Der 10. Januar fällt selten auf.
Kein gesetzlicher Feiertag, kein großes rotes Kreuz im Kalender, kein Tag, an dem sich die Welt kollektiv frei nimmt. Und doch trägt dieses Datum eine erstaunliche kulturelle Sprengkraft in sich. Denn an genau diesem Tag kamen zwei Menschen zur Welt, die auf sehr unterschiedliche Weise dasselbe taten: Sie befreiten.
Hier die Mode. Dort die Musik.
Hier eine Frau, die Stoffe neu dachte. Dort ein Mann, der Klänge neu fühlte.
Coco Chanel, geboren am 10. Januar 1883.
Rod Stewart, geboren am 10. Januar 1945.
Zwei Geburtstage, über sechzig Jahre auseinander – und doch kreisen beide Lebenswerke um dieselbe Frage:
Wie viel Freiheit erlaubt eine Gesellschaft ihren Menschen wirklich?
Coco Chanel – der Stoff, aus dem Emanzipation genäht ist
Gabrielle Bonheur Chanel wächst in Armut auf. Kein Mythos, kein Märchenanfang mit Spitzentüll und Kronleuchtern. Ihre Mutter stirbt früh, der Vater verschwindet, das Waisenhaus übernimmt. Klosterregeln, karge Mahlzeiten, klare Linien. Vielleicht liegt hier der Ursprung ihrer späteren Ästhetik. Reduktion als Überlebensstrategie.
Mode zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennt wenig Gnade. Frauenkörper stecken in Korsetts, die eher an Rüstungen erinnern als an Kleidung. Die Taille wird gezwungen, der Atem diszipliniert, die Haltung kontrolliert. Weiblichkeit bedeutet: stillstehen, schön sein, gefallen.
Chanel beobachtet – und widerspricht.
Nicht laut, nicht mit Transparenten, sondern mit Stoffen. Jersey, bis dahin Arbeitsmaterial, wird bei ihr alltagstauglich. Röcke verkürzen sich. Schnitte öffnen sich. Schultern dürfen sich bewegen. Frauen können gehen, arbeiten, tanzen, leben.
Kleidung verwandelt sich von Dekoration zu Werkzeug.
Was heute selbstverständlich wirkt, war damals ein Affront. Chanel entwirft keine Mode für Salons, sondern für Straßen, Cafés, Ateliers. Für Frauen, die sich nicht länger als Ornament verstehen, sondern als Akteurinnen ihres eigenen Lebens.
Manche Zeitgenossen reagieren empört. Andere erleichtert. Viele merken erst Jahre später, was sich da verschoben hat.
Denn Chanel entwirft nicht nur Kleider.
Sie entwirft Möglichkeiten.
Freiheit trägt manchmal Schwarz
Das kleine Schwarze.
Ein Kleid, so schlicht, dass es fast unscheinbar wirkt. Und genau darin liegt seine Kraft. Keine Stickereien, keine Korsettstäbe, kein Zwang. Schwarz, gerade, klar.
Ein Kleid, das sagt: Ich brauche nichts, um etwas zu sein.
Dieses Prinzip zieht sich durch Chanels gesamtes Werk. Weniger Schmuck, mehr Haltung. Weniger Zierde, mehr Selbstbewusstsein. Mode als Sprache – leise, aber präzise.
Interessant ist dabei: Chanel bezeichnet sich nie als Feministin. Sie predigt nicht, sie programmiert nicht. Sie lebt vor. Und vielleicht wirkt genau das so nachhaltig. Ihre Entwürfe laden Frauen ein, sich selbst neu zu definieren, ohne ihnen vorzuschreiben, wie diese Definition auszusehen hat.
Ist das nicht die eleganteste Form von Emanzipation?
Debatten von heute, Stoffe von gestern
Wenn wir heute über Körperbilder sprechen, über Gender, über Selbstbestimmung, dann klingt vieles erstaunlich vertraut. Die Begriffe sind neu, die Konflikte nicht. Wer darf sich zeigen? Wer entscheidet über Normen? Wer bestimmt, was angemessen ist?
Chanel beantwortet diese Fragen schon vor über hundert Jahren – mit Schnitten, nicht mit Schlagworten. Ihre Kleidung erlaubt Spielraum. Sie zwingt niemanden in Formen, sondern öffnet Räume.
Und ja, sie bleibt widersprüchlich. Politisch angreifbar, menschlich kompliziert, nicht frei von Schatten. Aber vielleicht liegt auch darin ihre Modernität. Freiheit ist selten makellos.
Sie trägt Gebrauchsspuren.
Ein Sprung ins Jahr 1945 – und eine raue Stimme
Am selben Kalendertag, Jahrzehnte später, kommt Rod Stewart zur Welt. London, Nachkriegszeit. Ruinen, Wiederaufbau, Hoffnung mit brüchiger Stimme. Stewart wächst in einfachen Verhältnissen auf, spielt Fußball, jobbt, hört Musik.
Seine Stimme fällt auf.
Nicht glatt, nicht geschniegelt, nicht geschniegelt genug für klassische Schönheitsideale. Heiser, rau, kratzig – als hätte das Leben selbst daran mitgeschrieben.
In einer Zeit, in der Popmusik zunehmend poliert klingt, bleibt Stewart kantig. Er singt Rock, Folk, Pop, Soul – und lässt sich nicht festlegen. Er wechselt Genres wie andere ihre Jacken, ohne je seine Identität abzugeben.
Das ist kein Zufall.
Popkultur jenseits der Hochglanzfassade
Rod Stewart macht Musik für Millionen, ohne sich anzubiedern. Seine Songs laufen im Radio, in Kneipen, auf Hochzeiten – und doch behalten sie Ecken. Geschichten von Liebe, Verlust, Sehnsucht, Stolz. Keine großen Konzepte, sondern menschliche Momente.
Kulturgeschichte entsteht nicht nur in Museen.
Sie entsteht im Autoradio auf der Autobahn. Im Küchenradio am Sonntagmorgen. Im Stadion, wenn tausende Stimmen mitsingen.
Stewart versteht das intuitiv. Seine Musik spricht nicht von oben herab. Sie steht neben dir, klopft dir auf die Schulter und sagt: Komm, wir ziehen das gemeinsam durch.
Ist das nicht auch eine Form von Freiheit?
Der rote Faden – Haltung statt Perfektion
Was Chanel und Stewart verbindet, ist kein Stil, kein Genre, kein Milieu. Es ist Haltung. Beide verzichten auf Perfektion zugunsten von Authentizität. Beide irritieren Erwartungen. Beide schaffen Raum für Individualität.
Chanel befreit Körper.
Stewart befreit Stimmen.
Und beide zeigen: Massenwirksamkeit schließt Eigensinn nicht aus. Im Gegenteil. Gerade weil sie sich nicht glattbügeln lassen, erreichen sie so viele.
Vielleicht liegt darin eine stille Lektion für unsere Gegenwart.
Freiheit ist kein Trend
Heute wechseln Debatten schnell. Themen kommen, Themen gehen. Körperbilder, Genderfragen, Selbstbestimmung – alles wichtig, alles laut. Manchmal wirkt es, als müsste jede Generation das Rad neu erfinden.
Doch der Blick zurück zeigt: Viele Kämpfe wurden bereits geführt. Nicht abgeschlossen, aber eröffnet. Chanel näht den ersten Spalt ins Korsett der Gesellschaft. Stewart singt gegen das Hochglanzideal der Popindustrie.
Beide liefern keine Antworten für alle Zeiten. Aber sie stellen die richtigen Fragen.
Wie eng darf Mode sein, bevor sie einschränkt?
Wie glatt darf Musik klingen, bevor sie ihre Seele verliert?
Ein Datum, das mehr erzählt, als man denkt
Der 10. Januar bleibt ein stiller Tag. Keine Paraden, keine Feuerwerke. Und vielleicht passt genau das. Denn echte kulturelle Veränderungen kündigen sich selten laut an. Sie schleichen sich ein. Über Kleidung, über Musik, über Alltagsentscheidungen.
Chanel verändert, wie Frauen sich bewegen.
Stewart verändert, wie Männlichkeit klingt.
Beides wirkt bis heute nach.
Und vielleicht lohnt es sich, an solchen Tagen kurz innezuhalten. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Neugier. Was nehmen wir mit? Was ziehen wir an? Was hören wir uns an – und warum?
Denn Freiheit, das zeigt dieser 10. Januar, beginnt oft im Kleinen.
Bei einem Kleid.
Bei einem Song.
Oder bei der Entscheidung, einfach man selbst zu sein.
Ein Artikel von M. Legrand
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!









