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„Wir geben nichts auf“ – Wie Gisèle Pelicot zur Stimme einer neuen feministischen Bewegung in Frankreich wurde

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Screenshot X / @Helenebidard
Tag & Nacht

Ein sonniger Sonntagnachmittag in Paris. Zwischen der Place de la République und den großen Boulevards im Osten der Stadt drängen sich Tausende Menschen auf der Straße. Transparente flattern im Wind, Trommeln schlagen einen gleichmäßigen Rhythmus, Sprechchöre hallen durch die Häuserschluchten.

Es ist der 8. März – der Internationale Tag der Frauenrechte.

Doch in diesem Jahr liegt eine besondere Spannung in der Luft.

An der Spitze des Demonstrationszuges steht eine Frau, deren Geschichte Frankreich tief erschüttert hat: Gisèle Pelicot. Als sie kurz das Wort ergreift, sagt sie nur einen einzigen Satz.

„On ne lâchera rien!“

Wir geben nichts auf.

Die Worte dauern kaum einen Augenblick – doch die Reaktion ist überwältigend. Applaus brandet auf, Menschen rufen ihren Namen, manche kämpfen sichtbar mit den Tränen. Für viele Demonstrierende ist ihre Anwesenheit mehr als ein symbolischer Akt. Sie steht für Mut, für Widerstand – und für einen gesellschaftlichen Wandel, der gerade erst begonnen hat.

Die 73-jährige Pelicot bleibt nur wenige Minuten im Demonstrationszug. An ihrer Seite läuft ihre Tochter Caroline Darian, die sich inzwischen selbst öffentlich gegen sexualisierte Gewalt und sogenannte chemische Unterwerfung engagiert.

Dann verschwindet Pelicot wieder aus der Menge.

Aber ihre Worte bleiben.

Der Demonstrationszug setzt sich gegen halb drei in Bewegung. Gewerkschaften, feministische Initiativen, Studierendenverbände – sie alle haben zum Protest aufgerufen. Familien mit Kindern laufen neben Aktivistinnen, ältere Frauen neben jungen Studierenden.

Paris zählt an diesem Tag über hunderttausend Demonstrierende. In ganz Frankreich gehen in mehr als hundert Städten Menschen auf die Straße.

Die Forderungen sind vielfältig: gleiche Bezahlung, besserer Schutz vor Gewalt, mehr politische Aufmerksamkeit für Frauenrechte.

Doch über allem schwebt an diesem Nachmittag eine Geschichte.

Die Geschichte von Gisèle Pelicot.

Über Jahre hinweg wurde sie Opfer eines unfassbaren Verbrechens. Zwischen 2011 und 2020 betäubte ihr damaliger Ehemann sie regelmäßig mit Medikamenten. In diesem Zustand ließ er fremde Männer in die gemeinsame Wohnung kommen, die sie vergewaltigten.

Mehr als zweihundert Taten dokumentierte die Polizei später auf Videoaufnahmen.

Pelicot selbst erfuhr erst 2020 davon – als Ermittler das Material auf dem Computer ihres Mannes entdeckten.

Der Prozess erschütterte Frankreich. Und er löste eine Debatte aus, die weit über den Gerichtssaal hinausging.

Besonders bemerkenswert: Gisèle Pelicot verzichtete bewusst auf ihre Anonymität. Sie wollte, so erklärte sie, dass nicht länger die Opfer sich verstecken müssen.

„Die Scham muss die Seite wechseln“, sagte sie damals.

Dieser Satz verbreitete sich im ganzen Land. Plötzlich tauchte er auf Demonstrationen, in sozialen Netzwerken und auf Transparenten auf.

Der Haupttäter, ihr Ex-Mann Dominique Pelicot, erhielt schließlich eine Haftstrafe von zwanzig Jahren.

Doch der Prozess hinterließ mehr als ein juristisches Urteil. Er öffnete vielen Menschen die Augen. Sexualisierte Gewalt, so wurde klar, findet nicht nur in dunklen Gassen statt. Sie kann mitten im Alltag verborgen liegen – hinter scheinbar normalen Türen.

Gisèle Pelicot selbst wollte nie eine öffentliche Figur sein. Kein politisches Symbol, keine Ikone.

Doch genau das ist sie geworden.

Ihre Haltung im Gerichtssaal, ihre ruhige Entschlossenheit und ihre klare Sprache haben sie zu einer der bekanntesten Stimmen gegen sexualisierte Gewalt gemacht.

International erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, wurde in Listen einflussreicher Persönlichkeiten aufgenommen und später mit der französischen Ehrenlegion geehrt.

Dass sie nun bei einer Demonstration zum Frauentag erscheint, besitzt deshalb enorme Symbolkraft.

Frankreich erlebt seit einigen Jahren eine neue feministische Mobilisierung. Die #MeToo-Bewegung hat auch hier Spuren hinterlassen, doch lange blieb das Land gegenüber radikaleren Forderungen ambivalent.

Der Pelicot-Prozess hat diese Haltung verändert.

Plötzlich sprechen Menschen offener über Gewalt, über Machtstrukturen, über Verantwortung.

Auf Demonstrationen tauchen Slogans auf wie „Wir sind alle Gisèle“. Und immer wieder derselbe Satz:

Die Scham muss die Seite wechseln.

Als sich der Demonstrationszug schließlich durch Paris bewegt, ist Pelicot längst wieder verschwunden. Kein großes Interview, kein langer Auftritt.

Nur dieser eine Satz.

Vier Worte.

Und irgendwie spürt man in der Menge: Genau das reicht.

Denn manchmal genügt eine Stimme, um eine Bewegung sichtbar zu machen.

Und manchmal beginnt eine gesellschaftliche Veränderung genau so – mit einem einzigen Satz, der plötzlich durch eine ganze Stadt hallt.

Autor: C.H.






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