Man hört ihn, bevor man ihn sieht. Ein tiefes Grollen über dem Meer, dann peitscht der Wind gegen Fensterläden, als wolle er Einlass erzwingen. Tempête Goretti hat Frankreich erreicht – und mit ihr eine Wetterlage, die selbst abgebrühte Meteorologen kurz innehalten lässt. Rund 50.000 Haushalte sitzen ohne Strom im Dunkeln, während der Sturm mit brachialer Konsequenz über den Norden und Westen des Landes hinwegzieht.
Der erste große Schlag trifft die Bretagne. Dort, wo das Land dem Atlantik trotzt, reißen Böen an Stromleitungen, knicken Bäume um, zerren an Dächern. Etwa 20.000 Haushalte verlieren dort binnen weniger Stunden die Stromversorgung. Der Netzbetreiber Enedis meldet weitere Ausfälle in den Pays de la Loire und in der Normandie. Es sind Zahlen, nüchtern präsentiert – doch hinter jeder steckt eine Küche ohne Licht, ein Wohnzimmer ohne Heizung, ein Alltag im Wartemodus.
Die meteorologische Dramaturgie dieses Sturms folgt einem seltenen Drehbuch. Météo-France versetzt gleich 32 Départements in die Warnstufe Orange wegen extremer Windgeschwindigkeiten. Das Departement Manche jedoch ragt heraus wie ein rotes Ausrufezeichen auf der Wetterkarte. Dort gilt seit Donnerstagabend die höchste Warnstufe. Zwischen 21 Uhr und 3 Uhr nachts rechneten Experten mit einer Sturmphase, die selbst erfahrene Küstenbewohner nervös macht.
Auf dem offenen Meer baut sich eine See auf, die jedes Maß verliert. Die Präfektur maritime der Manche und der Nordsee spricht von einem Sturm „von seltener Intensität“. Worte, die man in behördlichen Mitteilungen nicht leichtfertig wählt. Boote sollen im Hafen bleiben, Ausfahrten werden dringend untersagt. Wer an diesem Abend dennoch hinausfährt, riskiert nicht nur Materialschäden, sondern sein Leben – so klar, so unmissverständlich ist der Ton.
An Land peitscht der Wind mit Geschwindigkeiten, die man sonst eher aus Hurrikanstatistiken kennt. An manchen Küstenabschnitten werden 150 bis 160 Kilometer pro Stunde erwartet, im Binnenland immerhin noch 130 bis 140. Alix Roumagnac, Chef des Risikodienstleisters Predict Services, findet dafür deutliche Worte: Das seien Windstärken, wie man sie von tropischen Wirbelstürmen kenne. Keine Übertreibung, eher eine nüchterne Einordnung.
Die Konsequenzen reichen tief in den Alltag hinein. In der Manche bleiben am Freitag sämtliche Schulen geschlossen. Kindergärten, Grundschulen, Collèges und Lycées – alle Türen bleiben zu. Auch im benachbarten Département Seine-Maritime fällt der Unterricht aus. Eltern organisieren sich hastig, Arbeitgeber reagieren mit Verständnis oder Stirnrunzeln, je nach Branche. Man spürt: Wenn der Staat Schulen schließt, meint er es ernst.
Auch die Mobilität gerät ins Schleudern. Die nationale Bahngesellschaft SNCF stoppt vorsorglich zahlreiche Zugverbindungen. In der Normandie ruht der Bahnverkehr bereits seit Donnerstagabend vollständig, um Reisende und Personal zu schützen. In Centre-Val de Loire werden mehrere TER-Linien eingestellt, in der Bretagne fahren Züge nur eingeschränkt oder gar nicht. In den Hauts-de-France schließlich bleibt der regionale Bahnverkehr bis weit in den Freitagnachmittag hinein ausgesetzt. Wer dort unterwegs sein wollte, bleibt besser zu Hause – oder improvisiert.
Es sind nicht nur Wind und Meer, die Sorge bereiten. In den Alpenregionen Haute-Savoie, Savoie und Hautes-Alpes gilt zusätzlich die Warnstufe Orange wegen Schnee und Glatteis. Während der Norden also gegen orkanartige Böen kämpft, drohen im Südosten blockierte Straßen und gefährliche Passagen. Frankreich erlebt an diesem Donnerstag und Freitag eine meteorologische Vielschichtigkeit, die Rettungsdienste und Verwaltungen gleichzeitig fordert.
Zwischen all den Warnmeldungen, Sperrungen und Zahlen blitzen immer wieder Bilder auf, die sich einprägen. Auf Ouessant schlagen graue Wellen gegen schwarze Felsen, Gischt liegt wie Rauch in der Luft. Strommasten zeichnen sich schief gegen den Himmel, als hätten sie den Halt verloren. Und irgendwo sitzt jemand mit Kerzenlicht am Küchentisch und denkt sich: Na super, ausgerechnet jetzt.
Solche Stürme hinterlassen Spuren, auch wenn sie weiterziehen. Umgestürzte Bäume, beschädigte Leitungen, Tage der Aufräumarbeiten. Für die Einsatzkräfte beginnt nach dem Sturm oft die eigentliche Arbeit. Enedis mobilisiert Techniker aus weniger betroffenen Regionen, um die Stromversorgung so rasch wie möglich wiederherzustellen. Erfahrung zeigt: Das dauert Stunden, manchmal Tage. Geduld gehört dann zur Grundausstattung.
Tempête Goretti erinnert daran, wie fragil moderne Infrastruktur trotz aller Technik bleibt. Ein paar Stunden extremen Wetters genügen, um ganze Regionen in einen Ausnahmezustand zu versetzen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Warnsysteme funktionieren, Informationen schnell verbreitet werden, Entscheidungen konsequent getroffen werden. Das verhindert keine Schäden, aber es rettet Leben.
Wenn der Wind nachlässt und das Meer sich beruhigt, bleibt ein kollektives Durchatmen. Bis dahin gilt: Fenster schließen, Wege vermeiden, Anweisungen befolgen. Klingt banal, ist aber überlebenswichtig. Oder, um es weniger amtlich zu sagen: Heute besser Sofa als Straße.
Und dann zieht Goretti unter dem Namen Elli weiter nach Osten – nach Deutschland.
Autor: C.H.
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