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Fall Nègre: Sechs Jahre später meldet sich die Justiz zurück – und ruft die Betroffenen zur Eile auf

Manchmal braucht die Justiz einen langen Atem. Und manchmal verlangt sie ihn auch von jenen, die ihr eigentlich vertrauen sollen. Im Fall des ehemaligen französischen Spitzenbeamten Christian Nègre wird diese Geduldsprobe nun noch einmal verschärft. Sechs Jahre nach Eröffnung der gerichtlichen Untersuchung ruft die Pariser Staatsanwaltschaft alle bislang nicht vernommenen Opfer dazu auf, sich „so…

Illustration Pixabay

Manchmal braucht die Justiz einen langen Atem. Und manchmal verlangt sie ihn auch von jenen, die ihr eigentlich vertrauen sollen. Im Fall des ehemaligen französischen Spitzenbeamten Christian Nègre wird diese Geduldsprobe nun noch einmal verschärft. Sechs Jahre nach Eröffnung der gerichtlichen Untersuchung ruft die Pariser Staatsanwaltschaft alle bislang nicht vernommenen Opfer dazu auf, sich „so schnell wie möglich“ zu melden.

Der Ton der Mitteilung bleibt sachlich, beinahe nüchtern, doch die Zahlen sprechen eine eigene Sprache. 248 mutmaßliche Opfer wurden bislang erfasst. Mindestens 180 von ihnen haben sich bereits als Nebenklägerinnen konstituiert. Das Verfahren, das 2019 durch Enthüllungen der Satirezeitung Le Canard Enchaîné öffentlich wurde, zählt zu den schwerwiegendsten Justizskandalen der vergangenen Jahre im französischen Kulturbetrieb.

Nègre, einst hochrangiger Funktionär im Kulturministerium, steht im Verdacht, über Jahre hinweg Frauen heimlich mit Substanzen manipuliert, fotografiert und in ihrer Intimsphäre verletzt zu haben. Die Ermittler sprechen von diuretischen Mitteln, von chemischer Unterwerfung, von systematischem Machtmissbrauch. Die Taten sollen sich zwischen 2009 und 2018 ereignet haben – beinahe ein Jahrzehnt, verborgen hinter Bürotüren und dem Nimbus staatlicher Autorität.

Dass sich viele Betroffene erst spät oder bislang gar nicht gemeldet haben, überrascht Fachleute nicht. Scham, Erinnerungslücken, Zweifel an der eigenen Wahrnehmung – all das gehört zu solchen Verfahren wie der schwere Mantel zum Winter. Umso bedeutsamer erscheint der erneute Aufruf der Justiz. Zuständig für neue Aussagen ist das Office central de répression des violences aux personnes, kurz OCRVP, eine Spezialeinheit für schwere Gewaltdelikte.

Begleitend wurde ein Unterstützungsnetz eingerichtet, das nicht nur juristische, sondern auch psychologische Hilfe bietet. Gemeinsam mit France Victimes und Paris Aide aux Victimes läuft ein System zur individuellen Bedarfsanalyse der Opfer. Kein großes Pathos, sondern konkrete Hilfe – zumindest auf dem Papier.

Der zeitliche Fahrplan wirkt ambitioniert. Bis Ende März 2026 sollen die noch ausstehenden Vernehmungen ausgewertet sein. Danach folgen mögliche Ergänzungen, weitere Befragungen, neue Konfrontationen. Die Ermittlungen selbst sollen bis Ende 2026 abgeschlossen werden. Im Frühjahr ist zudem ein Informationstreffen der Untersuchungsrichter mit den Nebenklägerinnen angekündigt. Ein Schritt, der Transparenz verspricht, aber auch alte Wunden aufreißen dürfte.

Juristisch steht Nègre unter richterlicher Aufsicht. Ihm werden die Verabreichung schädlicher Substanzen, Gewalt im Amt, Verletzung der Privatsphäre und sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Die Unschuldsvermutung gilt, so verlangt es der Rechtsstaat. Und doch bleibt das Gefühl, dass dieser Fall längst mehr erzählt als nur die Geschichte eines einzelnen Mannes. Er handelt von Macht und Schweigen, von Institutionen, die zu lange wegschauten, und von Frauen, die Jahre brauchten, um ihre Stimme zu finden.

Jetzt fordert die Justiz Tempo. Für manche mag das wie ein weiterer Druck erscheinen. Für andere ist es vielleicht die letzte Gelegenheit, gehört zu werden. Die Uhr tickt. Und sie tickt laut.

Autor: C.H.

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