Tag & Nacht


Es gibt diese Momente in der Politik, in denen ein Detail genügt, um den ganzen Betrieb kurz aus dem Takt zu bringen. Keine Rede, kein Beschluss, kein Gipfelpapier. Eine Sonnenbrille reicht. Genauer gesagt: die Sonnenbrille von Emmanuel Macron, aufgesetzt in Davos, dort, wo sonst vor allem Augenringe und PowerPoint-Präsentationen regieren.

Davos im Januar. Minusgrade, grauer Himmel, internationale Ernsthaftigkeit im Funktionsmantel. Und dann schreitet der französische Präsident durch die alpine Kulisse, geschniegelt wie immer, geschniegelt bis ins Detail – nur eben mit dunklen Gläsern. Aviator-Stil. Top Gun trifft Weltwirtschaftsforum. Man reibt sich die Augen. Oder besser: Man würde, wenn man sie nicht gerade vor lauter Symbolik zusammenkneift.

Natürlich ist alles ganz harmlos. Ein kleines Blutgefäß im Auge, medizinisch banal, politisch aber sofort hochinteressant. Denn wo ein Präsident eine Sonnenbrille trägt, beginnt das kollektive Rätselraten. Hat er schlecht geschlafen? Zu viel Weltpolitik gelesen? Oder schlicht zu lange in die Zukunft geblickt?

Macron selbst liefert die Erklärung frei Haus. Ein „problème bénin“. Nichts weiter. Und doch. In einem politischen System, das jede Falte, jedes Zucken, jede unbedachte Geste seziert, wird aus einer Augenreizung ein (inter)nationales Ereignis. Frankreich liebt so etwas. Frankreich lebt davon. Ein Präsident ohne Pathos wäre schließlich wie ein Croissant ohne Butter – theoretisch denkbar, praktisch unzumutbar.



Schon bei den Neujahrsgrüßen an die Streitkräfte hatte sich das rechte präsidiale Auge gerötet gezeigt, medizinisch unaufgeregt, optisch jedoch mit Signalwirkung. Macron reagierte, wie Macron reagiert. Mit Ironie. Mit Geschichte. Mit Tiger. „L’œil du tigre“, sagte er, und plötzlich stand nicht mehr ein gereiztes Blutgefäß im Raum, sondern Georges Clemenceau, der Tiger der Grande Nation, der Mann des Durchhaltens, der unbeugsamen Entschlossenheit. Zack, schon war aus der Bindehaut eine historische Metapher geworden.

Man muss das mögen. Oder zumindest respektieren. Denn kaum jemand versteht es so gut wie Macron, aus Nebensächlichkeiten Narrative zu formen. Andere Präsidenten würden sich entschuldigen, abwinken, schweigen. Macron hält eine kleine Rede. Entschuldigt die „Inästhetik“ seines Auges und verwandelt sie im selben Atemzug in eine Geste der Stärke. Ein bisschen Theater gehört eben dazu. In Frankreich sowieso.

Dass er nun auch beim Weltwirtschaftsforum mit Sonnenbrille erscheint, passt ins Bild. Davos ist schließlich nicht irgendein Ort. Dort, wo CEOs, Staatschefs und selbsternannte Welterklärer sich gegenseitig versichern, dass alles kompliziert, aber machbar sei, braucht es Haltung. Und wenn die Haltung diesmal über dunkle Gläser vermittelt wird, bitte schön. Warum nicht.

Die Brille selbst wirkt dabei fast wie ein politisches Accessoire. Nicht protzig, nicht verspielt, sondern funktional-männlich, ein Hauch von Staatsflieger, ein bisschen Président des Armées. Man könnte fast glauben, sie sei eigens für diesen Moment entworfen worden. Blau getönt, Aviator-Style, seriös. Keine Rockstar-Allüren, eher Staatsraison mit UV-Schutz.

Und doch schwingt ein leiser Humor mit. Wenn Macron bei einer Sitzung zur Zukunft Neukaledoniens sagt, man müsse ihn „so ertragen“, dann klingt das weniger nach Entschuldigung als nach augenzwinkernder Selbstinszenierung. Ja, er weiß, dass es auffällt. Ja, er weiß, dass darüber geredet wird. Und ja, er spielt mit. Politik als feines Gesellschaftsspiel, bei dem selbst medizinische Randnotizen ihren Platz finden.

Man stelle sich kurz vor, ein anderer Präsident hätte das getan. In Deutschland etwa. Sonnenbrille im Kanzleramt, Erklärung folgt später. Die Republik wäre tagelang in Aufruhr. In Frankreich hingegen gehört das zum guten Ton. Der Präsident als Figur, als Erzähler seiner selbst, als Mann, der selbst aus einer Augenreizung eine kleine Szene macht. Das ist nicht Eitelkeit. Das ist Stil. Oder zumindest das, was in Paris dafür gehalten wird.

Natürlich bleibt am Ende die beruhigende Botschaft. Alles harmlos. Kein Drama. Kein Notfall. Kein Staatsgeheimnis. Der Arzt des Élysée bestätigt: völlig ungefährlich. Man atmet auf. Die Republik sieht wieder klar – auch wenn ihr Präsident es vorübergehend etwas gedämpfter tut.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Witz dieser Episode. Während die Welt in Davos über Krisen, Kriege, Märkte und Moral debattiert, dreht sich die Aufmerksamkeit für einen kurzen Moment um ein Auge. Um eine Brille. Und man merkt: Politik besteht nicht nur aus großen Linien, sondern auch aus kleinen Gesten. Aus Bildern, die hängen bleiben. Aus Momenten, die man nicht geplant hat, die aber wirken.

Macron wird die Sonnenbrille bald absetzen. Ganz sicher. Und dann geht es weiter wie zuvor. Mit Reden, Reformen, Widerständen. Doch für einen Augenblick – pardon – hat sie etwas sichtbar gemacht: dass selbst im streng durchchoreografierten Machtbetrieb Platz für Ironie bleibt. Und für ein bisschen Schatten, wenn das Licht zu grell wird.

Oder anders gesagt: Wer so souverän mit einer roten Bindehaut umgeht, dem glaubt man fast, dass er auch größere Irritationen übersteht. Mit oder ohne Tigerblick.

Autor: C.H.

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