Donald Trump war für Europas Rechtspopulisten lange mehr als ein amerikanischer Präsident. Er war Verheißung, Vorbild und politischer Wegweiser. Nach der Niederlage der Republikaner bei den amerikanischen Zwischenwahlen will Jordan Bardella davon plötzlich nichts mehr wissen. Das ist aufschlussreich – nicht nur für Frankreich.
Es gibt politische Freundschaften, die halten ein Leben lang. Und es gibt solche, die halten nur bis zur nächsten Wahlniederlage. Die Beziehung zwischen Frankreichs Rassemblement National und Donald Trump gehört offenbar zur zweiten Kategorie.
Als Trump triumphierte, war sein Sieg eine Zeitenwende. Als er verlor, war es plötzlich eine rein amerikanische Angelegenheit. Jordan Bardella, der Vorsitzende des RN, brachte diese bemerkenswerte Verwandlung in einem Satz auf den Punkt: „Was in anderen Ländern passiert, geht mich nichts an.“
Das klingt nach staatspolitischer Nüchternheit. Tatsächlich ist es politische Schadensbegrenzung.
Der Erfolg war international, die Niederlage ist national
Noch Anfang 2025 feierte Bardella Trumps Rückkehr ins Weiße Haus. Marine Le Pen sah darin gar den Beginn einer weltweiten politischen Neuordnung. Der amerikanische Präsident galt als Beweis dafür, dass nationalistische Bewegungen nicht nur protestieren, sondern regieren und gewinnen können.
Nun haben die amerikanischen Wähler den Republikanern einen empfindlichen Denkzettel verpasst. Und plötzlich soll das alles mit Frankreich nichts zu tun haben.
Natürlich unterscheiden sich die politischen Systeme. Natürlich ist eine amerikanische Zwischenwahl keine französische Präsidentschaftswahl. Bardella hat damit recht. Aber es ist ein merkwürdiges Verständnis politischer Zusammenhänge, wenn ausländische Wahlsiege als historische Bestätigung der eigenen Weltanschauung gelten, Wahlniederlagen hingegen als bedeutungslose lokale Ereignisse.
Wer sich im Glanz eines Vorbilds sonnt, muss auch dessen Schatten ertragen.
Populismus scheitert an der Wirklichkeit
Das eigentliche Problem für Bardella liegt tiefer. Trump demonstriert gerade, was geschieht, wenn politische Versprechen auf die Widerständigkeit der Wirklichkeit treffen.
Der Populismus lebt von der Behauptung, komplizierte Probleme hätten einfache Lösungen. Grenzen schließen, Steuern senken, nationale Interessen durchsetzen – und schon werde alles besser. Doch Wirtschaft, internationale Beziehungen und gesellschaftliche Konflikte gehorchen keiner Wahlkampfrhetorik.
Der Iran-Krieg und seine wirtschaftlichen Folgen haben diese Widersprüche verschärft. Ausgerechnet ein Präsident, der Stärke und nationale Selbstbestimmung versprach, muss sich nun an den Kosten seiner Außenpolitik messen lassen.
Für den RN ist das eine unbequeme Lektion. Denn auch in Frankreich lassen sich Kaufkraftprobleme nicht durch Parolen beseitigen. Auch dort haben Steuersenkungen ihren Preis. Auch dort endet nationale Souveränität nicht an der Landesgrenze, sondern stößt auf wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Die Demokratie kennt keine Unvermeidlichkeit
Frankreichs Linke feiert die amerikanischen Ergebnisse als Hoffnungssignal. Das ist verständlich, aber noch kein politisches Programm.
Wahlen gewinnt man nicht dadurch, dass anderswo jemand verliert. Man gewinnt sie, indem man Menschen überzeugt, ihre Sorgen ernst nimmt und glaubwürdige Antworten gibt.
Dennoch steckt in der amerikanischen Niederlage der Republikaner eine demokratische Botschaft: Kein politischer Siegeszug ist unaufhaltsam. Keine Bewegung besitzt ein Abonnement auf die Zukunft. Und kein Politiker kann dauerhaft von der Unzufriedenheit leben, ohne sich irgendwann an seinen eigenen Versprechen messen lassen zu müssen.
Bardella möchte Trump nun auf Abstand halten. Doch politische Vorbilder lassen sich nicht wie Wahlplakate abhängen, sobald der Wind dreht.
Wer gestern den Triumph eines anderen zum Beweis der eigenen historischen Mission erklärte, kann heute dessen Niederlage nicht einfach zur belanglosen Fußnote machen.
Das ist keine Prognose für Frankreich 2027. Es ist eine Frage politischer Glaubwürdigkeit. Und die entscheidet sich nicht erst an der Wahlurne.
C. Hatty