Tag & Nacht


Mitten im Januar, wenn Europa oft noch unter einer dicken Schneedecke liegt oder zumindest in grauer Winterstimmung versinkt, spielte sich in der Vergangenheit eine überraschende Fülle an Ereignissen ab. Gerade der 15. Januar hat es historisch in sich – ob politisch, kulturell oder gesellschaftlich.

Beginnen wir mit einem royalen Paukenschlag: Am 15. Januar 1559 wurde Elizabeth I. zur Königin von England und Irland gekrönt. Diese junge Frau, gerade einmal 25 Jahre alt, sollte das Gesicht Englands für mehr als vier Jahrzehnte prägen. In einer von Männern dominierten Welt hielt sie nicht nur die Zügel fest in der Hand – sie führte England in eine kulturelle Blütezeit. Shakespeare, Seefahrt, die ersten Kolonialbestrebungen: Vieles nahm unter ihrer Ägide Fahrt auf. Und sind wir mal ehrlich: Wie viele Königinnen kennt man aus dem Stegreif beim Namen?

Apropos Kolonien: Am selben Tag, im Jahr 1541, geschah in Frankreich ebenfalls etwas Historisches. König Franz I. beauftragte den Abenteurer Jean-François Roberval mit der Besiedlung des Gebiets rund um den Sankt-Lorenz-Strom – dem späteren Neufrankreich, heute Kanada. Frankreich wollte sich nicht lumpen lassen im Wettlauf um die neue Welt. Auch wenn Roberval scheiterte und fast draufging, markiert dieser Auftrag den Beginn der französischen Kolonialgeschichte in Nordamerika.

Ein paar Jahrhunderte später, diesmal in Paris: Am 15. Januar 1826 erscheint die erste Ausgabe einer Zeitung, die sich bis heute hält – Le Figaro. Damals noch ein Satireblatt, wandelte sich das Medium rasch zu einem ernstzunehmenden Presseorgan. Heute zählt es zu den einflussreichsten Zeitungen Frankreichs – der Startschuss dazu fiel an einem grauen Januartag.



Technisch wurde es dann 1892. In Springfield, Massachusetts, veröffentlichte ein gewisser James Naismith die ersten 13 Regeln für ein neues Spiel: Basketball. Dass daraus einmal ein globales Phänomen entstehen würde, bei dem Millionen auf und neben dem Feld mitfiebern, konnte damals keiner ahnen. Und doch – alles begann mit ein paar Körben und einer Idee in einer Turnhalle. Interessant ist dabei: Naismith wollte eigentlich nur Schüler in der kalten Jahreszeit drinnen beschäftigen. Was als Notlösung begann, wurde Weltsport.

Doch zurück nach Frankreich.

Die Affäre Dreyfus – eine tiefgreifende politische und gesellschaftliche Krise des Landes – nahm am 15. Januar 1895 einen ihrer dramatischsten Wendepunkte: Alfred Dreyfus, jüdischer Offizier in der französischen Armee, wird öffentlich der Spionage beschuldigt und auf dem Hof der Militärschule in Paris degradiert. Uniform zerfetzt, Säbel zerbrochen, Demütigung pur. Später stellte sich heraus: Dreyfus war unschuldig. Der Skandal spaltete Frankreich, brachte antisemitische Ressentiments an die Oberfläche und legte die Wurzeln für eine kritische Auseinandersetzung mit Institutionen. Und heute? Die Affäre Dreyfus wird nicht nur in Schulen behandelt, sie wirkt noch immer nach – gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus wieder erschreckend salonfähig wird.

Ein ganz anderer 15. Januar, diesmal im Jahr 1962, führte nach Algerien. Frankreich befand sich mitten in der schwierigen Phase des Abzugs nach dem verlustreichen Algerienkrieg. Der damalige Premierminister Michel Debré gab im Parlament eine Regierungserklärung ab, die deutlich machte: Frankreich zieht sich zurück – aber nicht ohne politische Narben. Der Algerienkrieg hinterließ Wunden auf beiden Seiten. Und noch heute ist das Verhältnis zwischen Frankreich und Algerien geprägt von Spannungen, offenen Fragen, Erinnerungen – und einem Ringen um Versöhnung.

Traurig, aber historisch relevant, ist auch ein Ereignis aus Boston im Jahr 1919: die sogenannte „Melasse-Katastrophe“. Ein riesiger Tank mit Zuckerrohrmelasse explodierte und überflutete die Straßen – 21 Menschen starben, über 100 wurden verletzt. Klingt grotesk, war aber Realität. Heute ist das Ereignis ein Lehrstück in Sachen Sicherheitsstandards, Statik und städtischer Planung. Kaum zu glauben, wie viel Schaden 8,7 Millionen Liter klebrige Masse anrichten können.

Und wie sieht’s in Deutschland aus? Auch hier markiert der 15. Januar einen geschichtlichen Tiefpunkt: 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin ermordet. Die beiden führenden Köpfe der deutschen Arbeiterbewegung waren nach dem gescheiterten Spartakusaufstand verhaftet worden – und wurden dann von rechtsextremen Freikorps ermordet. Ihre Ermordung erschütterte nicht nur die junge Weimarer Republik, sondern entzündete eine Spaltung der linken Bewegung, die bis heute nachwirkt.

Springen wir kurz ins Jahr 2001: An diesem Tag wurde Wikipedia gegründet. Eine der demokratischsten Plattformen des Wissens weltweit. Der 15. Januar ist damit nicht nur ein Tag der Königinnen, Affären und Aufstände – sondern auch der freien Information. Ohne Werbung, ohne Bezahlschranken, aber mit dem Willen, Wissen für alle zugänglich zu machen. Die Idee ist so einfach wie revolutionär – und im Alltag längst nicht mehr wegzudenken.

Ganz zum Schluss noch eine französische Note, die kaum jemand auf dem Schirm hat: Am 15. Januar 1943 wurde der Sänger Georges Delerue geboren. Kaum jemand prägte die französische Filmmusik so stark wie er – über 350 Soundtracks gehen auf sein Konto. Für viele der Inbegriff des französischen Kino-Klangs.

Was sagt uns das alles?

Der 15. Januar ist so etwas wie ein Kaleidoskop der Geschichte – mal tragisch, mal inspirierend, mal absurd. Und manchmal alles zugleich. Es ist einer dieser Tage, an dem Geschichte nicht stillsteht, sondern Tempo aufnimmt – auch wenn es draußen schneit oder regnet.

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