Editorial

Trump gegen Macron: In New York prallen zwei Weltordnungen aufeinander

Selten lässt sich der Wandel der internationalen Ordnung so anschaulich beobachten wie an diesem Dienstag in New York. Im Abstand weniger Stunden traten Donald Trump und Emmanuel Macron vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Beide sprachen über Frieden, Sicherheit und Souveränität. Doch hinter denselben Begriffen stehen zwei nahezu gegensätzliche Vorstellungen davon, wie die Welt im…

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Selten lässt sich der Wandel der internationalen Ordnung so anschaulich beobachten wie an diesem Dienstag in New York. Im Abstand weniger Stunden traten Donald Trump und Emmanuel Macron vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen. Beide sprachen über Frieden, Sicherheit und Souveränität. Doch hinter denselben Begriffen stehen zwei nahezu gegensätzliche Vorstellungen davon, wie die Welt im Jahr 2026 funktionieren soll.

Trump setzt auf Macht, Abschreckung und nationale Handlungsfreiheit. Macron verteidigt eine Ordnung, in der Macht durch Recht eingehegt und nationale Souveränität durch internationale Zusammenarbeit ergänzt wird. Es ist mehr als ein rhetorischer Gegensatz zwischen einem amerikanischen und einem französischen Präsidenten. In New York standen sich zwei konkurrierende Antworten auf eine grundsätzliche Frage gegenüber: Was bleibt von der regelbasierten internationalen Ordnung, wenn ihre Regeln von den mächtigsten Staaten zunehmend nur noch dann akzeptiert werden, wenn sie den eigenen Interessen entsprechen?

Trump und die Rückkehr der Machtpolitik

Donald Trumps Antwort ist vergleichsweise eindeutig. Die Vereinigten Staaten sollen stark genug sein, um ihre Interessen durchzusetzen, ihre Gegner abzuschrecken und ihre Verbündeten zur Übernahme grösserer Lasten zu bewegen. Internationale Organisationen besitzen in diesem Weltbild einen instrumentellen Wert. Sie sind nützlich, solange sie amerikanische Handlungsfreiheit nicht beschränken.

Seine Rede vor der 81. Generalversammlung fügte sich konsequent in diese Vorstellung ein. Trump verteidigte das militärische Vorgehen der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, stellte die amerikanische Stärke heraus und drohte Teheran mit der Vernichtung der Islamischen Republik, sollte keine Vereinbarung zustande kommen. Zugleich hielt er die Tür für Verhandlungen offen.

Gerade diese Verbindung aus maximaler Drohung und gleichzeitigem Verhandlungsangebot ist charakteristisch für Trumps Aussenpolitik. Diplomatie und militärischer Druck bilden für ihn keinen Gegensatz. Die glaubwürdige Fähigkeit zur Eskalation soll vielmehr erst jene Bedingungen schaffen, unter denen die Gegenseite zu Zugeständnissen bereit ist.

Besonders deutlich wurde das beim Internationalen Strafgerichtshof. Trump griff die Institution frontal an und forderte deren Mitgliedstaaten zum Austritt auf. Dahinter steht ein grundlegender Konflikt über die Reichweite internationalen Rechts. Für Washington darf eine internationale Institution nach Trumps Verständnis amerikanische Soldaten und Entscheidungsträger nicht einer Gerichtsbarkeit unterwerfen, der die Vereinigten Staaten selbst keine entsprechende Legitimität zugestehen.

Das ist keine Rückkehr zum Isolationismus. Trump will Amerika keineswegs aus der Welt zurückziehen. Er will vielmehr eine Welt, in der die Vereinigten Staaten möglichst frei handeln können.

Macrons Gegenentwurf

Emmanuel Macron beschrieb dieselbe internationale Lage mit einem anderen politischen Vokabular. Der französische Präsident warnte vor der Rückkehr von Imperialismus, Arroganz und einer internationalen «Gesetzlosigkeit», in der letztlich der Stärkere entscheidet.

Seine Rede war auch deshalb bemerkenswert, weil sie voraussichtlich seine letzte vor der UN-Generalversammlung als französischer Staatspräsident war. Macron nutzte sie, um noch einmal jene Grundidee zu verteidigen, die seine Aussenpolitik seit 2017 begleitet: Europa kann zwischen den Vereinigten Staaten, China, Russland und den aufstrebenden Mächten nur bestehen, wenn es selbst handlungsfähiger wird, ohne deshalb die multilaterale Ordnung aufzugeben.

Das ist ein entscheidender Unterschied zu Trump. Macron bestreitet keineswegs die Bedeutung militärischer Macht. Frankreich besitzt Atomwaffen, unterhält Streitkräfte mit globaler Reichweite und hat unter seiner Präsidentschaft wiederholt höhere europäische Verteidigungsanstrengungen gefordert. Der französische Multilateralismus ist deshalb nicht mit Pazifismus zu verwechseln.

Doch Macht soll nach französischer Vorstellung innerhalb eines institutionellen Rahmens ausgeübt werden. Die Vereinten Nationen, das Völkerrecht und internationale Abkommen sind dabei keine Hindernisse staatlicher Souveränität, sondern Mittel, um sie in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeiten überhaupt noch wirksam werden zu lassen.

Macron brachte diesen Gegensatz in New York ungewöhnlich scharf zum Ausdruck. Er warnte vor der Rückkehr des «Gesetzes des Dschungels» und forderte die Staaten auf, sich hinter die Vereinten Nationen zu stellen. Auch in der Nahostpolitik widersprach er demonstrativ der amerikanischen Darstellung. Die Verkündung eines Friedens, argumentierte er sinngemäss, sei wenig wert, solange humanitäre Zugänge nicht funktionierten und die Realität vor Ort dem politischen Anspruch widerspreche.

Was bedeutet Souveränität noch?

Der tiefere Konflikt zwischen beiden Präsidenten betrifft allerdings weniger einzelne Kriege als den Begriff der Souveränität selbst.

Für Trump ist Souveränität zunächst die Freiheit eines Nationalstaates, selbst über seine Grenzen, seine Sicherheit, seine Wirtschaft und seine Aussenpolitik zu entscheiden. Je stärker internationale Institutionen diese Freiheit einschränken, desto grösser wird aus dieser Perspektive das demokratische Legitimationsproblem.

Macron argumentiert beinahe umgekehrt. Ein Staat kann formal vollkommen souverän sein und dennoch praktisch kaum noch Gestaltungsmacht besitzen. Frankreich allein kann weder die Regeln der künstlichen Intelligenz bestimmen noch die europäischen Lieferketten sichern, Russland abschrecken oder gegenüber den wirtschaftlichen Schwergewichten USA und China auf Augenhöhe auftreten.

Daraus entstand Macrons seit Jahren propagierte Idee der «europäischen Souveränität». Souveränität wird dabei nicht abgeschafft, sondern gebündelt. Die europäischen Staaten sollen Kompetenzen gemeinsam ausüben, weil sie einzeln zu klein geworden sind, um bestimmte strategische Entscheidungen tatsächlich autonom treffen zu können.

Der Gegensatz lässt sich daher präziser formulieren: Trump versteht Souveränität primär als Freiheit von äusserer Bindung. Macron versteht sie zunehmend als Fähigkeit zum wirksamen Handeln.

Die Vereinten Nationen werden zum Prüfstein

Gerade deshalb besitzt der Streit um die UNO eine Bedeutung, die über die Organisation selbst hinausgeht.

Die Vereinten Nationen sind 2026 sichtbar geschwächt. Der Sicherheitsrat wird bei zentralen Konflikten durch Vetorechte und geopolitische Rivalitäten blockiert. Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, Konflikte in Afrika und die Auseinandersetzung mit Iran zeigen, wie begrenzt die Durchsetzungskraft des Systems ist.

Trump zieht daraus den Schluss, dass internationale Institutionen ihre Legitimität durch Ergebnisse verdienen müssen. Produzieren sie diese nicht oder wenden sie sich aus seiner Sicht gegen amerikanische Interessen, verlieren sie ihren Anspruch auf Gefolgschaft.

Frankreich zieht aus derselben Diagnose den entgegengesetzten Schluss. Paris fordert seit Jahren eine Reform des Sicherheitsrates, eine breitere Repräsentation und eine Begrenzung des Vetorechts bei Massengräueln. Die französische Antwort auf die Schwäche des Multilateralismus lautet nicht weniger, sondern wirksamerer Multilateralismus.

Beide Positionen besitzen eine innere Logik. Die amerikanische Kritik verweist auf ein reales Problem: Institutionen können Regeln formulieren, besitzen aber ohne die Unterstützung mächtiger Staaten nur begrenzte Möglichkeiten, sie durchzusetzen. Der französische Einwand ist ebenso grundsätzlich: Wenn Macht selbst zur Quelle des Rechts wird, verlieren vor allem kleinere und mittlere Staaten jene Schutzmechanismen, auf denen ihre Sicherheit beruht.

Europa sitzt zwischen den Stühlen

Für Europa ist diese Auseinandersetzung besonders unangenehm. Jahrzehntelang konnte es seine Sicherheit weitgehend auf amerikanische Militärmacht stützen und gleichzeitig eine internationale Ordnung propagieren, in der Recht, Institutionen und wirtschaftliche Verflechtung die klassische Machtpolitik zurückdrängen sollten.

Diese Arbeitsteilung wird immer schwieriger.

Der Krieg in der Ukraine hat den Europäern vor Augen geführt, dass territoriale Eroberung und militärische Abschreckung keineswegs Relikte des 20. Jahrhunderts sind. Die Konflikte im Nahen Osten demonstrieren zugleich, wie schnell regionale Kriege globale Energie- und Handelsströme erschüttern können. Die Rivalität zwischen Washington und Peking zwingt europäische Regierungen schliesslich dazu, wirtschaftliche Abhängigkeiten zunehmend als sicherheitspolitisches Risiko zu behandeln.

Macrons Forderung nach europäischer strategischer Autonomie erhält dadurch eine neue Aktualität. Doch sie offenbart zugleich ihre grösste Schwäche: Europa spricht über Souveränität wesentlich leichter, als es sie organisiert. Nationale Interessen, unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen und die fortdauernde Abhängigkeit von amerikanischen Sicherheitsgarantien begrenzen den französischen Anspruch.

Trump kann dagegen auf Machtmittel verweisen, über die Europa nur teilweise verfügt. Die Vereinigten Staaten besitzen militärische Fähigkeiten, Finanzmacht, technologische Konzerne, Energieressourcen und eine globale diplomatische Reichweite, die ihnen ein Mass an unilateralem Handlungsspielraum verschaffen, das europäischen Staaten fehlt.

Genau darin liegt das Paradox der beiden New Yorker Reden. Macron besitzt möglicherweise die institutionell anspruchsvollere Vorstellung internationaler Ordnung. Trump verfügt über wesentlich grössere Möglichkeiten, seine Vorstellung praktisch durchzusetzen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob die Zukunft Trump oder Macron recht geben wird. Internationale Ordnungen entstehen selten aus einer einzigen Doktrin. Wahrscheinlicher ist eine Welt, in der beide Prinzipien gleichzeitig wirken: mehr Machtpolitik und zugleich der fortdauernde Bedarf an Regeln; stärkere Nationalstaaten und gleichzeitig Probleme, die kein Nationalstaat allein lösen kann.

Die Vereinten Nationen werden dieses Spannungsverhältnis nicht beseitigen. Doch gerade ihre gegenwärtige Schwäche zeigt, weshalb die Auseinandersetzung von New York über zwei Präsidenten hinausweist. Trump beschreibt eine Welt, wie sie zunehmend funktioniert: geprägt von Abschreckung, nationalen Interessen und direkten Abmachungen zwischen Mächten. Macron verteidigt eine Welt, ohne deren Regeln gerade kleinere Staaten langfristig wenig Schutz vor dieser Machtpolitik besitzen.

Zwischen diesen beiden Polen dürfte sich die internationale Ordnung der kommenden Jahre bewegen. Die entscheidende Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts könnte deshalb weniger zwischen Multilateralismus und Nationalstaat stattfinden als um die Frage, ob Macht noch durch Regeln begrenzt wird – oder ob am Ende die Macht selbst bestimmt, welche Regeln gelten.

Andreas M. Brucker

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