Manchmal häufen sich an einem einzigen Datum Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – und doch ein feines Netz historischer Verbindungen spinnen. Der 18. November gehört zu diesen Tagen. Er zieht sich wie ein roter Faden durch politische Umbrüche, kulturelle Meilensteine und gesellschaftliche Debatten. Werfen wir einen Blick auf diesen besonderen Tag – in Frankreich und weltweit.
Frankreich: Die Geburt von Charles-Michel de l’Épée – Vater der Gebärdensprache
Am 18. November 1712 wurde in Versailles ein Mann geboren, der für die Gehörlosengemeinschaft zu einem Helden wurde: Charles-Michel de l’Épée. Als Priester und Pädagoge entwickelte er eine systematische Gebärdensprache für taube Menschen – in einer Zeit, in der man sie meist als „unbildbar“ abstempelte. Seine Pariser Schule für Gehörlose wurde später das Vorbild für viele ähnliche Einrichtungen weltweit.
Er hatte die Vision, allen Menschen Zugang zu Bildung zu verschaffen – ganz gleich, ob sie hören konnten oder nicht. Ein bisschen revolutionär war das schon, zumal es mitten ins Herz des Ancien Régime traf, in dem soziale Teilhabe ein Privileg war. Heute sind Gebärdensprachen in vielen Ländern als vollwertige Sprachen anerkannt – ein indirektes Vermächtnis de l’Épées.
1938: Frankreich erkennt die Tschechoslowakei de jure an
Ein weniger bekannter, aber symbolträchtiger Akt französischer Außenpolitik geschah am 18. November 1938: Die Regierung in Paris erkannte die Zweite Tschechoslowakische Republik nach dem Münchner Abkommen offiziell an. Ein seltsamer Moment – denn Frankreich war Mitunterzeichner eben jenes Abkommens, das große Teile der Tschechoslowakei an Hitlerdeutschland abtrat.
Diese Anerkennung wirkte wie ein Pflaster auf eine klaffende Wunde. Denn schon bald zeigte sich, dass die Appeasement-Politik gescheitert war. Die Lehren daraus? Politische Zugeständnisse an aggressive Diktaturen führen selten zu nachhaltigem Frieden. Ein Echo, das bis in die Gegenwart nachhallt – man denke an aktuelle geopolitische Konflikte.
Europaweit: 1928 – Die Uraufführung von „Steamboat Willie“
Weg von der Politik, rein ins Kino: Am 18. November 1928 feierte ein gewisser Micky Maus sein Debüt in „Steamboat Willie“. Walt Disney präsentierte mit diesem Kurzfilm die erste vollständig vertonte Zeichentrickproduktion der Welt. Die popkulturelle Wucht dieses Moments lässt sich kaum überschätzen – Micky wurde nicht nur das Maskottchen des Disney-Imperiums, sondern ein globales Symbol für die amerikanische Kulturindustrie.
Man könnte sagen: An diesem Tag wurde Popkultur neu erfunden.
Spanien 1976: Das Ende einer Diktatur
Nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1975 trat sein Nachfolger König Juan Carlos am 18. November 1976 ein demokratisches Reformgesetz in Kraft – ein echter Paukenschlag. Die spanische Cortes verabschiedete das Gesetz zur politischen Reform, das den Weg zur ersten freien Wahl seit 1936 ebnete.
Was folgte, war der Wandel Spaniens von einer autoritären Militärdiktatur hin zur parlamentarischen Monarchie – und das in vergleichsweise friedlichen Bahnen. Heute gilt dieser Übergang als Lehrstück für gelungene Transformation, auch wenn die Schatten der Diktatur bis heute politische Debatten beeinflussen.
USA 1978: Jonestown – die Tragödie von Guyana
Ein dunkler Fleck in der Geschichte fällt ebenfalls auf den 18. November: das Massaker von Jonestown. Der selbsternannte Prophet Jim Jones führte seine Anhänger – über 900 Menschen – in den Tod. In einer apokalyptischen Mischung aus Wahn, Manipulation und kollektiver Verzweiflung starben Männer, Frauen und Kinder durch Gift oder Schusswaffen.
Diese Tragödie war mehr als nur ein Kultdrama. Sie stellte brennende Fragen nach der psychologischen Anfälligkeit von Gruppen, dem Missbrauch religiöser Macht und der Ohnmacht staatlicher Institutionen – Fragen, die auch heute noch unter den Nägeln brennen. Warum folgen Menschen blind autoritären Führern?
Lettland: Unabhängigkeit im Jahr 1918
Ein freudiger Meilenstein fällt ebenfalls auf den 18. November: Die Proklamation der Unabhängigkeit Lettlands im Jahr 1918. Mitten im Chaos des Ersten Weltkriegs und den Nachwehen der russischen Revolution erklärte sich das kleine baltische Land für souverän. Der Weg war steinig, die Geschichte Lettlands seither geprägt von Okkupation, Widerstand und Wiedergeburt.
Seit 1991 ist Lettland erneut unabhängig – und heute Mitglied der EU sowie der NATO. Ein Paradebeispiel dafür, wie nationale Identität über Generationen hinweg bewahrt werden kann, selbst unter fremder Herrschaft.
Frankreich 1987: Prozess gegen Klaus Barbie
Ein weiteres Kapitel französischer Geschichte wurde am 18. November 1987 geschlossen – zumindest juristisch. An diesem Tag bestätigte das Kassationsgericht in Paris das Urteil gegen Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“. Der ehemalige Gestapo-Chef war wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Der Prozess war mehr als eine juristische Aufarbeitung: Er war ein moralischer Weckruf. Die französische Gesellschaft musste sich – Jahrzehnte nach dem Krieg – mit eigenen blinden Flecken auseinandersetzen. Barbie wurde zum Symbol für die verdrängte Kollaboration und das zögerliche Erinnern.
Kurios: Nationaltag des „Apple Cider“ in den USA
Ganz nebenbei: Der 18. November ist in den USA auch der „National Apple Cider Day“. Kein historisches Schwergewicht, zugegeben – aber eine Erinnerung daran, dass sich Alltag und Geschichte oft auf kuriose Weise berühren. Während also in Spanien ein Diktator gestürzt wurde, tranken andere gemütlich Apfelwein.
Und heute?
Der 18. November hat sich über Jahrhunderte hinweg als Schnittpunkt tiefgreifender Veränderungen erwiesen. Von Bildungspionieren über Revolutionen bis hin zu Popkultur und Justiz – dieser Tag zeigt, wie unterschiedlich historische Spuren aussehen können.
Und doch verbindet sie alle etwas: Der Drang, etwas zu verändern. Mal leise, mal laut. Mal tragisch, mal triumphal.
Vielleicht lohnt es sich, an diesem Datum einmal innezuhalten und sich zu fragen: Was würden wir ändern – wenn heute Geschichte geschrieben würde?
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