Tag & Nacht


Der Winter zeigt in Frankreich sein raues Gesicht. Schnee, Eis und klirrende Kälte haben den Westen, den Norden und das Herz des Landes erreicht – mit einer Wucht, die selbst abgebrühte Pendler kurz innehalten lässt. Wer an diesem Montag unterwegs ist, spürt: Das hier ist kein harmloser Wintergruß, sondern eine Wetterlage, die Aufmerksamkeit fordert.

Von der Atlantikküste bis in den Großraum Paris zieht sich ein breites Band aus Schneefall und Glätte. Météo-France spricht von teils kräftigen Schneefällen, die sich von der Bretagne über die Normandie bis ins Bassin parisien erstrecken. Auch die Pays de la Loire und das frühere Poitou-Charentes geraten ins Visier der Wetterdienste. Lokal, so die Prognosen, können bis zu 15 Zentimeter Neuschnee zusammenkommen. Fünfzehn Zentimeter – das klingt nach Winterromantik, bedeutet auf den Straßen jedoch Stress pur.

26 Départements stehen an diesem 5. Januar unter Warnstufe Orange. Die Liste liest sich wie ein Atlas des französischen Westens und Nordens: Calvados, Charente-Maritime, Côtes-d’Armor, Eure, Eure-et-Loir, Finistère, Ille-et-Vilaine, Loire-Atlantique, Maine-et-Loire, Manche, Mayenne, Morbihan, Oise, Orne, Paris, Sarthe, Seine-Maritime, Seine-et-Marne, Val-de-Marne, Val-d’Oise, Yvelines, Deux-Sèvres, Vendée, Essonne, Hauts-de-Seine und Seine-Saint-Denis. Eine geografische Schneise, die Millionen Menschen betrifft – und ihren Alltag für Stunden, vielleicht Tage, aus dem Takt bringt.

Die Warnung der Behörden klingt nüchtern, ist aber eindeutig. Vorsicht bei allen Wegen, heißt es. Wer nicht unbedingt raus muss, bleibt besser drinnen. Wer fahren muss, plant Zeit ein, viel Zeit. Denn der Schnee fällt nicht nur am Tag. In der Nacht von Montag auf Dienstag droht die nächste Falle: kräftige Bodenfröste. Der frisch gefallene Schnee friert an, verwandelt Nebenstraßen in Rutschbahnen und Hauptachsen in Geduldsproben. Bis in den Dienstagmorgen hinein bleiben die Verkehrsbedingungen heikel – ein Wort, das hier mehr ist als eine Floskel.



Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Meteorologen halten eine Ausweitung der Warnstufe für möglich, insbesondere in Richtung Hauts-de-France. Dort könnte der Winter ebenfalls nachlegen. Wer glaubt, der Schnee bleibe brav im Westen, dürfte sich täuschen.

Besonders spürbar sind die Folgen für Familien. In mehreren Départements wurde der Schülertransport vorsorglich ausgesetzt. Betroffen sind unter anderem die Manche, die Seine-Maritime, die Eure, der Calvados und die Orne sowie in der Bretagne Ille-et-Vilaine, das Finistère und die Côtes-d’Armor. Schulbusse bleiben in den Depots, Kinder am Küchentisch. Für viele Eltern bedeutet das Improvisation am Montagmorgen – Homeoffice, Großeltern, Nachbarn. Man kennt das, aber schön ist anders.

Auch der Güterverkehr gerät ins Stocken. In der Normandie wurden die kommerziellen Buslinien in vier der fünf betroffenen Départements eingestellt. In der Bretagne geht man noch einen Schritt weiter. In Ille-et-Vilaine wird der Verkehr für Lastwagen über 7,5 Tonnen auf bestimmten Achsen eingeschränkt. Ein klarer Schnitt, der die Sicherheit erhöhen soll, zugleich aber Lieferketten unterbricht. Supermärkte, Baustellen, Logistikzentren – sie alle spüren, wie fragil der reibungslose Ablauf im Winter sein kann.

Schnee hat in Frankreich immer auch eine emotionale Komponente. In Paris zaubert er für einen Moment Stille in eine sonst rastlose Stadt. Reifen knirschen, Schritte werden vorsichtiger, der Boulevard wirkt plötzlich entschleunigt. Gleichzeitig reicht ein einziger liegengebliebener Bus, um den Verkehr lahmzulegen. Romantik und Realität prallen aufeinander, wie so oft.

Meteorologisch betrachtet ist die Lage kein Jahrhundertereignis, aber auch kein gewöhnlicher Wintertag. Die Kombination aus feuchter Luft, sinkenden Temperaturen und flächigem Niederschlag sorgt für diese unangenehme Mischung aus Schnee und Eis. Für die Einsatzkräfte bedeutet das Dauereinsatz, für Kommunen Salzverbrauch im Akkord, für Autofahrer eine Geduldsprüfung. Und ja, das ist so ein Tag, an dem man sich denkt: Hätte ich doch die Bahn genommen – wenn sie denn fährt.

Der Blick richtet sich nun auf die kommenden Stunden. Bleiben die prognostizierten Mengen stabil, oder legt das Tief noch einen drauf? Die Wetterdienste beobachten die Entwicklung engmaschig. Für die Bevölkerung gilt vor allem eines: Gelassenheit. Nicht jeder Weg ist heute nötig, nicht jede Abkürzung klug. Winter fordert Anpassung, und manchmal auch Verzicht. Klingt banal, rettet aber Nerven – und Blech.

Am Ende dieses winterlichen Tages wird der Schnee schmelzen, das Eis verschwinden, der Alltag zurückkehren. Doch für ein paar Stunden hält der Winter Frankreich fest im Griff. Und erinnert daran, dass selbst in einem hochentwickelten Land ein paar Zentimeter Schnee reichen, um das große Räderwerk langsamer drehen zu lassen. Tja, so ist das eben im Januar.

Von C. Hatty

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