Tag & Nacht


Der 29. Juli hat es in sich. Quer durch die Jahrhunderte taucht dieses Datum immer wieder in Geschichtsbüchern auf – mal leise, mal laut, mal weltverändernd. Und wie so oft: Frankreich spielt eine Hauptrolle.


Weltweit

Zunächst ein Blick hinaus in die Welt. Am 29. Juli 1958 wurde in den USA eine Behörde gegründet, die das 20. Jahrhundert mitgestaltet hat wie kaum eine andere – die NASA. Mitten im Kalten Krieg wurde sie als Antwort auf den sowjetischen Vorsprung im All ins Leben gerufen. Raketen, Raumanzüge, der erste Schritt auf dem Mond – das alles nahm an diesem Tag seinen institutionellen Anfang.

Ein halbes Jahrhundert zuvor, 1909, übernahm General Motors den damals noch jungen Autobauer Cadillac. Eine Fusion, die zeigt, wie eng Fortschritt und Kapitalinteressen verknüpft sind. Heute würde man sagen: ein Big Player schluckt einen zukünftigen Star – und setzt damit Maßstäbe in Sachen Technik und Prestige.

Weniger glorreich, aber umso tragischer war der 29. Juli 1967. Auf einem US-amerikanischen Flugzeugträger ereignete sich eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte der Navy. Eine fehlgeleitete Rakete zündete ein Inferno, das über 130 Menschen das Leben kostete. Eine Katastrophe, aus der die militärische Sicherheitskultur viele Lehren zog – mit bitterem Beigeschmack.



Und dann war da noch ein Junge mit einer Idee: Robert Baden-Powell, der im Jahr 1907 mit einer kleinen Gruppe von Jugendlichen auf einer Insel zeltete. Daraus entstand die weltweite Pfadfinderbewegung – und die nahm am 29. Juli offiziell ihren Anfang. Bis heute begegnet man ihren Idealen überall: Gemeinschaft, Naturverbundenheit, Verantwortung.

Nicht zu vergessen: In der Literaturwelt erschien 1954 an diesem Tag der erste Teil eines Werkes, das ganze Generationen in eine Fantasiewelt entführte – der Herr der Ringe begann seine Reise.


Frankreich – Ein Land im Umbruch

Wenige Tage, drei Revolutionstage, ein König, der stürzt. Am 29. Juli 1830 war Paris in Aufruhr – buchstäblich. Die sogenannten „Drei glorreichen Tage“ fanden an diesem Tag ihren Höhepunkt. Charles X., letzter Bourbonenkönig auf dem Thron Frankreichs, verlor die Kontrolle. Truppen liefen über, das Volk errichtete Barrikaden, die Nationalgarde formierte sich neu – und an ihrer Spitze: der alte Haudegen La Fayette.

Am Abend des 29. Juli stand fest: Das alte Regime war passé. In den folgenden Tagen wurde Louis-Philippe, ein moderater Vertreter des Hauses Orléans, als neuer König eingeführt – nicht mehr durch Gottesgnadentum, sondern mit einem politischen Auftrag. Die sogenannte Julimonarchie begann. Sie war liberaler, aber nicht republikanisch. Ein typisch französischer Kompromiss also – irgendwo zwischen Revolution und Restauration.

Wenig später, im Jahr 1836, wurde ein weiteres Symbol französischer Geschichte genau an diesem Tag eingeweiht: der Arc de Triomphe. Dieses monumentale Bauwerk krönt bis heute den Place Charles de Gaulle. Der Bogen, den Napoleon einst in Auftrag gab, wurde nun fertiggestellt – und verband die republikanische Idee mit dem imperialen Erbe. Ein Triumph in Stein, ein Denkmal für gefallene Soldaten, ein Ort nationaler Erinnerung.

Ein anderer 29. Juli in Frankreich bringt juristische Tinte statt Blut: 1881 trat ein Gesetz in Kraft, das bis heute als Fundament der französischen Pressefreiheit gilt. Die Redefreiheit wurde gestärkt, Zensur beschnitten. Auf einmal durfte plakatiert, gedruckt, diskutiert werden – solange es nicht gegen das Gesetz verstieß. Ein Meilenstein, der zeigte: Demokratie braucht eine freie Presse wie ein Segelboot den Wind.

Nicht zu vergessen: 1890 verstarb an diesem Tag Vincent van Gogh. Der niederländische Maler lebte zuletzt in einem kleinen Ort unweit von Paris. Seine Werke waren zu Lebzeiten kaum gefragt – heute hängen sie in den bedeutendsten Museen der Welt. Auch das ist der 29. Juli: ein Tag, an dem Genie und Tragik sich die Hand geben.


Kleine Randnotizen mit großer Wirkung

Schon 1108 wurde an diesem Datum der französische König Philippe I. beerdigt. Sein Sohn Louis VI. trat die alleinige Herrschaft an – und ließ sich fortan als „König von Frankreich“ bezeichnen. Es war der erste Monarch, der diesen Titel in genau dieser Form trug. Ein sprachlicher Schritt mit symbolischer Wucht.

In ferneren Ländern schlossen die USA am 29. Juli 1858 ein Abkommen mit Japan – das sogenannte Harris-Abkommen. Damit öffnete sich das Kaiserreich dem westlichen Handel. Ein diplomatisches Ereignis, das das Verhältnis zwischen Ost und West dauerhaft veränderte.


Was bleibt?

Der 29. Juli ist ein Tag des Übergangs. Revolutionen enden, Monarchien wandeln sich, Raumfahrt beginnt. Alte Könige verschwinden in der Geschichte, neue politische Konzepte erblicken das Licht der Welt. Was gestern noch unantastbar war – ein König, ein System, ein Dogma – kann heute schon am Pranger stehen. Und umgekehrt: Was einst belächelt wurde, wie die Idee der Pfadfinder oder ein kauziger Maler aus den Niederlanden, ist plötzlich weltbewegend.

Ist das nicht faszinierend? Ein einziges Datum, so viele Geschichten – und jede davon ein Puzzlestück unserer Gegenwart.

Denn mal ehrlich: Wer heute unter dem Arc de Triomphe steht, an einer Demonstration teilnimmt oder einen Sternenhimmel bewundert, der lebt ein Stück 29. Juli mit.

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