Nur eine kurze Bootsfahrt von der mondänen Croisette entfernt liegen zwei Inseln, die sich anfühlen, als hätte jemand die Zeit angehalten. Die Îles de Lérins – Sainte-Marguerite und Saint-Honorat – sind wie zwei ruhige Schwestern, die dem Trubel von Cannes mit Gelassenheit begegnen. Wer Natur, Geschichte und eine Portion meditativer Stille sucht, ist hier goldrichtig.
Auf den Spuren des Maskenmannes – Île Sainte-Marguerite
Sobald das Boot am kleinen Hafen von Sainte-Marguerite anlegt, umfängt einen ein Duft von Pinien und Eukalyptus. Ein paar Schritte nur – und der Lärm der Welt ist vergessen. Diese Insel ist ein grünes Paradies mit ausgedehnten Wäldern, stillen Wegen und einer gehörigen Portion Historie.
Das Herzstück? Das Fort Royal. Im 17. Jahrhundert als Festung gebaut, wurde es später zum Staatsgefängnis. Und genau hier liegt eines der größten Geheimnisse der französischen Geschichte verborgen: die Zelle des Mannes mit der eisernen Maske. Wer war dieser mysteriöse Gefangene? Warum wurde seine Identität nie enthüllt? Beim Blick in die düstere Kammer läuft einem ein Schauer über den Rücken – im besten Sinne.
Das Fort beherbergt heute das Musée de la Mer, wo neben Artefakten aus gesunkenen Schiffen auch archäologische Funde aus der Region ausgestellt sind. Ideal für alle, die Geschichte nicht nur lesen, sondern spüren möchten.
Vom Mittelmeer getragen – eine Überfahrt zur Stille
Ein Katzensprung mit dem Boot bringt einen zur kleineren Schwesterinsel Saint-Honorat. Hier lebt seit über 1.500 Jahren eine Mönchsgemeinschaft, heute vom Zisterzienserorden geführt. Ihre Heimat: die Abbaye de Lérins, ein Ort, der den Begriff „spirituell“ mit neuem Leben füllt.
Wer hier aussteigt, spürt sofort – dieser Ort funktioniert anders. Kein Verkehr, kein Lärm, keine Eile. Nur das Knirschen der Sandpfade unter den Füßen und das leise Summen der Natur. Die Mönche führen ihr Leben in Zurückgezogenheit, öffnen aber ihre Türen für Besucher, die sich respektvoll verhalten.
Es ist möglich, das Kloster zu besichtigen, in der Kirche zu verweilen oder die alten Festungstürme zu erklimmen, die früher vor Piratenangriffen schützten. Und dann ist da noch der Wein.
Himmlische Tropfen vom Klosterberg
Ja, richtig gelesen – die Mönche von Saint-Honorat produzieren ihren eigenen Wein. Inmitten der Insel erstrecken sich gepflegte Weinberge, aus denen elegante Rot-, Weiß- und Schaumweine entstehen. Wer möchte, darf probieren – und wird überrascht sein, wie komplex ein Tropfen aus klösterlicher Hand schmecken kann.
Diese Weine sind nicht nur ein Produkt, sie sind ein Ausdruck des Ortes: still, kraftvoll und mit einer Tiefe, die man nicht erwartet hätte. Und mal ehrlich – wann hat man das letzte Mal Wein getrunken, der mit Gebeten begleitet wurde?
Naturerlebnis, das nachwirkt
Abseits von Kirchenmauern und Festungen laden beide Inseln zu entspannten Spaziergängen ein. Es gibt zahlreiche Wanderwege, die durch schattige Wälder und entlang malerischer Küstenabschnitte führen. Wer möchte, kann zwischendurch ins klare Wasser springen – Badesachen also nicht vergessen!
An vielen Stellen locken kleine Buchten, perfekt für ein Picknick oder ein Nickerchen unter freiem Himmel. Aber aufgepasst: Hier gelten strenge Regeln zum Schutz der Natur. Besonders das empfindliche Posidonia-Seegras, das für das Ökosystem des Mittelmeers unverzichtbar ist, darf nicht beschädigt werden. Also bitte: Kein Ankern mitten in den Wiesen!
Tipps für eine perfekte Auszeit
Anreise:
Tägliche Fähren starten ab dem Quai Saint-Pierre im Hafen von Cannes. Die Überfahrt dauert nur rund 15 bis 20 Minuten – ideal für einen Tagesausflug oder auch für einen längeren Aufenthalt mit spirituellem Touch.
Was tun?
– Auf Sainte-Marguerite: Fort Royal und Museum besuchen, in der Geschichte schwelgen, wandern, baden
– Auf Saint-Honorat: Abtei entdecken, Wein verkosten, Ruhe finden
– Auf beiden Inseln: Durchatmen, staunen, genießen
Verhalten:
Die Inseln sind kein Freizeitpark – sondern Rückzugsorte. Respekt gegenüber Natur, Geschichte und den klösterlichen Bewohnern ist das A und O. Und mal ehrlich: Wer will in einem Paradies schon unangenehm auffallen?
Eine andere Welt – nur Minuten von Cannes entfernt
Wer die Lérins-Inseln besucht, reist nicht einfach zu einem Ort. Man tritt in eine andere Dimension ein – langsamer, bewusster, geerdeter. Ein Spaziergang unter Eukalyptusbäumen, ein stilles Gebet in der Abtei, ein Glas Wein mit Blick aufs Meer... das sind keine großen Abenteuer. Aber vielleicht genau die Momente, die wir heute am meisten brauchen.
Ein Reisebericht von V.O.Yager