Frankreich

Trump lobt Marine Le Pen – doch sein politischer Ritterschlag könnte für Frankreichs Rechte zum Risiko werden

US-Präsident Donald Trump bezeichnet Marine Le Pen als wichtigste konservative Stimme Frankreichs und kritisiert erneut die französische Justiz. Eine ausdrückliche Unterstützung für die Präsidentschaftswahl 2027 vermeidet er jedoch. Seine Äusserungen zeigen, wie eng die politischen Auseinandersetzungen in Europa inzwischen mit dem amerikanischen Wahlkampf verflochten sind. Für Le Pen ist die Aufmerksamkeit aus Washington zugleich Chance…

Illustration Nachrichten.fr
KI-Illustration

US-Präsident Donald Trump bezeichnet Marine Le Pen als wichtigste konservative Stimme Frankreichs und kritisiert erneut die französische Justiz. Eine ausdrückliche Unterstützung für die Präsidentschaftswahl 2027 vermeidet er jedoch. Seine Äusserungen zeigen, wie eng die politischen Auseinandersetzungen in Europa inzwischen mit dem amerikanischen Wahlkampf verflochten sind. Für Le Pen ist die Aufmerksamkeit aus Washington zugleich Chance und Belastung.

Donald Trump hat erneut in die politische Debatte Frankreichs eingegriffen. Am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, würdigte der amerikanische Präsident Marine Le Pen als führende konservative Stimme des Landes und stellte die Rechtmässigkeit ihrer gerichtlichen Behandlung politisch infrage. Eine offizielle Wahlempfehlung für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr sprach er allerdings nicht aus.

Die Intervention fällt in eine politisch angespannte Phase. Frankreich wird von schweren Ausschreitungen erschüttert, während sich die Vereinigten Staaten auf die Kongresswahlen im November vorbereiten. Trump verbindet beide Entwicklungen zu einer politischen Erzählung: Die Unruhen in Frankreich sollen vor den Folgen einer aus seiner Sicht gescheiterten Migrationspolitik warnen und zugleich die Position konservativer Kräfte stärken.

Ob diese Deutung den tatsächlichen Ursachen der französischen Krise gerecht wird, ist allerdings fraglich. Ebenso offen bleibt, ob die Unterstützung durch einen in Frankreich ausgesprochen unpopulären amerikanischen Präsidenten Marine Le Pen bei ihrem Streben nach dem Élysée-Palast tatsächlich nützt.

Lob aus Washington, aber keine Wahlempfehlung

Auf die Frage eines Journalisten im Oval Office, ob er Marine Le Pen unterstütze, antwortete Trump zunächst zurückhaltend: «Ich kenne sie nicht, ich habe sie nie getroffen.»

Anschliessend änderte sich der Ton. Der Präsident erklärte, Le Pen sei ungerecht behandelt worden. Dabei deutete er an, dass die französische Justiz für politische Zwecke eingesetzt worden sei. Schliesslich bezeichnete er die langjährige Führungspersönlichkeit des Rassemblement National als die wichtigste konservative Stimme Frankreichs.

Diese Wortwahl ist politisch bedeutsam. Trump erkennt Le Pen damit als eine zentrale Vertreterin jener politischen Strömung an, mit der er selbst wesentliche programmatische Gemeinsamkeiten verbindet. Dazu gehören eine restriktive Einwanderungspolitik, die Betonung nationaler Souveränität und eine grundsätzliche Skepsis gegenüber etablierten politischen Eliten.

Gleichwohl bleibt ein Unterschied zwischen politischer Sympathiebekundung und ausdrücklicher Wahlempfehlung. Trump vermied es, Le Pen offiziell als seine bevorzugte Kandidatin für die französische Präsidentschaftswahl 2027 zu benennen.

Die Zurückhaltung dürfte auch mit den politischen Risiken einer solchen Positionierung zusammenhängen. Eine direkte Wahlempfehlung des amerikanischen Präsidenten könnte in Frankreich als Einmischung in eine nationale Wahl verstanden werden. Zudem ist keineswegs gesichert, dass eine solche Unterstützung Le Pens Wahlchancen verbessern würde.

Bemerkenswert ist auch, dass Trump einen Zusammenhang zwischen den jüngsten Ausschreitungen und Le Pens politischer Position herstellte. Er deutete an, die Unruhen könnten ihre Stellung stärken. Konkrete Umfragedaten, die einen solchen Effekt belegen, führte er jedoch nicht an.

Die Justizaffäre bleibt ein politischer Konflikt

Trumps Kritik an der französischen Justiz verweist auf einen Konflikt, der Marine Le Pens politische Zukunft über Monate hinweg überschattet hatte.

Am 31. März 2025 war die Politikerin im Zusammenhang mit der Beschäftigung parlamentarischer Assistenten des damaligen Front National im Europäischen Parlament verurteilt worden. Im Zentrum stand der Vorwurf, europäische Parlamentsmittel seien zur Finanzierung von Mitarbeitern verwendet worden, die tatsächlich für die Partei tätig gewesen seien.

Das Urteil löste erhebliche politische Spannungen aus, weil die verhängte Unwählbarkeit zunächst eine Kandidatur Le Pens bei der Präsidentschaftswahl 2027 infrage stellte.

Am 7. Juli 2026 bestätigte das Pariser Berufungsgericht die Verurteilung, änderte jedoch das Strafmass. Es verhängte eine Unwählbarkeit von 45 Monaten, davon 30 Monate auf Bewährung. Die verbleibenden 15 Monate galten aufgrund der seit März 2025 vollstreckten Sanktion bereits als verbüsst.

Damit wurde das unmittelbare Hindernis für eine Präsidentschaftskandidatur beseitigt. Die strafrechtliche Verurteilung blieb hingegen bestehen.

Dieser Unterschied ist entscheidend. Die gerichtliche Entscheidung bedeutet weder einen Freispruch noch die Feststellung, dass die ursprünglichen Vorwürfe politisch motiviert gewesen seien. Sie verändert vielmehr die rechtlichen Folgen der Verurteilung.

Trump hatte Le Pen bereits im April 2025 verteidigt. Damals bezeichnete er die juristischen Massnahmen gegen sie sinngemäss als politische Verfolgung und zog Parallelen zu seinen eigenen Verfahren in den Vereinigten Staaten.

Darin zeigt sich ein wiederkehrendes Element seiner politischen Kommunikation: Strafverfahren gegen prominente politische Verbündete werden nicht allein als juristische Auseinandersetzungen dargestellt, sondern als Ausdruck eines Machtkampfs zwischen politischen Eliten und ihren Herausforderern.

Diese Interpretation ist Teil von Trumps politischer Argumentation. Ein Nachweis für eine gezielte politische Steuerung der französischen Justiz ergibt sich daraus nicht.

Frankreichs Unruhen werden zum Wahlkampfthema in Amerika

Die Äusserungen über Le Pen lassen sich nicht von der innenpolitischen Situation in den Vereinigten Staaten trennen.

Bei einem Wahlkampfauftritt im Bundesstaat Kansas am Montag, dem 19. Oktober, griff Trump die Bilder der Ausschreitungen in Frankreich auf. Er warnte davor, die Vereinigten Staaten könnten ähnliche Zustände erleben, sollten die Demokraten bei den Zwischenwahlen am 3. November erfolgreich sein.

Seine Argumentation folgte einem bekannten Muster: Migration, öffentliche Sicherheit und gesellschaftliche Unordnung werden zu einem politischen Gesamtbild verbunden. Frankreich dient dabei als abschreckendes Beispiel für eine Politik, die Trump seinen demokratischen Gegnern zuschreibt.

Die tatsächlichen Hintergründe der französischen Unruhen sind allerdings komplexer.

Nach den bislang verfügbaren Informationen standen bei den Protesten unter anderem die gestiegenen Lebenshaltungskosten und die unzureichende Ausstattung des Bildungswesens im Mittelpunkt. Französische Behörden haben keinen belastbaren Zusammenhang nachgewiesen, der eine pauschale Zuschreibung der Ausschreitungen an Einwanderer rechtfertigen würde.

Zudem muss zwischen friedlichen Demonstrationen, gewaltsamen Ausschreitungen und den Motiven einzelner Täter unterschieden werden. Die politischen Forderungen von Demonstranten lassen sich nicht ohne Weiteres mit den Handlungen gewalttätiger Gruppen gleichsetzen.

Für Trump ist diese Differenzierung politisch weniger nützlich als eine zugespitzte Botschaft. Die Bilder brennender Fahrzeuge und gewaltsamer Konfrontationen liefern eindrückliches Material für seine Warnung vor einem Verlust staatlicher Kontrolle.

Die französische Krise erhält damit eine zweite politische Funktion. Sie ist nicht nur Gegenstand einer innenpolitischen Auseinandersetzung in Frankreich, sondern wird zugleich zum Argument im amerikanischen Wahlkampf.

Die Verbindung zu Marine Le Pen fügt sich in dieses Muster ein. Trump präsentiert die französische Politikerin als konservative Alternative zu einem politischen System, dessen Krisen er als Bestätigung seiner eigenen Positionen interpretiert.

Die internationale Rechte und ihre nationalen Grenzen

Die politische Nähe zwischen Trump und Le Pen ist Ausdruck einer breiteren Entwicklung. Nationalkonservative und rechtspopulistische Parteien in Europa und Nordamerika teilen zunehmend politische Themen, Kommunikationsstrategien und gesellschaftliche Konfliktlinien.

Im Mittelpunkt stehen häufig Migration, nationale Identität, die Kritik an supranationalen Institutionen sowie das Misstrauen gegenüber etablierten Parteien und Medien.

Trotz dieser Gemeinsamkeiten bestehen erhebliche Unterschiede.

Der Rassemblement National hat in den vergangenen Jahren versucht, seine politische Basis über das traditionelle rechtsnationale Milieu hinaus auszudehnen. Marine Le Pen verfolgt seit Langem eine Strategie der politischen Normalisierung, die darauf abzielt, Vorbehalte gegenüber ihrer Partei abzubauen und zusätzliche Wählerschichten anzusprechen.

Ein demonstrativ enger Schulterschluss mit Trump könnte dieses Vorhaben erschweren.

Hinzu kommt ein grundlegender Widerspruch nationalistischer Politik: Parteien, die nationale Unabhängigkeit und politische Souveränität besonders stark betonen, können sich nur begrenzt auf die Autorität eines ausländischen Staatschefs stützen.

Was innerhalb eines ideologisch verwandten politischen Lagers als internationale Anerkennung erscheint, kann ausserhalb dieses Milieus als problematische Abhängigkeit wahrgenommen werden.

Trumps Unbeliebtheit als Risiko für Le Pen

Wie heikel die amerikanische Unterstützung für Marine Le Pen sein könnte, zeigen aktuelle französische Umfragedaten.

Eine vom Institut Cluster17 im Auftrag des Magazins Le Point am 14. und 15. Oktober durchgeführte Befragung von 1263 Personen ergab ein ausgesprochen negatives Bild des amerikanischen Präsidenten.

Donald Trumps Ansehen in Frankreich

82 %

Negative Meinung

12 %

Positive Meinung

Restliche 6 %: andere oder keine Angabe. Cluster17 / Le Point, 14.–15. Oktober 2026.

Die Erhebung wurde online nach dem Quotenverfahren durchgeführt. Bei einem Ergebnis in der Grössenordnung von 80 Prozent liegt die angegebene statistische Unsicherheit ungefähr bei 2,2 Prozentpunkten.

Die Zahlen illustrieren die begrenzte Popularität Trumps in der französischen Bevölkerung. Sie erlauben allerdings keine direkte Aussage darüber, wie seine Äusserungen das Wahlverhalten beeinflussen werden.

Die Befragung fand vor den Ausschreitungen vom 17. Oktober und vor Trumps jüngster Stellungnahme statt. Sie misst somit weder die politische Wirkung der Unruhen noch den möglichen Einfluss seiner Unterstützung auf Le Pens Wahlchancen.

Denkbar sind unterschiedliche Reaktionen. Innerhalb des nationalkonservativen Lagers könnte Trumps Anerkennung als Bestätigung der internationalen Bedeutung Le Pens verstanden werden. Bei gemässigten oder bislang unentschlossenen Wählern könnte dieselbe Nähe dagegen Vorbehalte verstärken.

Entscheidend wird deshalb sein, ob Le Pen die Aufmerksamkeit aus Washington nutzen kann, ohne ihre politische Eigenständigkeit infrage stellen zu lassen.

Für Le Pen ist das amerikanische Lob deshalb ein zweischneidiges Signal. Es stärkt ihre internationale Sichtbarkeit, könnte aber gerade jene Wähler abschrecken, die sie für einen Sieg in einer möglichen zweiten Runde der Präsidentschaftswahl benötigt.

Auch ihre juristische Situation bleibt trotz der Entscheidung des Berufungsgerichts nicht vollständig geklärt. Le Pen hat den Kassationsgerichtshof angerufen. Dessen Entscheidung könnte vor der Präsidentschaftswahl 2027 weitere rechtliche Fragen aufwerfen.

Die Episode verdeutlicht letztlich eine politische Asymmetrie. Trump kann Marine Le Pen loben, ohne dafür in Frankreich unmittelbare wahlpolitische Kosten tragen zu müssen. Le Pen dagegen muss berücksichtigen, wie ihre französischen Wähler eine solche Nähe zu Washington beurteilen.

Für den amerikanischen Präsidenten liegt der unmittelbare Nutzen ohnehin im eigenen Land. Die Ausschreitungen in Frankreich liefern ihm Bilder, mit denen er seine innenpolitischen Warnungen vor Migration, Unsicherheit und gesellschaftlicher Destabilisierung illustrieren kann.

Marine Le Pen steht damit vor einer Aufgabe, die über das Verhältnis zu Trump hinausgeht: Sie muss sich als eigenständige französische Präsidentschaftsanwärterin präsentieren, während internationale politische Verbündete versuchen, die französische Krise für ihre jeweiligen nationalen Interessen zu nutzen.

Ob Trumps Worte ihr auf dem Weg zum Élysée helfen, bleibt offen. Sicher ist lediglich, dass seine politische Anerkennung keine offizielle Wahlempfehlung ersetzt – und internationale Aufmerksamkeit nicht zwangsläufig in zusätzliche Stimmen mündet.

Autor: P. Tiko

Ende des Artikels