Tag & Nacht


Ich bin wütend.
Enttäuscht.
Erschüttert.

Nicht, weil die Verhandlungen in Genf schwierig waren – das war zu erwarten. Sondern weil sie entlarvend waren. Entlarvend für ein System, das vorgibt, die Menschheit zu retten, während es still und leise ihrer Zerstörung zustimmt.

Am 15. August 2025 ist in Genf nicht nur ein Vertrag gescheitert. Es ist ein politisches Armutszeugnis ausgestellt worden – schwarz auf weiß. Kein Wort zu Produktionsgrenzen. Kein Schutz vor giftigen Plastikchemikalien. Kein Cent für ärmere Länder, die im Müll der Reichen ersticken.

Und warum?



Weil eine Handvoll Staaten – angeführt von Saudi-Arabien, den USA und Russland – sich weigern, das Plastikproblem an der Wurzel zu packen. Weil sie ihre schmutzigen Geschäftsmodelle über das Überleben von Millionen stellen. Weil ihre Macht auf Öl, Gas, und billigem Kunststoff basiert – und sie nichts aufgeben wollen.

Sagen wir es, wie es ist:
Diese Blockadepolitik ist kein politischer Kompromiss.
Sie ist eine Kapitulation vor Konzerninteressen.
Eine Bankrotterklärung gegenüber der Wissenschaft.
Ein schallender Schlag ins Gesicht aller Kinder, die in einer vermüllten Welt aufwachsen.

Ich habe Kinder. Und ich habe keine Lust mehr auf Lippenbekenntnisse.

Was sind das eigentlich für Verhandler, die wissen, dass Mikroplastik im Blutkreislauf zirkuliert – und trotzdem alles beim Alten lassen? Die hören, dass Plastik die Fruchtbarkeit senkt, das Krebsrisiko erhöht, das Ökosystem zerstört – und dann „Abfallmanagement“ vorschlagen, als reiche das aus?

Was kommt als Nächstes? Müllsortierung auf dem Meeresgrund?

Die Wahrheit ist: Wir wissen, wie man Plastikproduktion reduziert. Wir wissen, wie man gefährliche Chemikalien ersetzt. Und wir wissen, wie viel Zeit uns bleibt. (Spoiler: Nicht viel.)

Aber wir leben in einer Welt, in der Petrochemie-Vertreter sich in UN-Verhandlungen setzen dürfen, als wären sie Teil der Lösung – und nicht das Kernproblem. In der ihre „roten Linien“ mehr zählen als die wissenschaftlich bewiesene Notwendigkeit zu handeln. In der Demokratien vor Lobbyismus einknicken.

Ich frage mich: Wann haben wir eigentlich akzeptiert, dass Wirtschaftsinteressen nicht verhandelbar sind – Menschenleben dagegen schon?

Der Entwurf von Genf ist eine moralische Bankrotterklärung. Eine Plastikhülle, durchsichtig, leer, gefährlich. Symbolisch – und zugleich symptomatisch für das Versagen unserer Zeit.

Wollt ihr wissen, wie sich Ohnmacht anfühlt?
Wenn man mit Dutzenden Wissenschaftler:innen jahrelang Daten zusammenträgt, Studien schreibt, Aufklärung betreibt – und am Ende steht ein Vertrag, in dem das Wort „Produktion“ nicht mal mehr vorkommt?

Dann fühlt man: Das ist nicht mehr nur ein Scheitern.
Das ist ein Verrat.

Ein Verrat an der Wissenschaft.
Ein Verrat an der Gerechtigkeit.
Ein Verrat an der Zukunft.

Und ja, das macht mich mehr als nur wütend.
Es macht mich radikal. Im Denken. Im Fordern.

Wenn internationale Verhandlungen versagen, müssen wir handeln – von unten, lokal, zivilgesellschaftlich, politisch unbequem. Wir müssen die Namen der Blockierer nennen. Ihre Argumente sezieren, entlarven. Die Profiteure isolieren.

Wir brauchen endlich eine Bewegung, die sagt: „Genug. Kein Milligramm mehr.“

Denn es geht nicht um Plastik. Es geht um Macht über unsere Gesundheit – unser Leben.
Und darum, wem wir sie überlassen.

Autor: Andreas M. Brucker

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