Frankreich

Lag das gallische Paris doch unter Notre-Dame?

Mitten im Herzen von Paris, nur wenige Schritte von Notre-Dame entfernt, sind Archäologen auf eine mächtige Konstruktion aus Stein und Holz gestoßen. Der Fund könnte eine Frage beantworten, über die Historiker seit Jahrzehnten streiten: Wo genau lag das gallische Lutetia, von dem Julius Caesar berichtete? Paris gräbt – und stößt dabei immer wieder auf sich…

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Mitten im Herzen von Paris, nur wenige Schritte von Notre-Dame entfernt, sind Archäologen auf eine mächtige Konstruktion aus Stein und Holz gestoßen. Der Fund könnte eine Frage beantworten, über die Historiker seit Jahrzehnten streiten: Wo genau lag das gallische Lutetia, von dem Julius Caesar berichtete?

Paris gräbt – und stößt dabei immer wieder auf sich selbst.

Kaum eine europäische Metropole besitzt einen Untergrund, in dem sich zwei Jahrtausende Stadtgeschichte derart dicht übereinandergeschoben haben. Römische Thermen, mittelalterliche Fundamente, Gräber, Mauern und Straßen liegen unter den heutigen Boulevards. Doch ausgerechnet von der Stadt, die schon vor den Römern existiert haben soll, fehlte bislang etwas Entscheidendes: der archäologische Beweis.

Das könnte sich nun ändern.

Bei Ausgrabungen auf dem Gelände des Hôtel-Dieu, unmittelbar neben der Kathedrale Notre-Dame auf der Île de la Cité, legten Archäologen im Sommer 2026 eine rund 20 Meter lange Konstruktion frei. Sie besteht aus Stein und Holz, zeigt Spuren eines heftigen Brandes und erinnert in ihrer Bauweise an Befestigungsanlagen gallischer Siedlungen der späten Eisenzeit.

Sollte sich die Datierung bestätigen, wäre dies weit mehr als irgendeine alte Mauer unter Paris.

Dann hätten die Archäologen möglicherweise einen Teil jener Stadtbefestigung gefunden, die das gallische Lutetia schützte – jenes Lutetia, das Julius Caesar im ersten Jahrhundert vor Christus in seinem Bericht über den Gallischen Krieg erwähnte.

Damit berührt der Fund eine der merkwürdigsten offenen Fragen der Pariser Frühgeschichte.

Caesars geheimnisvolle Insel

Caesar beschreibt Lutetia als eine Siedlung der Parisii, eines keltischen Stammes, auf einer Insel der Seine. Seit Generationen lag deshalb eine Vermutung nahe: Diese Insel müsse die heutige Île de la Cité gewesen sein, also genau jener Ort, auf dem später Notre-Dame, der Königspalast und schließlich das historische Zentrum von Paris entstanden.

Klingt logisch.

Nur hatte die Archäologie bislang ein Problem damit.

Bei früheren Ausgrabungen auf der Île de la Cité fanden sich zwar zahlreiche Überreste aus römischer und späterer Zeit. Doch eindeutige Spuren einer größeren befestigten gallischen Siedlung blieben erstaunlich rar. Keine unmissverständliche Stadtmauer, keine mächtigen Befestigungswerke, nichts, was zweifelsfrei zum Lutetia Caesars gepasst hätte.

Das brachte Historiker und Archäologen ins Grübeln.

War Caesar ungenau? Hatte sich die Topographie der Seine stärker verändert als angenommen? Oder lag das gallische Lutetia womöglich gar nicht dort, wo später das römische und mittelalterliche Paris entstand?

Eine andere Hypothese gewann deshalb an Gewicht. Im heutigen Nanterre westlich von Paris waren bedeutende gallische Siedlungsspuren entdeckt worden. Manche Forscher hielten es für möglich, dass dort das eigentliche Zentrum der Parisii gelegen hatte.

Aus einer scheinbar simplen Frage entstand ein archäologischer Krimi: Wo war Paris, bevor Paris Paris wurde?

Eine Mauer verändert die Debatte

Genau deshalb sorgt der Fund beim Hôtel-Dieu für so große Aufmerksamkeit.

Die massive Konstruktion passt nach ersten Einschätzungen zu Befestigungstechniken, wie sie bei gallischen Oppida bekannt sind. Ein Oppidum bezeichnet eine größere befestigte Siedlung der späten keltischen Eisenzeit – gewissermaßen eine frühe Stadt mit Schutzanlagen, Handelsplätzen, Wohnbereichen und politischer Funktion.

Hinzu kommen deutliche Brandspuren.

Auch das macht die Sache interessant, denn Caesar berichtet von kriegerischen Ereignissen rund um Lutetia während des gallischen Aufstands gegen Rom. Ob die Brandspuren tatsächlich damit zusammenhängen, lässt sich derzeit allerdings nicht seriös behaupten. Zwischen einer verführerischen historischen Geschichte und einem wissenschaftlich gesicherten Zusammenhang liegt manchmal ein ziemlich tiefer Graben.

Die Fachleute bleiben deshalb vorsichtig.

Ende August wurden Spezialisten für eisenzeitliche Befestigungen hinzugezogen. Mitte September beschäftigte sich eine wissenschaftliche Kommission mit dem Fund. Die Hinweise gelten offenbar als außergewöhnlich vielversprechend, doch Datierung, Funktion und Verlauf der Konstruktion müssen genauer untersucht werden.

Denn eine alte Mauer allein macht noch kein Lutetia.

Entscheidend dürften nun Holzanalysen, stratigraphische Untersuchungen und die Auswertung weiterer Fundstücke sein. Besonders Holz lässt sich unter günstigen Bedingungen erstaunlich genau datieren. Keramik, Metallobjekte oder organisches Material könnten ebenfalls helfen, die Anlage zeitlich einzuordnen.

Paris bekommt möglicherweise seine Vorgeschichte zurück

Bestätigt sich die Vermutung, hätte der Fund eine ungewöhnliche symbolische Bedeutung.

Die römische Geschichte von Paris ist vergleichsweise gut sichtbar. Im Quartier Latin erinnern die Thermen von Cluny und die Arènes de Lutèce an das antike Lutetia. Das gallische Paris dagegen blieb bislang fast schemenhaft – bekannt aus Texten, Münzfunden und historischen Rekonstruktionen, aber ohne jenes monumentale Bauwerk, auf das man zeigen und sagen könnte: Hier stand die Stadt der Parisii.

Genau das könnte sich nun ändern.

Unter einem Krankenhaus neben einer der berühmtesten Kathedralen der Welt läge dann ein Stück jenes Paris, das existierte, bevor Römer, Könige, Revolutionäre und Stadtplaner die Metropole immer wieder neu erfanden.

Vielleicht ist das die eigentliche Faszination dieses Fundes.

Nicht die Erkenntnis, dass Paris gallische Wurzeln besitzt – daran bestand kaum ernsthafter Zweifel. Sondern die Möglichkeit, nach mehr als 2000 Jahren endlich einen konkreten Ort mit dem Lutetia Caesars verbinden zu können.

Paris hätte damit nicht plötzlich eine neue Geschichte.

Aber seine älteste Geschichte bekäme endlich eine Mauer.

Andreas M. Brucker

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