Tag & Nacht


Der Wind kam nicht schleichend.
Er kam wie eine Entscheidung.

In der Nacht von Freitag auf Samstag riss die Tempête Goretti die Normandie aus dem Schlaf. Besonders hart traf es die Manche. Wer dort lebt, kennt Wind. Man wächst mit ihm auf, flucht über ihn, ignoriert ihn. Doch dieser Sturm spielte in einer anderen Liga.

148 Kilometer pro Stunde.
Das klingt nach Statistik.
Bis es das eigene Dach betrifft.


Ein Haus, ein Leben – und ein einziger Moment

Jacqueline Pitron wohnt seit 55 Jahren im selben Haus im Cotentin. Ein ganzes Leben, eingeschrieben in Mauern, Treppenstufen, Fensterrahmen. In jener Nacht hörte sie erst ein Pfeifen, dann ein Krachen. Kurz darauf war klar: Ein Teil des Daches war weg. Einfach fortgerissen.



„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt sie später. Kein Pathos, kein Drama. Nur dieser Tonfall, den Menschen nutzen, wenn sie etwas endgültig einordnen.

Ihr Haus ist unbewohnbar.
Nicht zerstört – verletzt.

Wie viele Erinnerungen passen unter ein Dach? Und was passiert, wenn der Wind sie einfach freilegt?


Wenn Orte plötzlich fremd wirken

Ein paar Kilometer weiter, in Les Pieux, zeigt sich der Sturm am Morgen gnadenlos ehrlich. Sand in den Straßen, als habe das Meer kurz Besitz ergriffen. Fassaden beschädigt, Fenster zerborsten. Häuser, die sonst dem Atlantik trotzen, sehen müde aus.

Der Wind hatte Zeit.
Und er nutzte sie.

Manche Anwohner stehen schweigend vor ihren Häusern. Andere reden viel. Zu viel. Um die Stille nicht hören zu müssen.


Diese Geräusche, die bleiben

Fast alle erzählen vom Lärm.
Nicht laut im klassischen Sinn.
Eher allgegenwärtig.

Ein tiefes Dröhnen, Böen, die um Ecken greifen, Rollläden, die klappern wie lose Gedanken. Türen, die plötzlich nicht mehr schließen. Wer schlafen konnte, hatte Glück. Wer wach lag, zählte Minuten.

Oder betete.
Oder fluchte.

Man rief Nachbarn an. „Hörst du das auch?“
Ja. Jeder hörte es.

Der Sturm machte keine Unterschiede.
Und traf trotzdem jeden anders.


Der Morgen danach – Klarheit tut weh

Mit dem ersten Licht kam die Wahrheit. Auf dem normannischen Küstenstreifen lagen Betonblöcke, die sonst tonnenschwer wirken, einfach verschoben. Rettungsposten auf der Strandpromenade waren zerstört. Terrassen von Restaurants – gestern noch Orte für Gespräche und Kaffee – existierten nur noch als Trümmerfeld.

Die See war in die Straßen gelaufen.
Nicht eingeladen.
Aber sehr bestimmt.

Acht Menschen erlitten leichte Verletzungen. Ein Glück, sagen die Einsatzkräfte. Und man merkt sofort: In solchen Nächten verschiebt sich der Maßstab. Hauptsache lebend.


Stromausfall – wenn Normalität verschwindet

In vielen Haushalten blieb es dunkel. Rund 149.000 Familien in der Normandie hatten zeitweise keinen Strom. Keine Heizung. Kein warmes Licht. Kein Internet – ja, auch das wiegt schwer.

„Die meisten Schäden stammen von umgestürzten Bäumen“, erklärte Frédéric Hardouin, Delegierter von Enedis. Dazu kamen herumfliegende Bleche, Dachteile, alles, was der Wind greifen konnte. Leitungen rissen. Strommasten gaben nach.

2200 Techniker von Enedis.
800 zusätzliche Kräfte.
Alle draußen, bei Wind und Regen.

Man sah sie später auf den Straßen. Schlamm an den Stiefeln. Konzentration im Blick. Müde Gesichter. Und trotzdem dieser kurze Gruß, dieses Nicken. Eine stille Solidarität.


Arbeit im Ausnahmezustand

Strom reparieren heißt klettern, sägen, sichern. Unter Zeitdruck. Und immer mit Blick nach oben – fällt noch ein Baum? Kommt eine weitere Böe?

Viele dieser Techniker kennen solche Nächte. Doch Goretti hatte eine eigene Handschrift. Unberechenbar. Hartnäckig. Nicht spektakulär, sondern zermürbend.

Einer sagt: „Man arbeitet, bis man nichts mehr hört außer dem Wind im Kopf.“
Ein Satz, der hängen bleibt.


Wenn selbst das Atomkraftwerk pausiert

Auch große Systeme reagierten. Der Energieversorger EDF setzte vorsorglich die Reaktorblöcke 1 und 3 des EPR-Kraftwerks in Flamanville außer Betrieb.

Eine Maßnahme aus Sicherheitsgründen.
Routiniert.
Und doch ein Zeichen.

Wenn selbst ein Kernkraftwerk innehält, dann weiß man: Dieser Sturm meint es ernst.


Gespräche auf dem Gehweg

Am Samstagmorgen standen Menschen zusammen. Vor Bäckereien, vor beschädigten Häusern, an Straßenecken. Man tauschte Geschichten aus. Verglich Schäden. Suchte Trost.

„Bei dir auch das Dach?“
„Nur die Garage.“
„Glück gehabt.“

Dieses „Glück gehabt“ klang seltsam. Fast schuldig.

Denn Glück fühlt sich anders an.


Die Küste als Lebensraum – und Risiko

Die Normandie lebt mit dem Meer. Der Atlantik schenkt Arbeit, Identität, Stolz. Doch er fordert auch. Immer häufiger. Immer heftiger.

Stürme wie Goretti wirken nicht mehr wie Ausnahmen. Eher wie Vorboten. Und die Frage schwebt über allem – unausgesprochen, aber präsent: Wie viele solcher Nächte hält eine Region aus?

Und wie viele wir?


Müdigkeit, die tiefer geht

Am Ende dieses Wochenendes lag etwas Schweres über der Manche. Nicht nur Trümmer. Sondern Erschöpfung. Diese besondere Art von Müdigkeit, die nicht vom Arbeiten kommt, sondern vom Aushalten.

Viele sagten: „Jetzt erst mal aufräumen.“
Andere: „Jetzt erst mal schlafen.“

Beides klingt einfach.
Beides ist es nicht.


Was bleibt

Goretti zog weiter.
Wie Stürme es tun.

Zurück blieben beschädigte Häuser, provisorische Dächer, lange Listen für Versicherungen. Und Erinnerungen an eine Nacht, die sich eingebrannt hat.

Vielleicht redet man in ein paar Jahren noch davon.
„Weißt du noch, Goretti?“

Wahrscheinlich schon.

Denn manche Stürme hinterlassen mehr als kaputte Ziegel. Sie verändern den Blick auf Sicherheit, auf Zuhause, auf das, was selbstverständlich schien.

Und vielleicht ist das die leise, unbequeme Wahrheit dieser Nacht.

Ein Artikel von M. Legrand

Neues E-Book bei Nachrichten.fr







Du möchtest immer die neuesten Nachrichten aus Frankreich?
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!