefes Verständnis dafür, dass Erinnern immer auch Erfinden ist.
Erinnerung als Kunstform
„Deliziös vintage, burlesk, poetisch“, nennt Chomet selbst seinen Film. Und ja, genau das ist er. Aber auch klug, vielschichtig, mitunter überraschend politisch. Denn indem er Pagnol als Kind und Erwachsenen gleichzeitig zeigt, thematisiert er auch das Ringen um Identität – ein Thema, das heute aktueller denn je erscheint.
Ein Denkmal, das atmet
Bleibt die Frage: Ist das noch ein Denkmal – oder schon eine Demontage? Weder noch. Es ist ein filmisches Porträt mit Herz und Hirn, das der Figur Pagnol gerecht wird, ohne sie zu verklären. Und das dabei nicht nur die Provence zum Leuchten bringt, sondern auch das Genre des Animationsbiopics neu definiert.
Autor: Andreas M. Brucker