Wer einmal durch die Altstadt von Menton schlendert, an einem Marktmorgen, wenn die Sonne schräg über die Dächer fällt und der Wind vom Meer her den Duft von Salz und Schalen trägt, der versteht es sofort. Hier geht es nicht einfach um eine Frucht. Hier geht es um Identität. Um Stolz. Um Geschichte, die man riechen, anfassen und – ja – genüsslich essen kann.
Zwischen Gemüseständen, Olivenkörben und laut lachenden Händlern stapeln sich leuchtend gelbe Zitronen. Keine makellosen Einheitsfrüchte aus dem Supermarkt. Sondern Charakterköpfe. Manche rund, manche leicht länglich, jede mit eigener Persönlichkeit. Citron de Menton eben.
Ein Zitronenduft, der hängen bleibt.
Und plötzlich stellt sich eine Frage, fast automatisch: Wie schafft es eine kleine Stadt an der Côte d’Azur, mit einer einzigen Frucht weltweiten Ruhm zu ernten?
Eine Zitrone mit Geschichte – und Haltung
Der Citron de Menton wächst hier seit über 500 Jahren. Fünf Jahrhunderte. Das ist länger, als viele Länder existieren, länger als manch alte Dynastie. Schon im 15. Jahrhundert nutzten Seefahrer die Zitrone aus Menton als Schutz vor Skorbut. Vitamin C als Lebensversicherung auf hoher See – klingt nüchtern, war aber überlebenswichtig.
Die geografische Lage hilft kräftig mit. Menton liegt eingebettet zwischen Meer und Bergen, fast wie in einer natürlichen Schale. Die Alpen halten kalte Winde fern, das Mittelmeer sorgt für milde Nächte, und die Sonne zeigt sich großzügig. Sehr großzügig. Über 300 Sonnentage im Jahr. Kein Wunder, dass die Zitronen hier weniger Säure entwickeln und stattdessen eine feine, fast süßliche Note tragen.
Man beißt hinein – und wartet auf das Ziehen im Kiefer. Es bleibt aus.
Stattdessen: Saftigkeit. Aroma. Überraschung.
Ein älterer Herr am Markt grinst, als er beobachtet, wie Touristen vorsichtig kosten. „Probier ruhig die Schale“, sagt er. „Die ist das Beste.“ Und tatsächlich: dünn, intensiv, voller ätherischer Öle. Perfekt für Zesten, Marmeladen oder einfach so, über frischen Fisch gerieben.
Handarbeit statt Hochglanz
Die meisten Zitronenhaine liegen auf Terrassen. Steil. Schmal. Nichts mit großen Maschinen oder Fließbandarbeit. Hier läuft fast alles von Hand. Schneiden, ernten, sortieren. Rückenarbeit, bei der man abends weiß, was man getan hat.
Alain, Zitronenbauer in dritter Generation, beschreibt es trocken: „Zitronen wachsen nicht von allein. Sie lassen es nur so aussehen.“
Ein Satz, der hängen bleibt.
Die Bäume brauchen Pflege, Wasser zur richtigen Zeit, Schutz vor zu viel Wind. Und Geduld. Viel Geduld. Die Ernte startet meist im Januar und zieht sich bis in den Frühling. Jeder einzelne Citron de Menton durchläuft eine strenge Auswahl. Form, Farbe, Unversehrtheit – alles zählt.
Denn diese Zitrone trägt ein Gütesiegel.
IGP – drei Buchstaben, viel Bedeutung
Der Citron de Menton besitzt die geschützte geografische Angabe IGP. Das klingt technisch, bedeutet aber etwas sehr Bodenständiges: Herkunft, Qualität und Tradition sind klar definiert. Nur Zitronen, die im festgelegten Gebiet wachsen und nach strengen Regeln angebaut sowie verarbeitet werden, dürfen diesen Namen tragen.
Kein Etikettenschwindel. Keine Abkürzungen.
In der Sortierstation werden die Früchte geprüft, begutachtet, manchmal aussortiert. Nicht jede Zitrone schafft es ins Rampenlicht. Und das ist auch gut so. Qualität lebt von Konsequenz.
Elsa, verantwortlich für die Kontrolle, sagt: „Wir schauen genau hin. Eine kleine Delle, eine falsche Farbe – das reicht.“ Klingt streng, ist aber fair. Denn am Ende steht ein Produkt, das seinem Ruf gerecht wird.
Oder anders gesagt: Wenn Citron de Menton draufsteht, ist auch Menton drin.
Von der Küche bis zum Sternekoch
Kein Wunder, dass Spitzenköche auf diese Zitrone schwören. Sie landet in Saucen, Desserts, auf Fisch, in Drinks. Manche Köche nutzen sie roh, andere fermentieren sie, wieder andere trocknen die Schale und mahlen sie zu Pulver. Ein Alleskönner, der nie laut wird, aber immer präsent bleibt.
In Menton selbst spielt die Zitrone sowieso überall mit. In Seifen. In Parfums. In Likören. Sogar auf den Stränden findet man sie als Motiv. Gelb als Markenzeichen.
Und dann ist da noch dieses Fest.
Wenn eine ganze Stadt Zitrone feiert
Jedes Jahr im Februar verwandelt sich Menton in ein gelbes Spektakel. Die berühmte Zitronenfestwoche zieht Hunderttausende Besucher an. Riesige Skulpturen aus Zitrusfrüchten, Umzüge, Musik, Konfetti. Ein bisschen verrückt, sehr lebendig.
Manche finden es kitschig.
Andere lieben es.
Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen. Aber eines ist klar: Dieses Fest zeigt, wie tief der Citron de Menton im Alltag der Menschen verankert ist. Er ist nicht nur Einnahmequelle, sondern Symbol. Ein kollektives Augenzwinkern. So nach dem Motto: Ja, wir feiern wirklich unsere Zitrone – und zwar ordentlich.
Warum auch nicht?
Geschmackssache? Nicht ganz
Natürlich gibt es viele gute Zitronen. Aus Italien, aus Spanien, aus Übersee. Aber der Unterschied liegt im Detail. In der Balance. Weniger aggressiv, mehr rund. Weniger Säure, mehr Duft. Der Citron de Menton drängt sich nicht auf. Er bleibt charmant.
Manche essen ihn tatsächlich roh. Mit Schale. Wie einen Apfel. Klingt verrückt, schmeckt überraschend gut. Fast wie ein Bonbon, sagen Einheimische. Und sie meinen das ernst.
Ist das nun objektiv die beste Zitrone der Welt?
Oder einfach die mit der besten Geschichte?
Vielleicht beides.
Zwischen Tradition und Zukunft
Die Zitronenbauern von Menton stehen vor Herausforderungen. Klimawandel, steigende Kosten, Konkurrenz durch billige Importe. Gleichzeitig wächst das Interesse an regionalen, authentischen Produkten. Menschen wollen wissen, woher ihr Essen kommt. Wer es anbaut. Unter welchen Bedingungen.
Hier hat Menton einen Trumpf in der Hand. Oder besser gesagt: in der Schale.
Junge Produzenten experimentieren mit Bioanbau, mit neuen Vermarktungswegen, mit direktem Kontakt zu Kunden. Social Media trifft Zitronenbaum. Klingt schräg, funktioniert aber.
Und ganz ehrlich – wer folgt nicht gern einem Zitronenhain mit Meerblick?
Ein kleiner Alltagsmoment
Stell dir vor: Sonntagmorgen. Fenster offen. Kaffee auf dem Tisch. Ein Stück Brioche. Dazu ein Glas selbstgemachte Zitronenmarmelade aus Menton. Nicht zu süß. Nicht zu sauer. Einfach stimmig.
Braucht man mehr?
Vielleicht genau das macht den Reiz aus. Der Citron de Menton ist kein lautes Luxusprodukt. Er ist leise, ehrlich, bodenständig. Und gerade deshalb so besonders.
Manchmal reicht eben eine gute Zitrone, um eine ganze Geschichte zu erzählen.
Und mal ehrlich – wann hast du das letzte Mal über eine Zitrone nachgedacht?
Ein Artikel von M. Legrand
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