Frankreich ist laizistisch, stolz auf die Trennung von Kirche und Staat – und doch führt für seine Präsidenten seit Jahrzehnten ein erstaunlich beständiger Weg nach Rom. Vom katholisch geprägten Charles de Gaulle bis zu Emmanuel Macron erzählt die Beziehung zum Papst nicht nur von Religion. Sie erzählt von Diplomatie, Geschichte, Symbolen und einer Republik, die mit ihrem christlichen Erbe bis heute einen ziemlich komplizierten Tanz aufführt.
Jeder Präsident tanzt ihn anders.
Charles de Gaulle trennte seinen persönlichen katholischen Glauben streng von seinem Amt. Als er 1959 Papst Johannes XXIII. besuchte, begegneten sich weniger zwei Religionsvertreter als zwei Männer mit ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein. De Gaulle nahm damals auch seinen traditionellen Titel als Ehrenkanoniker der Lateranbasilika an. 1967 folgte eine Begegnung mit Paul VI.
Damit entstand ein Muster, das die Fünfte Republik prägen sollte: Der französische Präsident besucht nicht den geistlichen Oberhirten seiner katholischen Bürger, sondern einen Staatschef und internationalen moralischen Akteur.
Nur Georges Pompidou machte nicht mit. Er blieb während seiner Amtszeit dem Vatikan fern.
Valéry Giscard d’Estaing knüpfte die Kontakte dagegen umso intensiver. Dreimal reiste er nach Rom. 1980 empfing er Johannes Paul II. in Frankreich. Mit dem reisefreudigen polnischen Papst veränderte sich die Beziehung ohnehin grundlegend. Plötzlich kam Rom nach Frankreich – samt Kameras, Menschenmengen und weltweiter Aufmerksamkeit.
Besonders spannend geriet das Verhältnis zwischen François Mitterrand und Johannes Paul II. Der sozialistische Präsident verteidigte die Laizität, war kulturell aber stark vom Christentum geprägt. Bei ihren Gesprächen standen Europa, Menschenrechte, der Ostblock, Armut und internationale Konflikte im Mittelpunkt.
Was also verbindet einen sozialistischen französischen Präsidenten mit einem polnischen Papst?
Mehr, als Parteibücher vermuten lassen.
Unter Jacques Chirac gewann die Beziehung weiter an Sichtbarkeit. Er besuchte 1996 den Vatikan und begegnete Johannes Paul II. später mehrfach in Frankreich. Der Papst war längst eine globale Persönlichkeit geworden – religiöser Führer, politischer Gesprächspartner und Symbolfigur zugleich.
Mit Nicolas Sarkozy zog dann ordentlich Pfeffer in die Debatte ein. Bei seinem Vatikanbesuch 2007 sprach er über die christlichen Wurzeln Frankreichs und entwickelte die Idee einer „positiven Laizität“. In Frankreich sorgte das für Streit. Plötzlich ging es nicht mehr allein um Diplomatie, sondern um eine heikle Frage: Welchen Platz dürfen Religionen im öffentlichen Leben einer laizistischen Republik einnehmen?
François Hollande wählte einen zurückhaltenderen Kurs. Bei seinen Begegnungen mit Papst Franziskus rückten internationale Krisen, Armut, Frieden und Solidarität in den Vordergrund. Nach den Terroranschlägen in Frankreich erhielt das Verhältnis zudem eine emotionale Dimension.
Emmanuel Macron wiederum suchte demonstrativ den Dialog. 2018 erklärte er vor französischen Bischöfen, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat habe Schaden genommen und müsse neu belebt werden. Kurz darauf traf er Franziskus im Vatikan und übernahm ebenfalls das historische Ehrenkanonikat.
Mit Papst Léon XIV. begann 2026 ein weiteres Kapitel dieser bemerkenswerten Geschichte.
Darin steckt ein schönes französisches Paradox: Je säkularer das Land wurde, desto beständiger erscheint das Ritual der Begegnung zwischen Präsident und Papst.
Warum hält sich diese Verbindung so hartnäckig?
Vielleicht weil beide Seiten etwas verkörpern, das sich nicht einfach per Gesetz aus der Geschichte streichen lässt. Der Vatikan besitzt trotz seiner winzigen Fläche weltweiten diplomatischen und moralischen Einfluss. Frankreich wiederum bleibt für Rom jenes eigenwillige Land, das einst „älteste Tochter der Kirche“ hieß und später die Laizität zu einem Kern seiner republikanischen Identität machte.
Wenn französische Präsidenten nach Rom reisen, begegnen sie deshalb nicht nur einem Papst.
Sie begegnen auch einem Stück Frankreich.
Ein Artikel von M. Legrand