Wie viele Lügen braucht es, um ein ganzes Leben zu bauen? Im Fall von Jean-Claude Romand genügte eine einzige, die sich wie ein dunkler Faden durch Jahrzehnte zog – bis alles zerbrach.
Romands Geschichte beginnt scheinbar harmlos. Ein stiller junger Mann aus Lons-le-Saunier, geboren 1954, der Medizin studiert – oder es zumindest vorgibt. Doch statt Prüfungen zu bestehen, fälscht er Zeugnisse. Statt sich Wissen anzueignen, perfektioniert er das Spiel der Täuschung. Und während seine Kommilitonen in Hörsälen schwitzen, läuft er ziellos umher, immer im Schatten der WHO-Gebäude in Genf. Ein Mann ohne Beruf, ohne Abschluss, ohne jede Realität – und doch: für sein Umfeld der ideale Schwiegersohn, Ehemann, Arzt, Forscher.
Ein Doppelleben im Maßanzug
Wie hat er das so lange durchgezogen? Mit Charme, Cleverness – und der Bereitschaft, jede Fassade zu perfektionieren. Jean-Claude Romand inszenierte sein Leben wie ein Theaterstück. Er versprach Investitionen, verwaltete angeblich Gelder, baute Vertrauen auf. In Wahrheit lebte er von den Ersparnissen seiner Eltern und Freunden. Seine Tage? Spaziergänge, Schlaf, versteckte Langeweile. Kein einziger Tag in einem Labor. Kein Patient. Kein echter Job.
Doch wer von außen hinsah, sah Erfolg. Statussymbole. Ein schönes Haus. Zwei Kinder. Eine Frau, die ihn liebte.
Und dann: der Absturz
Irgendwann holen einen die Lügen ein. Im Januar 1993 bröckelte sein Konstrukt – und Jean-Claude Romand griff zu einem Ausweg, der fassungslos macht. An zwei Tagen ermordete er systematisch seine Frau, seine Kinder und seine Eltern. Danach legte er Feuer im eigenen Haus und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Doch das Feuer überlebte er – seine Illusion nicht.
Was bewegt einen Menschen, zu so einer Tat zu greifen? Diese Frage bleibt im Raum hängen, schwer wie Blei.
Gefängnis und... Erlösung?
1996 verurteilte ihn ein französisches Gericht zu lebenslanger Haft. Viele hielten ihn für ein Monster, andere für eine tragische Figur, die in ihren eigenen Lügen erstickte. Er blieb 26 Jahre hinter Gittern. Dann, 2019, eine Entscheidung mit Symbolkraft: Romand kam frei – unter strengen Auflagen. Zwei Jahre lebte er in der Abtei Notre-Dame de Fontgombault, ein abgeschottetes Leben, elektronisch überwacht, umgeben von Stille und Gebeten.
Ein Mann, der einst vorgab, Leben zu retten, lebte nun unter Mönchen. Zynisch? Oder gerecht?
Heute: Ein Schatten seiner selbst
Seit 2022 ist Romand nicht mehr in der Abtei. Er lebt zurückgezogen in einem kleinen Dorf im Département Indre. Kein Auto, kaum Besitz, 800 Euro Rente. Kein Kontakt zu den Hinterbliebenen, keine Reiseerlaubnis in seine alte Heimat. Die Auflagen: streng, unerbittlich. Wie ein Netz, das ihn festhält – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.
Ein neues Leben? Schwer vorstellbar. Romand bleibt ein Mahnmal – für die Zerbrechlichkeit von Vertrauen und die dunklen Tiefen der menschlichen Seele.
Und morgen?
Kann ein Mensch mit solcher Vergangenheit überhaupt neu anfangen? Oder bleibt sein Name für immer ein Synonym für Betrug, Mord und Schuld? Vielleicht weiß er das selbst nicht. Vielleicht sucht er auch gar nicht mehr nach Antworten.
Denn manchmal ist das Schweigen die letzte Form von Buße.
Von Catherine H.