Aktuell · 05.07.2026 20:06
Avignon 2026: Rébecca Chaillon kontert mit “La Parabole du Seum” – ein radikales Gegengift
Im 80. Festival d’Avignon entfaltet Rébecca Chaillon eine dichte, teils mystische Parabel über Wut, Widerstand und Resilienz. Ihre neue Produktion rückt Ränder ins Zentrum und setzt auf theatral-poetische Wucht.
Avignon – 05.07.2026: Im Herzen des 80. Festival d’Avignon hat Rébecca Chaillon mit "La Parabole du Seum" eine Arbeit vorgelegt, die zugleich kämpferisch und kontemplativ ist. Die Uraufführung, die in dieser Saison in Frankreich gezeigt wird, verbindet eine dystopische Erzählung mit Elementen, die an Mystik und rituelle Formen erinnern und dabei klare politische Linien zieht.
Die Inszenierung führt ein Ensemble von darstellenden Künstlerinnen und Künstlern, das zwischen heiteren und schroffen Tonlagen wechselt. Chaillon, die sich in früheren Stücken mit Körper, Identität und postkolonialen Fragestellungen beschäftigt hat, verschiebt diesmal die Perspektive zugunsten einer kollektiven Resilienz: Die Wut – im französischen Slang seum – wird nicht nur als Affekt gezeigt, sondern als Treibstoff für eine neue Erzählung. Der Abend lädt ein, Emotionen als Ressource zu lesen, ohne sie zu romantisieren.
Bühne, Licht und Video treten als eigenständige Stimmen auf. Die Bildgestaltung von Camille Riquier und die Klangarbeit von Élisa Monteil verweben Projektionen, Schatten und Bassläufe zu einem dichten Atlas der Stimmungen. Die Choreografie der Bilder öffnet intime Räume, um dann wieder in kollektive Energieschübe zu kippen. Dieser Wechsel hält die Spannung hoch und konterkariert vertraute Erwartungshaltungen an das politische Theater.
Die Sprache oszilliert zwischen Fabel und Gegenwartsdiagnose. Chaillon nutzt die Parabelform, um komplexe soziale Verhältnisse zu bündeln: Erfahrungen von Randständigkeit werden ins Zentrum gerückt, ohne in moralisierende Belehrung zu verfallen. Stattdessen entsteht ein Raum, in dem Widerstand als alltägliche Praxis sichtbar wird – leise, beharrlich und mit Humor, wo er trägt.
Die künstlerische Ko-Regie mit Céline Champinot bringt eine Präzision in Tempo und Gestus, die das Material klärt, ohne es zu glätten. Schauspielerische Einwürfe, Momente der Stille und direkte, fast essayistische Passagen wechseln einander ab; das Ergebnis ist zutiefst theatralisch und poetisch aufgeladen. Dass die Produktion als Koproduktion unter anderem mit dem Théâtre Public de Montreuil und dem Festival selbst entsteht, verweist zugleich auf ein Netzwerk, das neue Erzählweisen in der französischen Theaterszene sichtbar macht.
Im Spannungsfeld von Radikalität und Zärtlichkeit wirkt "La Parabole du Seum" wie ein antidotisches Angebot an ein Publikum, das nach anderen Formen des Zusammenlebens sucht. Die Aufführung fordert Aufmerksamkeit – und die Bereitschaft, eigene Wut und Traurigkeit als produktive Energie zu denken. Für Avignon markiert das Stück damit einen der programmatischen Abende dieser Ausgabe: formal risikofreudig, politisch klar und mit einer Bühnenpoesie, die nachhallt.
Quellen
- Franceinfo (RSS-Beitrag)
- Festival d'Avignon (Programmseite)
- La Garance (Produktionstext)
- Kaaitheater / Tourdaten