Editorial

Frankreichs letzte Rechnung vor 2027: Lecornu verspricht Sparen ohne Steuererhöhungen

Frankreich beginnt den politischen Herbst mit einem Versprechen, das ebenso einleuchtend wie schwer einzulösen ist: Der Staat soll seine Finanzen ordnen, ohne die Steuern zu erhöhen. Premierminister Sébastien Lecornu kündigt für den Haushalt 2027 Ausgabendisziplin an, verspricht zugleich Hilfen für die von Dürre und Hitze getroffene Landwirtschaft, Entlastungen bei hohen Energiepreisen und Schutz für kleinere…

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Frankreich beginnt den politischen Herbst mit einem Versprechen, das ebenso einleuchtend wie schwer einzulösen ist: Der Staat soll seine Finanzen ordnen, ohne die Steuern zu erhöhen. Premierminister Sébastien Lecornu kündigt für den Haushalt 2027 Ausgabendisziplin an, verspricht zugleich Hilfen für die von Dürre und Hitze getroffene Landwirtschaft, Entlastungen bei hohen Energiepreisen und Schutz für kleinere Renten. Im Gesundheitswesen sollen dagegen Missbrauch bekämpft und wenig wirksame Ausgaben überprüft werden.

Jede einzelne dieser Ankündigungen lässt sich begründen. Zusammengenommen ergeben sie jedoch das alte französische Dilemma: Der Staat soll weniger kosten und gleichzeitig dort stärker eingreifen, wo wirtschaftliche und soziale Härten auftreten. Kurz vor der Präsidentschaftswahl von 2027 wird daraus nicht nur eine finanzpolitische, sondern eine politische Bewährungsprobe.

Die Grenzen des französischen Staatsmodells

Lecornus zentrale Botschaft lautet, dass der Haushalt 2027 keine neuen Steuererhöhungen enthalten soll. Die Sanierung der Staatsfinanzen müsse vor allem über die Ausgabenseite erfolgen. Seine Begründung ist ökonomisch nachvollziehbar: Bei schwacher Konjunktur könnte ein neuer Steuerschub Investitionen und Konsum zusätzlich belasten.

Doch damit beginnt das eigentliche Problem erst.

Frankreich gehört seit Jahren zu den europäischen Ländern mit besonders hohen Staatsausgaben. Gleichzeitig bleibt das Haushaltsdefizit hartnäckig hoch. Für 2025 lag es bei 5,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts; selbst das Erreichen von 5 Prozent im Jahr 2026 bezeichnete Lecornu zuletzt als keineswegs gesichert. Für den Haushalt 2027 wurden zeitweise Einsparungen in einer Größenordnung von rund 40 Milliarden Euro diskutiert.

Solche Beträge lassen sich nicht mit symbolischen Kürzungen erzielen. Wer Steuern ausschließt, muss früher oder später große Ausgabenblöcke berühren: Sozialleistungen, Renten, Gesundheitswesen, staatliche Verwaltung oder Transfers an Gebietskörperschaften. Genau dort aber beginnt in Frankreich traditionell der politische Widerstand.

Die Auseinandersetzung um die Rentenreform hat gezeigt, wie schwierig selbst moderate Veränderungen des Sozialstaats durchzusetzen sind. Das Problem besteht deshalb weniger darin, Sparmöglichkeiten zu identifizieren. Es besteht darin, für sie eine parlamentarische und gesellschaftliche Mehrheit zu finden.

Die Rentner geraten stärker in den Blick

Politisch besonders heikel ist Lecornus Differenzierung bei den Renten. Kleine Pensionen sollen nicht eingefroren werden. Bei höheren Renten schließt der Premierminister dagegen eine schwächere Anpassung an die Inflation nicht aus.

Dahinter steckt eine Verschiebung in der französischen Verteilungsdebatte.

Lange konzentrierte sich diese vor allem auf die Frage, wie stark Erwerbstätige, Unternehmen und hohe Einkommen belastet werden können. Angesichts der Alterung der Gesellschaft wird zunehmend diskutiert, welchen Beitrag wohlhabendere Rentner zur Stabilisierung der Sozialversicherung leisten sollen.

Eine geringere Indexierung höherer Pensionen wäre faktisch eine reale Leistungskürzung, sofern die Preise weiter steigen. Politisch kann sie dennoch leichter vermittelbar sein als eine generelle Rentenkürzung. Lecornu verbindet die Überlegung zudem mit einem Bereich, dessen Finanzierungsbedarf strukturell wachsen wird: der Pflege und Betreuung hochbetagter Menschen.

Damit zeichnet sich eine Debatte ab, die Frankreich weit über 2027 hinaus beschäftigen dürfte. Ein Sozialstaat, der wesentlich unter anderen demografischen Bedingungen geschaffen wurde, muss seine Lasten zwischen den Generationen neu austarieren.

Gesundheitspolitik zwischen Effizienz und Misstrauen

Ähnlich sensibel ist die angekündigte Reform der Krankschreibungen. Lecornu spricht von einer «echten Reform», die mit den Sozialpartnern ausgehandelt werden soll. Missbrauch soll stärker bekämpft werden. Gleichzeitig sollen Gesundheitsausgaben überprüft werden, etwa die Erstattung von Medikamenten mit begrenztem therapeutischem Nutzen.

Ökonomisch ist dies eine klassische Effizienzstrategie: Der Staat versucht nicht, Leistungen pauschal zu reduzieren, sondern vermeidbare oder wenig wirksame Ausgaben zu identifizieren.

Politisch liegt darin allerdings eine Gefahr. Die Grenze zwischen Effizienzsteigerung und Leistungskürzung wird von Regierung und Betroffenen selten an derselben Stelle gezogen. Wird die Reform als Generalverdacht gegen Arbeitnehmer oder Kranke wahrgenommen, dürfte der Widerstand erheblich sein.

Entscheidend wird deshalb sein, ob Paris belastbare Kriterien für medizinische Wirksamkeit und Missbrauch vorlegt. Ein moderner Sozialstaat kann nicht jede bestehende Ausgabe allein deshalb fortführen, weil sie historisch gewachsen ist. Er verliert aber ebenso Vertrauen, wenn Sparziele nachträglich als medizinische Reformen etikettiert werden.

Die Landwirtschaft wird zum politischen Notfall

Bei den Bauern steht zunächst nicht Sparen, sondern Retten auf dem Programm. Nach einem außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer verspricht die Regierung einen Unterstützungs- und Rettungsplan für gefährdete Betriebe sowie weitergehende Investitionsmaßnahmen für 2027.

Die Lage erklärt die Dringlichkeit. Anfang August waren nach Angaben des französischen Landwirtschaftsministeriums 98 Départements von Trockenheit betroffen, 57 davon befanden sich in einer Krisenlage mit erheblichen Einschränkungen der Wassernutzung. Ende Juli lag der kumulierte Grasaufwuchs auf Dauerweiden rund 30 Prozent unter dem Vergleichswert der Referenzperiode 1989 bis 2018.

Für Viehhalter bedeutet dies weniger Futter, für Ackerbaubetriebe geringere Erträge und für viele Höfe zusätzliche Liquiditätsprobleme. Die Regierung hat deshalb kaum die Möglichkeit, die Landwirtschaft ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Haushaltskonsolidierung zu betrachten.

Doch auch hier stellt sich die langfristige Frage. Wenn extreme Hitze und Trockenperioden häufiger auftreten, können außergewöhnliche Hilfspakete nicht dauerhaft als Ausnahme behandelt werden. Frankreich braucht Investitionen in Bewässerung, Wassermanagement, widerstandsfähigere Kulturen, Versicherungsmodelle und eine Anpassung der Agrarproduktion an veränderte klimatische Bedingungen.

Aus Krisenhilfe muss Strukturpolitik werden.

Ein «Regierungsauftrag» ohne Mehrheit

Die vielleicht wichtigste Aussage Lecornus betrifft allerdings nicht den Haushalt, sondern seine eigene Zukunft. Er erklärt ausdrücklich, bei der Präsidentschaftswahl 2027 nicht anzutreten. Sein Kabinett beschreibt er vielmehr als eine Art «Regierung mit Auftrag»: Es soll vor dem Ende der Amtszeit Emmanuel Macrons vor allem noch einen tragfähigen Haushalt verabschieden.

Das ist mehr als persönliche Zurückhaltung. Lecornu versucht damit, sich aus der Logik des beginnenden Präsidentschaftswahlkampfs herauszulösen.

Ob ihm das gelingt, ist zweifelhaft.

Je näher die Wahl rückt, desto geringer wird für Oppositionsparteien der Anreiz, unpopuläre Sparmaßnahmen mitzutragen. Wer 2027 den Élysée-Palast erobern will, kann politisch davon profitieren, die Verantwortung für Kürzungen der amtierenden Regierung zu überlassen und sich selbst als Verteidiger von Rentnern, Arbeitnehmern oder öffentlichen Dienstleistungen zu präsentieren.

Frankreichs institutionelle Lage verschärft das Problem. Seit dem Verlust einer stabilen parlamentarischen Mehrheit ist die Haushaltsgesetzgebung zu einem wiederkehrenden politischen Kraftakt geworden. Gerade deshalb wird der Etat 2027 zu einem Test dafür, ob das politische System noch zu Entscheidungen fähig ist, wenn die Kosten dieser Entscheidungen unmittelbar sichtbar werden.

Lecornus Programm enthält einen bemerkenswert nüchternen Kern: keine neuen Steuern, stärkere Kontrolle der Ausgaben, gezielte soziale Schonung und Intervention dort, wo akute Krisen dies verlangen. Gerade diese Kombination macht die Aufgabe aber beinahe widersprüchlich. Ein Staat kann nicht gleichzeitig jeden gesellschaftlichen Schock abfedern, seine großen Sozialausgaben unangetastet lassen und sein Defizit allein durch bessere Verwaltung beseitigen.

Frankreich nähert sich deshalb einer Debatte, die lange vertagt worden ist. Es geht nicht mehr nur darum, wo einige Milliarden eingespart werden können. Es geht um die grundsätzlichere Frage, welche Leistungen der französische Staat künftig finanzieren soll – und welche nicht.

Der Haushalt 2027 wird damit zum letzten großen finanzpolitischen Dokument der Macron-Ära. Lecornu kann darauf verzichten, Präsidentschaftskandidat zu sein. Der Etat, den seine Regierung vorlegt, wird dennoch Teil des Präsidentschaftswahlkampfs werden. Denn hinter jeder gestrichenen Ausgabe und jeder geschützten Leistung steht letztlich eine Vorstellung davon, wie Frankreich seinen Sozialstaat, seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und seine öffentlichen Finanzen miteinander versöhnen will.

Genau darüber wird 2027 gewählt werden.

Quellen: Le Parisien (29. August 2026), Le Parisien – «Permettre la stabilité fiscale» (29. August 2026), Le Parisien – «Je ne suis pas candidat à l’élection présidentielle» (29. August 2026), Le Parisien – «Du jamais-vu depuis 30 ans» (29. August 2026), Le Parisien – Budget 2027 und Landwirtschaft (15. August 2026), Ministère de l’Agriculture, de l’Agro-alimentaire et de la Souveraineté alimentaire (5. August 2026), Agreste – Informations et suivi objectif des prairies (5. August 2026).

C. Hatty

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