Paris – 29.09.2026: Der Bildungssoziologe Xavier Pons fordert die Bewerber für die französische Präsidentschaftswahl 2027 auf, Schulpolitik über Wahlperioden hinaus zu planen. Anlass sind neue Konflikte über Personal, Unterrichtsbedingungen und fehlende Mittel. Nach seiner Einschätzung können Reformen ihre Wirkung häufig nicht entfalten, bevor veränderte politische Prioritäten sie überlagern oder ablösen. Zu viele Reformen, so seine Diagnose, verhinderten am Ende die Reform.
Die Forderung fällt in eine Phase erhöhter Mobilisierung im Bildungswesen. Proteste, die an einem Gymnasium in Créteil südöstlich von Paris wegen unbesetzter Lehrerstellen begonnen hatten, griffen auf weitere Schulen über. Gewerkschaften und Schülervertretungen verbinden ihre Kritik am Personalmangel mit Forderungen nach kleineren Klassen und besseren Arbeitsbedingungen. Damit erhält eine grundsätzliche Debatte über politische Steuerung unmittelbare praktische Dringlichkeit.
Das Bildungsministerium verweist auf die Größe und Komplexität des Systems. Zum Beginn des Schuljahres 2026 besuchen 11,6 Millionen Schülerinnen und Schüler öffentliche und private Bildungseinrichtungen; dort arbeiten insgesamt 1,2 Millionen Menschen. Die Regierung hebt zudem die Reform der Lehrerausbildung hervor. Lehrkräfte sollen künftig bereits nach dem Bachelorabschluss eingestellt und während ihres Masterstudiums vergütet ausgebildet werden.
Pons richtet seinen Einwand weniger gegen eine bestimmte Maßnahme als gegen die Entstehungsweise französischer Bildungspolitik. Häufige Kurswechsel erschwerten es Schulen, Lehrkräften und Verwaltungen, neue Vorgaben verlässlich umzusetzen. Auch eine seriöse Bewertung werde nahezu unmöglich, wenn Programme, Prüfungsformen oder Organisationsregeln geändert würden, bevor belastbare Ergebnisse für mehrere Jahrgänge vorlägen.
Das französische Schulwesen hat seit 2017 zahlreiche Veränderungen erlebt. Grundschulklassen in benachteiligten Gebieten wurden verkleinert, Lehrpläne mehrfach angepasst und die beruflichen Gymnasien umgebaut. Umstritten waren auch Leistungs- oder Bedarfsgruppen an den Collèges, deren Ausgestaltung unter wechselnden politischen Leitungen mehrfach verändert wurde. Schulen müssen sich daher immer wieder auf neue Vorgaben einstellen, während ältere Reformen noch nicht vollständig umgesetzt sind.
Hinzu kommt die personelle Instabilität an der Spitze des Bildungsressorts. Zugleich ringen die Einrichtungen mit dem Lehrkräftemangel und der Inklusion von Kindern mit Behinderung. In einem Barometer der Gewerkschaft UNSA Bildung erklärten im August 2026 insgesamt 91 Prozent der Befragten, sie seien mit den politischen Entscheidungen für das Bildungswesen nicht einverstanden.
Pons leitet daraus einen Auftrag an die Präsidentschaftsbewerber ab: Sie sollten Prioritäten offen benennen, deren Umsetzung über mehrere Jahre finanzieren und unabhängige Evaluationen ermöglichen. Nur über längere Zeiträume lasse sich belastbar beurteilen, ob eine Reform Lernleistungen, soziale Ungleichheit oder Arbeitsbedingungen verändert. Die aktuelle Auseinandersetzung um Stellen und Mittel berührt daher auch die grundsätzliche Frage, welche Ziele Frankreich seiner Schule dauerhaft setzen will.
Quellen
- Franceinfo
- Ministerium für nationale Bildung
- Le Monde
- UNSA Bildung
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).