Tag & Nacht


An einem grauen Januartag passiert in Brest etwas, das selbst alteingesessene Bretonen kurz blinzeln lässt. In einer Stadt, die Wind und Wetter gewohnt ist, duftet es plötzlich nach Butter, Vanille und warmer Kindheit. Und zwar nicht ein bisschen, sondern in Dimensionen, die man sonst eher von Sporthallen kennt. Ein Far breton, fast 19 Quadratmeter groß. Kein Tippfehler. Neunzehn. Quadratmeter.

Da steht er also. Still. Golden. Und mächtig.

Wer an diesem Samstag vorbeikommt, bleibt stehen. Manche lachen. Andere zücken ihr Handy. Einige schütteln den Kopf und murmeln ungläubig vor sich hin. Ist das noch Backkunst oder schon Bauwesen?

Ein paar Schritte zurück.



Der Far breton gehört in der Bretagne ungefähr so fest zum Leben wie Regenjacken und salzige Butter. Ein einfacher Kuchen aus Milch, Eiern, Mehl, Zucker und Butter. Kein Schnickschnack. Kein Tamtam. Und genau deshalb lieben ihn alle. Normalerweise kommt er handlich aus dem Ofen, reicht für die Familie, vielleicht für zwei Tage, wenn niemand heimlich ein zweites Stück nimmt. Normalerweise.

In Brest dachte man größer.

Sehr viel größer.


Die Idee entsteht nicht in einem schicken Büro, sondern eher zwischen Kaffeetassen, Mehlsäcken und Gesprächen mit ernsterem Unterton. Ein Ehpad braucht Geld für Renovierungen. Es geht um Würde, um Lebensqualität, um Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und jetzt einen ordentlichen Ort zum Leben verdienen. Was also tun? Tombola? Spendenlauf? Alles schon hundertmal gesehen.

Warum nicht ein Far, den niemand je vergisst?

Und dann nimmt die Sache Fahrt auf.


Drei Tage Arbeit. Zwei Patissières. Dutzende Freiwillige. Eine Logistik, bei der selbst erfahrene Bäcker kurz schlucken. 600 Liter Milch. 60 Kilo gesalzene Butter. 225 Kilo Mehl. 150 Kilo Zucker. 3000 Eier. Zahlen, die man sonst eher aus landwirtschaftlichen Jahresberichten kennt. „Astronomisch“, nennt es die Chefin der Backstube und lacht dabei, als hätte sie selbst noch nicht ganz begriffen, was da gerade entsteht.

Der Teig rührt sich nicht mehr wie Teig. Er bewegt sich wie eine Masse mit eigenem Willen. Jeder Handgriff zählt. Jeder Fehler vervielfacht sich gnadenlos. Und irgendwo zwischen der dritten Nacht und dem vierten Kaffee stellt sich die Frage, die niemand laut ausspricht: Geht das hier überhaupt gut?

Natürlich geht es gut. Anders dürfte man diese Geschichte kaum erzählen.


Der Aufbau allein gleicht einer Choreografie. Zweihundert einzelne Kuchen, sorgfältig gebacken, werden Stück für Stück zusammengesetzt. Keine Lücke. Keine Überlappung. Alles muss passen. Am Ende misst das Werk über acht Meter in der Länge und mehr als zwei Meter in der Breite. Ein Far wie eine Landkarte. Oder wie ein kleines Versprechen.

Als der Gerichtsvollzieher eintrifft, wird es still. Man kennt diesen Moment aus dem Sport. Aus Quizsendungen. Aus Wartezimmern. Einatmen. Anhalten. Hoffen. Messen. Nachrechnen. Noch einmal messen. Dann die Worte, die alles entscheiden: 18,65 Quadratmeter.

Rekord.

Jubel brandet auf. Kein künstlicher. Kein geplanter. Sondern dieser ehrliche, leicht ungläubige Jubel, der aus der Brust kommt, wenn man gemeinsam etwas geschafft hat, das vorher nur eine verrückte Idee war.

Der Far breton aus Brest steht nun offiziell im Coreff Book, dem bretonischen Pendant zum Guinness Buch der Rekorde. Und ja, das fühlt sich gut an.


Doch Rekorde allein füttern niemanden.

Also wird geschnitten. Verkauft. Gelacht. Probiert. 3500 Portionen gehen über die Theke. Menschen jeden Alters greifen zu. „Viel Butter, sehr gut“, sagt ein Mann grinsend und fügt hinzu, dass er heute Abend definitiv nichts mehr essen wird. Solche Sätze hört man nur nach wirklich gutem Kuchen.

Der Erlös fließt direkt in die Ehpad Projekte von Brest. Keine Umwege. Keine Marketingabteilung. Einfach so. Gemeinschaftlich.

Und plötzlich wird klar: Dieser Far ist mehr als ein Rekord. Er ist eine Geste.


Was macht so ein Ereignis mit einer Stadt?

In Brest weiß man, wie sich Zusammenhalt anfühlt. Der Hafen, das Militär, die Geschichte – all das schweißt zusammen. Doch ein Kuchen? Das ist neu. Und vielleicht gerade deshalb so wirkungsvoll.

Kinder schauen mit großen Augen auf das riesige Gebäck. Ältere Menschen erzählen von früher, von Fars, die ihre Großmutter gebacken hat, mit Rosinen oder ohne, je nach Laune. Fremde kommen ins Gespräch. Man tauscht Rezepte aus, Erinnerungen, Telefonnummern. Ein Sonntag, wie er sein sollte.

Wer hätte gedacht, dass Mehl und Milch solche Brücken bauen?


Der Far breton selbst hat eine lange Geschichte. Ursprünglich ein Arme Leute Essen, sättigend, einfach, zuverlässig. Er sollte Kraft geben für lange Tage auf dem Feld oder am Meer. Kein Dessert für feine Gesellschaften, sondern ein ehrlicher Begleiter des Alltags. Und jetzt steht er da, in Übergröße, gefeiert, fotografiert, bestaunt.

Ein bisschen absurd. Ein bisschen poetisch.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz. In einer Welt, die oft zu schnell, zu laut und zu kompliziert wirkt, bringt ein riesiger Kuchen Menschen zusammen. Ohne App. Ohne Anmeldung. Ohne Algorithmus.

Einfach so.


Natürlich läuft nicht alles glatt. Drei Tage Backen hinterlassen Spuren. Müde Beine. Mehlstaub in jeder Falte. Buttergeruch, der sich hartnäckig in Kleidung und Haaren festsetzt. Doch niemand beschwert sich. Im Gegenteil. Man erzählt sich diese Tage noch lange. „Weißt du noch, als wir nachts um zwei den Ofen kontrolliert haben?“ – solche Sätze bleiben.

Und irgendwo mittendrin steht die Erkenntnis, dass Engagement nicht immer leise sein muss. Man darf auch mal groß denken. Oder riesig.


Ist das nun der größte Far aller Zeiten? Ja.

Ist es auch der wärmste? Wahrscheinlich.

Denn hinter jeder Portion steckt Zeit, Mühe und ein echtes Anliegen. Kein Sponsor mit Logo. Keine versteckte Agenda. Nur Menschen, die etwas bewegen wollten. Und es getan haben.

Was bleibt, wenn der letzte Teller gespült ist? Erinnerungen. Ein Eintrag im Rekordbuch. Und renovierte Räume für Menschen, die darauf angewiesen sind. Gar nicht schlecht für einen Kuchen, oder?


Vielleicht fragt man sich beim Lesen: Muss man immer gleich einen Weltrekord brechen, um Gutes zu tun? Natürlich nicht. Aber manchmal hilft es, ein Zeichen zu setzen. Eines, das man sehen, riechen und schmecken kann.

Und mal ehrlich – wann hast du zuletzt etwas gesehen, das so unnötig groß und gleichzeitig so sinnvoll war?


Der Far breton von Brest zeigt, dass Tradition kein Museumsstück ist. Sie lebt. Sie wächst. Und sie passt sich an, ohne ihren Kern zu verlieren. Gesalzene Butter bleibt gesalzene Butter. Gemeinschaft bleibt Gemeinschaft.

Alles andere ist Beigabe.


Am Ende des Tages leert sich der Platz. Der Far ist verschwunden, Stück für Stück. Zurück bleiben Krümel, Lachen und dieses angenehme Gefühl, Teil von etwas gewesen zu sein. Ein Sonntag, der nicht laut war, aber lange nachhallt.

Und irgendwo denkt vielleicht schon jemand: Was backen wir als Nächstes?

Ein Artikel von M. Legrand

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